Gesundheit

Wo Pflege-Roboter noch immer an ihre Grenzen stoßen

Roboter Pepper demonstriert im Rahmen des Forschungsprojekts „Format“ Besuchern, was er kann – und was nicht.

Roboter Pepper demonstriert im Rahmen des Forschungsprojekts „Format“ Besuchern, was er kann – und was nicht.

Foto: Maike Glöckner

Halle  Ein Forschungsprojekt in Halle testet neue Technologien auf ihre Alltagstauglichkeit. Was können die Pflegeroboter? Ein Besuch vor Ort.

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Wer hautnah erleben möchte, welche Rolle Technik künftig in der stationären und häuslichen Pflege spielen könnte, muss nach Sachsen-Anhalt reisen, genauer gesagt zum Dorothea-Erxleben-Lernzentrum am Universitätsklinikum Halle. Dort kann man schon heute einen kleinen Roboter in Aktion erleben:

„Hallo Herr Schwarz, möchten Sie Ihren aktuellen Terminplan einsehen?“ Pepper, der 1,20 Meter kleine Roboter, hat seinen Kopf in den Nacken gelegt und schaut mit großen runden Augen zu seinem Gesprächspartner hoch – „Ja“ – „Okay, ich lade Ihre Daten. Hier sehen Sie Ihren Terminkalender.“

Der kleine Roboter spricht mit seinem Gegenüber

Peppers Arme gestikulieren unbeholfen, das Tablet auf seinem Oberkörper wechselt in eine Kalenderansicht. „Heute, um 15 Uhr, ist eine MRT-Untersuchung angesetzt. Möchten Sie Näheres zu dieser Methode erfahren?“ Pepper rattert eine Erklärung des Verfahrens herunter, zeigt ein MRT-Bild und spielt das laute Geräusch ab, das Patienten während der Untersuchung hören. „Diese Geräusche sind völlig normal“, beruhigt er sein Gegenüber.

Karsten Schwarz grinst zufrieden. Er ist kein echter Patient: Der Wirtschaftsinformatiker hat das MRT-Szenario dem Roboter selbst beigebracht und demonstriert es gerade einer Besuchergruppe aus einer Berliner Klinik.

Fast alle Patienten reagieren positiv auf Pepper

In einer laufenden Studie zu einer ähnlichen Aufklärungssituation reagieren Patienten fast durchweg positiv auf den Roboter. Auch Marie Sohn und ihre Kollegen sind dem Charme erlegen und streicheln dem kleinen Roboter über den Kopf, was dieser mit wohligen Kommentaren quittiert.

Sohn leitet im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus eine Geriatrie-Station. Die 30-jährige Pflegemanagerin wurde gerade erst für ihre innovativen Ansätze in der Pflege von Demenz-Patienten ausgezeichnet. Jetzt ist sie auf der Suche nach neuen Hilfsmitteln für ihre Arbeit: „Als ich von Pepper gehört habe, war ich fasziniert. Ich musste mir unbedingt anschauen, ob er sich auch für uns eignet“.

Wie können neue Technologien die Pflege erleichtern?

Genau solche Fragen wollen Kars­ten Schwarz und seine Kollegen beantworten. Gemeinsam mit sechs Pflegewissenschaftlern sowie einem Radiologen arbeitet er für das Forschungsprojekt Format, das an der Medizinischen Fakultät in Halle angesiedelt ist. Ihr Ziel ist, herauszufinden, wie sich neue Technologien dazu nutzen lassen, die Pflege von Menschen mit Demenz, Tumorerkrankungen und Herzschwäche zu verbessern.

Um darauf praktische Antworten zu finden und diese vor allem auch Pflegeprofis und pflegenden Angehörigen vermitteln zu können, wird am Standort in Halle derzeit ein „Future Care Lab“ aufgebaut. In einer nachgestellten Arztpraxis, einem Stations- sowie einem Wohnzimmer werden die Technologien ausprobiert und erlebbar gemacht. Pepper ist nur eine von zahlreichen Technologien, die Sohn und ihre Kollegen an diesem Tag zu sehen bekommen.

