Fischfang

Thunfischbericht: Was man vor dem Verzehr wissen sollte

Der Gelbflossenthun gehört zu den am meisten gefangenen Thunfischarten.

Der Gelbflossenthun gehört zu den am meisten gefangenen Thunfischarten.

Foto: istock

Berlin  Der Appetit auf Thunfisch wächst – und damit der Druck auf die Bestände. Nur zehn Prozent der verkauften Mengen sind zertifiziert.

Ob frisch, gefroren oder aus der Dose – Thunfisch erfreut sich in Deutschland und weltweit immer größerer Beliebtheit. Die Fangmenge ist nach Auskunft des Marine Stewardship Council (MSC) zwischen 1950 und 2017 von 600.000 auf rund 7,9 Millionen Tonnen pro Jahr gestiegen.

Der globale Umsatz wird auf jährlich etwa 45 Milliarden Euro geschätzt. Damit steigt auch der Druck auf die Bestände. Viele Verbraucher fragen sich bereits, ob sie Thunfisch überhaupt noch essen sollten, heißt es im MSC-Thunfischbericht 2019, der heute veröffentlicht wird. Der MSC ist eine gemeinnützige Organisation zur Zertifizierung nachhaltiger Fischerei, die 1997 ins Leben gerufen wurde.

Welche Thunfisch-Arten gibt es?

15 verschiedene Arten schwimmen in den Ozeanen. Auf sieben davon entfällt das Gros des kommerziellen Thunfischfangs: drei Arten B lauflossenthune, Großaugen-, Gelbflossenthune, Weiße Thune und Echte Bonitos.

Die am meisten gefangenen Arten sind der Echte Bonito (56 Prozent) und der Gelbflossenthun (29 Prozent). Der Anteil der bis zu 700 Kilogramm schweren Blauflossenthune ist mittlerweile auf unter ein Prozent gesunken.

Wo werden sie gefangen?

In allen tropischen, subtropischen und gemäßigten Meeren ist der Thunfisch zu Hause. Die kommerziell wichtigsten Arten werden i m Indischen Ozean, im Ost- und Westpazifik sowie im Atlantik gefangen. Die höchste Fangmenge, etwa 2,5 Millionen Tonnen, gibt es im Westpazifik.

„Die Bestände verteilen sich auf enorm große Meeresgebiete und durchwandern die Wirtschaftszonen zahlreicher Länder sowie internationale Gewässer“, schreibt Kristina Barz vom Thünen-Institut für Ostseefischerei im MSC-Bericht. Verlässliche Daten zu Fängen und Beständen seien deshalb nur bedingt verfügbar und schwer zu ermitteln.

Wie werden sie gefangen?

Art, Größe, Verhalten im Schwarm und die Fangregion beeinflussen die Methoden. Acht Prozent der weltweiten Fänge werden mit Angelruten gefangen, vor allem Echte Bonitos und Gelbflossenthune. Zudem gibt es die Langleinen- und die Ringwaden-Methode.

Bei Langleinen werden kilometerlange Leinen mit Köderhaken hinter Booten hergezogen, beim Ringwaden-Fang werden bis zu zwei Kilometer lange ringförmige Netze um die Schwärme gelegt. Keine Fangmethode kann per se von negativen Folgen für Bestände oder Umwelt freigesprochen werden, erklärt der MSC. Als schonend immerhin gilt die Angelrutenfischerei.

Die Ringwaden-Methode ist die wirtschaftlichste und deshalb auch die am häufig genutzte, doch sie steht in der Kritik. Umweltschützer bemängeln, dass viele Schwärme mit sogenannten ausgelegten Fischsammlern (FADs) gefangen werden. Dabei machen sich die Fischereien bei der Suche nach Schwärmen das Verhalten der Tiere zunutze, sich unter Treibgut zu sammeln.

Laut MSC werden 40 Prozent der weltweiten Fänge mit diesen FADs unterstützt, bei der Ringwaden-Methode sind es 65. Weil beim FAD-Einsatz auch Meeresschildkröten oder Haie als Beifang in den Netzen landen, sind sie Umweltorganisationen ein Dorn im Auge. Sie fordern sogar deren Abschaffung.

