Türkei

Der Putschversuch und seine Folgen

Die Geschehnisse in der Türkei nach dem Putschversuch sorgen immer wieder für Demonstrationen: Auf diesem Symbolbild fliehen kurdische Demonstranten vor der Polizei.

Die Geschehnisse in der Türkei nach dem Putschversuch sorgen immer wieder für Demonstrationen: Auf diesem Symbolbild fliehen kurdische Demonstranten vor der Polizei.

Foto: Sedat Suna / DPA

Hagen.  MC-Reporterin Derya Yaman hat mit einem türkischen Studenten gesprochen. Zum Zeitpunkt des Putsches studierte dieser in Istanbul.

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Ganz unerwartet hatten uns vor einiger Zeit erschütternde Nachrichten aus der Türkei erreicht: Zu sehen waren damals Bilder von Panzern auf der Bosporusbrücke, Kampfjets, die ganz nahe an Wohnungsvierteln vorbeiflogen, ein bombardiertes Hotel, in dem sich Präsident Erdogan aufhielt und das beschädigte türkische Parlament. Das Geschehen und seine Auswirkungen sollen hier aus der Sicht der Jugendlichen näher untersucht werden. MC-Reporterin Derya Yaman hat mit einem Betroffenen gesprochen: T., dessen Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden soll, ist 24 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Dortmund. Er hat zuletzt vier Jahre lang an einer Hochschule in Istanbul studiert und das Land nach dem Tag des Putsches verlassen.

An diesem Sonntagabend, genauer am 15. Juli 2016, sah man zunächst Panzer und Militärs auf den Istanbuler Straßen. Kurz danach rief dann der türkische Präsident Erdogan in den Medien alle Bürger auf die Straßen der Stadt, um einen angehenden Putschversuch zu verhindern. Und wo man dann zunächst wirklich nur Militärs sehen konnte, kamen dann doch immer mehr Leute, Zivilisten, auf die Straßen. Viele Bürger stiegen, nach den Anweisungen von Erdogan, sogar auf die Panzer, um den Putschversuch zu vereiteln. In den Medien sah das ganze Geschehen überwiegend friedlich aus. „Alles geschah ja innerhalb von nur wenigen Stunden. Am Anfang des Putschversuches war ich deshalb auch noch in der Stadt unterwegs. Auf der Straße habe ich deshalb die stark verletzten Zivilisten und Soldaten gesehen. Eine mir bis dahin unbekannte Familie brachte mich an diesem Abend in ihre Wohnung, da die Fahrt nach Hause für mich in dem Chaos nicht mehr möglich war,“ erzählt T. In einigen sozialen Netzwerken wurden dann auch Bilder und Videos von brutal verletzten oder sogar umgebrachten Soldaten veröffentlicht. Die traurige Bilanz des Putschversuches: 1000 Menschen wurden verletzt, 260 kamen ums Leben.

Säuberungen im ganzen Land

Am Tag darauf ging es dann los mit den sogenannten „Säuberungen“ - welche vom Staat organisiert wurden. Viele Universitäten wurden geschlossen, Professoren wurden suspendiert oder gleich verhaftet. Insgesamt rund 6000 Akademiker, Richter und Journalisten wurden in dieser Zeit festgenommen. Rechtliche Gründe wurden dafür bis heute meist nicht vorgelegt. „Mein Professor wurde, so wie viele andere Akademiker auch, festgenommen. Da habe ich mich selbst auch nicht mehr sicher gefühlt“, sagt T. Jeden Tag hätte er im Fernsehen neue Schreckensmeldungen gehört, ein Besuch an der Universität ohne Angst schien für ihn nicht mehr möglich. „Unter solchen Umständen konnte ich nicht mehr leben. Ich hatte irgendwann sogar Angst davor, auch nur eine kurze Zeit draußen alleine verbringen zu müssen. Ich kam vor vier Jahren in die Türkei, um zu studieren. Und ich war auch wirklich glücklich dort. Doch nach dem Putschversuch kann ich mir eine Zukunft in der Türkei nicht mehr vorstellen. Erst nach einer langen Zeit nach meinem Studium könnte ich mir vorstellen in die Türkei zurückzukehren, aber momentan ist es nicht der Rede wert. Es sind so viele Menschen ums Leben gekommen, überall lagen stark verletzte Menschen, aus diesem Grund haben wir als das Volk eine Wiederholungsangst vor dem Putschversuch. Nun bin ich wieder in Deutschland und fühle mich hier sicherer“, sagt der Dortmunder.

„In den türkischen Medien wird Vieles erzählt. Ob man das einfach alles so glauben sollte, das bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Meiner Meinung nach sollte die nun offiziell verdächtigte Gruppe (Anmerkung: Die sogenannte "Gülen-Bewegung“) aber besser untersucht werden. Denn: Unschuldige Menschen sollten nicht einfach grundlos verhaftet werden. Ich weiß nicht, wer den Putschversuch gemacht haben könnte, im Grunde könnten ja auch Andere verdächtig sein. Aber falls eine Gruppe von Menschen unter Verdacht gestellt wird – so wie es ja momentan der Fall ist – hat der Staat eigentlich die Aufgabe, erst einmal klare Beweise vorzulegen und das Volk richtig zu informieren“, sagt der Student.

Drastische Veränderungen

Er kritisiert aber nicht nur das Vorgehen gegen die vermeintlichen Putschisten. Auch für viele Unbeteiligte habe sich das Leben in der Türkei drastisch verändert, berichtet er. In der Gesellschaft würden etwa Erdogan-Gegner ausgeschlossen und bedroht werden. Dabei würde die politische Lage der Türkei unter türkischen Jugendlichen gerne und oft diskutiert. „Zurzeit gibt es keine Meinungsfreiheit,“ sagt T.. Jegliche Äußerungen gegen Erdogan hätten teilweise gravierende Konsequenzen, etwa eine Suspendierung von der Universität oder Schule. Oder noch schlimmer: persönliche Verfolgung und Bedrohung - oder sogar eine Festnahme. „In der Türkei wird nur eine Meinung akzeptiert: Pro Erdogan. Alles was er macht, das wird als richtig wahrgenommen. Die Mehrheitsgesellschaft liebt ihn und steht hinter ihm. Ein Kollege wurde lange Zeit von Erdogan-Anhängern verfolgt, um seine Meinung zum Präsidenten herauszufinden. Als sie nichts herausbekamen, wurde er bedroht und er trat vor Angst in die AKP ein“. Offiziell ist die AKP, zumindest laut ihrer Mitglieder und Selbstbeschreibung, eine Partei, die sich für Gleichberechtigung und Demokratie einsetzt - viele Menschen sehen die Partei aber auch als islamistisch an.

Derya Yaman, Klasse 11d, Gesamtschule Haspe, Hagen

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