KINO

„Axolotl Overkill“ – Hegemanns Lurch kommt auf die Leinwand

Spielt mit dem Feuer – und verletzt sich stets aufs Neue: Jasna Fritzi Bauer als Mifti.

Foto: CONSTANTIN

Spielt mit dem Feuer – und verletzt sich stets aufs Neue: Jasna Fritzi Bauer als Mifti. Foto: CONSTANTIN

Essen.   Neu im Kino: Helene Hegemann verfilmt ihren eigenen Roman – und findet mit „Axolotl Overkill“ zu einer ganz eigenen künstlerischen Handschrift.

Ewige Jugend, das ist so ein typischer Wunsch der Lebensmitte. Zugleich ist die echte Jugend frühreif wie nie, und so treffen sich die Teens und Twens mit den Ü-40ern in den gleichen Berliner Tanztempeln, feiern schwitzend ab im pulsierenden Rotlicht und stolpern am frühen Morgen volltrunken über die Brachflächen drau­ßen vor der Tür. Hat noch jemand Kokain? „Wir müssen ja irgendwie nach Hause kommen“, sagt Ophelia und lässt sich in Miftis stützende Arme fallen.

„Axolotl Overkill“ heißt Helene Hegemanns Filmversion ihres eigenen Romans; nun sieht man das Axolotl-Tierchen auch mal: Blassrosa dümpelt es im Aquarium, ein Schwanzlurch, der sein Leben lang im Larvenstadium bleibt – also nie erwachsen wird. Mifti ist auch so ein Axolotl, tief im Innern. Jasna Fritzi Bauer, mit ihrem glatten Gesicht eines zehnjährigen Jungen, wechselt rasant vom Turn- zum Stöckelschuh, von der überlegenen Ihr-könnt-mich-alle-mal-Miene ei­nes innerlich längst verhärteten Halbwaisenkindes zur verzweifelt Herzensgebrochenen in der U-Bahn-Station – weil die Nacht mit der weit über 40-jährigen Alice so schön war und so kurz.

Der Rausch der Bilder

Die Berliner Bohéme feiert sich selbst in diesem Film, so könnte man es sehen und den Rausch der Bilder kühl an sich vorbeiziehen lassen. Die Handlung, so ungefähr: Mifti lebt nach dem Tod ihrer Mutter in einer WG mit ihren Halbgeschwistern Anika (Laura Tonke) und ihrem Bruder Edmond (Julius Feldmeier). Ihren gemeinsamen Vater (Bernhard Schütz) besuchen sie nur gelegentlich in seiner kühlen Betonvilla und trinken dann höchst erwachsen Rotwein aus großen Gläsern. Anika ist die fürsorgliche Ersatz-Mama, die Mifti zur Not mit Gewalt in die Schule treiben will – vielleicht ein Fehler.

Denn in der Schulkantine trifft Mifti auf Ophelia (Mavie Hörbiger), eine Schauspielerin, die hier Sozialstunden ableistet – man beschimpft sich, bewirft sich mit Spaghetti, erzählt sich im lässigen Plauderton die je eigene Psychopharmaka-Karriere. Mit Ophelias Clique feiert Mifti fortan durch und trifft auch Alice (Arly Jover) wieder, die geheimnisvolle Schöne.

Das Mädchen als souveränes Wesen

Im Ernst jetzt? Liebessehnsucht einer jungen Frau, die ihre Mutter verlor und nun einer deutlich älteren Liebhaberin verfällt? Der reine Kitsch wäre das womöglich in den Händen eines anderen. Helene Hegemann aber zeigt das Mädchen als souveränes Wesen – vielleicht das souveränste Wesen des ganzen Films, trotz des zarten Alters.

Schließlich zeigt sie auch sich selbst: Aufgewachsen bei ihrer Mutter in Bochum, zog sie nach deren Tod mit 13 Jahren zu ihrem Vater, dem Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann, nach Berlin. Schrieb ein erstes Bühnenstück, drehte einen ersten Film, schließlich mit nur 17 Jahren den ersten Roman – der zum „Skandal“-Roman wurde, als bekannt wurde, dass sie bei dem Blogger Airen abgeschrieben hatte.

Warum Champagner gefährlich ist

Der Film, den Hegemann im Jahr 2015 mit nur 23 Jahren drehte, aber weist nun eine ganz eigene und eigensinnige Handschrift auf: Hier hat jemand tatsächlich etwas zu sagen und findet eigene künstlerische Mittel dafür. Manche Szenen, manche beiläufigen Unterhaltungen wirken geradezu ungeplant, die Gesten und Worte wie hingetupft. Dann wieder gelingen ihr dichte Momente, die den ganzen Irrsinn des Jungseins einfangen: Wenn die fürsorgliche große Schwester Anika Mifti zu ihrem Geburtstag Wodka serviert statt Champagner – weil es doch so gefährlich ist, wenn die Korken knallen! (Dass wir die, die wir schützen wollen, immer vor den falschen Dingen schützen.)

So ist hier auch das Porträt einer Künstlerin als junger Frau zu bestaunen: die die harten Bälle, die das Leben ihr um die Ohren haut, mit aller Macht zurückschlägt.

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