Häufig sind gerade die unscheinbaren Geräte tauglicher

Oftmals seien es die weniger spektakulären Produkte – etwa ein Rollator mit E-Motor oder ein Stationsbett, dessen Liegefläche sich zu einem drehbaren Sitz wandeln lässt – die tatsächlich Hilfe im Pflegealltag bieten, Roboter bislang eher nicht. Zwar werde am Thema „Roboter in der Pflege“ geforscht – noch gebe es aber keine Produkte, die tatsächlich in der Pflege zum Einsatz kommen könnten, berichtet Schwarz.

Pepper sei insofern eine Ausnahme, als dass er kommerziell verfügbar und mit einem Preis von rund 25.000 Euro halbwegs erschwinglich sei. Im Alltag könne man ihn aber nur in eng gefassten Bereichen einsetzen.

Vollgepackt mit Sensoren, aber häufig orientierungslos

Das liege auch daran, dass jeder Dialog, den Pepper führen soll, händisch einprogrammiert werden muss – inklusive möglicher Antworten. Reagiert ein Patient in einer Weise, die nicht wörtlich vorgesehen war, weiß Pepper nicht weiter. „Offene Fragen sind daher sehr schwierig. Besser klappt es mit Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können“, sagt Schwarz.

Ein anderes Szenario, das die Forscher testen, ist, Pepper als Lotsen einzusetzen. In einer Klinik, so die Überlegung, könnte er Patienten etwa zu Untersuchungsräumen führen. In der Praxis klappt das noch nicht, berichtet Schwarz: „Wir scheitern aktuell an der Navigation. Pepper ist zwar vollgepackt mit Sensoren – und er kann prinzipiell auch eine Karte von seiner Umgebung erstellen. Aber oft weiß er dann nicht, wo auf dieser Karte er sich gerade befindet.“ Auch könne Pepper einer Person zwar einen geraden Krankenhausgang entlang folgen, allerdings nur, bis diese in ein Zimmer abbiegt.

Dieser Roboter öffnet Türen und macht Zuschauern Angst

Dieser Roboter öffnet Türen und macht Zuschauern Angst
Dieser Roboter öffnet Türen und macht Zuschauern Angst

Einfacher, aber besser: Die künstliche Robbe überzeugt

Schwarz’ Kollegin Katrin Wedler ist von Pepper nicht überzeugt: „Aktuell nimmt er gar keine Arbeit ab. Man bräuchte vielmehr einen eigenen Techniker, der ihn die ganze Zeit betreut.“ Für das Geld könne man hilfreichere Dinge anschaffen, so die Pflegewissenschaftlerin.

Am Ende der Präsentation hat ein viel einfacherer Roboter das Herz von Pflegeleiterin Marie Sohn erobert: Paro, ein Roboter in Form eines Robbenbabys. Er reagiert auf Berührung und Ansprache, blickt Menschen direkt an, klimpert mit langen, computergesteuerten Wimpern und macht herzerweichende Geräusche.

Paro wirkt bei Demenz-Kranken Wunder

Nach Erfahrungen der Format-Forscher wirke Paro gerade im Umgang mit Demenz-Patienten Wunder, berichtet Wedler: „Diese Patienten sind gerade bei der Aufnahme ins Krankenhaus oft sehr gestresst, was die Untersuchung und Behandlung für Ärzte und Pflegepersonal erschwert. Mit Paro haben die Patienten etwas zum Festhalten, oft verbessert sich ihre Stimmung rapide, sodass dann etwa viel einfacher ein Venenzugang gelegt werden kann.“

Auch im Pflegealltag helfe Paro spürbar. „Unruhige Demenz-Patienten, die sonst ihr Bett auseinandernehmen, beschäftigen sich stattdessen ganz ruhig mit der kleinen Robbe“, sagt die Pflegeforscherin.

Marie Sohn kann sich die flauschigen Robben sehr gut auf ihrer Station vorstellen, der mitgereiste Chefarzt Rainer Koch ebenfalls. Für Pepper sieht er derzeit kaum praktischen Nutzen, das müsse aber nicht für die Zukunft gelten: „Wenn Pepper in den kommenden Jahren weiterentwickelt und mit einer besseren Software ausgestattet wird, könnte ich mir einen Einsatz auf Station grundsätzlich vorstellen.“

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