Wie ist es um die Thunfischbestände bestellt?

Die sieben wichtigen kommerziellen Arten teilen sich weltweit in 23 Bestände, berichtet das MSC. 15 seien hinsichtlich ihrer Größe aktuell in einem guten Zustand, drei gelten als überfischt – Gelbflossenthune im Indischen Ozean; Blauflossenthune im Pazifik und Großaugenthune

. Fünf Bestände sollen sich auf mittlerem Niveau befinden. Laut einer Studie der International Seafood Sustainability Foundation (ISSF) gelten insgesamt 13 Prozent der Bestände als überfischt.

Wie kann man erkennen, ob ein Fang der Umwelt schadet?

Bei einer Marktanalyse im Auftrag von MSC sind im deutschen Handel zehn verschiedene Labels auf Thunfisch entdeckt worden. Ein einzelnes Produkt konnte bis zu vier Siegel tragen. Neben den unabhängigen Nachhaltigkeitssiegeln MSC, Dolfin Safe (Definschutz) und „Friend of the sea“ (FOTS) gab es sieben weitere, die auf firmeneigenen Nachhaltigkeitsprogrammen basieren.

Das am meisten verbreitete Siegel in Deutschland ist das MSC-Siegel. Beim Thunfisch aber kommen nur zehn Prozent der im Einzelhandel verkauften Mengen aus MSC-zertifizierter Fischerei. Knackpunkt dabei: Vor allem im Preiseinstiegssegment bei Konserven gibt es kaum zertifizierte Produkte.

„Thunfisch ist eine wertvolle Ressource, die ihren Preis haben sollte“, gibt MSC-Direktorin Stefanie Kirse zu bedenken. Nachhaltigkeit, also die Rücksicht auf Bestandsgröße, Management und Fangmethode samt Vermeidung negativer Folgen für Fisch und Ökosystem, koste Geld. Wer sich für zertifizierte Produkte entscheide, motiviere Fischereien, Hersteller und Handel, umzudenken. Generell sollten Verbraucher hinterfragen: Woher stammt mein Fisch, wie wurde er gefangen?

Was sagen andere Wissenschaftler und Umweltschützer?

Anfang 2018 veröffentlichte ein internationales Bündnis von 66 Verbänden und Wissenschaftlern einen offenen Brief an den MSC. Sie kritisierten die Zertifizierungsmethoden als zu lasch und forderten Reformen bei der Transparenz und bei der Unabhängigkeit der Zertifizierung. Auch aus Sicht der Umweltstiftung WWF, die das MSC vor mehr als 20 Jahren mitgegründet hat, gibt es Reformbedarf.

Für Greenpeace gibt es derzeit sogar gar kein Siegel, das uneingeschränkt zu empfehlen ist. Die Label MSC und FOTS seien zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber keine Garantie, dass die Produkte aus wirklich nachhaltigen Fischereien stammen.

Der MSC nimmt für sich in Anspruch, das weltweit anerkannteste und strengste Zertifizierungsprogramm für nachhaltige Fischerei zu sein. Und die Organisation, die sich aus Spenden und Lizenzgebühren finanziert, aktualisiert ihre Umweltstandards und Zertifizierungsrichtlinien regelmäßig, um sie an neue wissenschaftliche Erkenntnisse anzupassen. Einige der aktuellen Änderungen betreffen auch das Thema Thunfisch.

Wie konsumiert der deutsche Verbraucher?

Der Thunfisch rangiert auf Platz vier der beliebtesten Speisefische in Deutschland. Im vergangenen Jahr wurden etwa 77.400 Tonnen importiert, statistisch isst jeder Verbraucher pro Jahr ein Kilogramm. 80 Prozent der Produkte werden in Supermärkten und Discountern gekauft, 71 Prozent davon Konserven. In Deutschland sind laut MSC nur drei Thunfischarten relevant: Echter Bonito, Gelbflossenthun und Weißer Thun. 69 Prozent des in Deutschland verkauften Thunfisches stammt aus dem Pazifik.

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