Brasilien

Ein Land mit zwei Gesichtern

Beim Generalstreik gegen die Regierung von Temer und die Sozial- und Arbeitsreformen versammelten sich die Gewerkschaftszentralen auch im Zentrum von São Paulo, im Südosten Brasiliens.

Foto: TIAGO QUEIROZ

Beim Generalstreik gegen die Regierung von Temer und die Sozial- und Arbeitsreformen versammelten sich die Gewerkschaftszentralen auch im Zentrum von São Paulo, im Südosten Brasiliens.

Moers.  Karneval, Strand, Lebenfreude: Brasilien ist wunderschön – aber nicht immer und überall.

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Überall Polizei- und Krankenwagen, ihre Sirenen schallen durch die Luft. Sanitäter rufen hektisch durcheinander, sie versorgen die Verletzten, die auf der Straße liegen. Wo vor einer halben Stunde noch Tausende Menschen gegen die Regierung protestierten, bietet sich nun ein Bild der Zerstörung. Es riecht nach Rauch. Die Fassaden der Häuser sind an einigen Stellen rußgeschwärzt. Obwohl es schon weit nach Mitternacht ist, ist die Straße hell erleuchtet. Etwas abseits der wenigen Menschen, die sich hier noch befinden, stehen zwei völlig ausgebrannte Busse, die während der Proteste in Brand gesetzt wurden. Nun sind von ihnen nur noch schwarze Skelette übrig.

In ganz Brasilien war im April zu Generalstreiks aufgerufen worden, die den Alltag in vielen Regionen des Landes durcheinanderbrachten. Mehr als 40 Millionen Brasilianer gingen auf die Straße, um ihre Meinung zu äußern. Sie sind sauer. Sauer auf Präsident Michel Temer und seine Pläne für eine Arbeitsreform. Sie alle sind sich sicher, dass davon – wenn überhaupt – nur die Reichen profitieren.

Rio – eine Stadt voller Widersprüche

Zunächst verliefen die Proteste friedlich. Doch in Rio de Janeiro und São Paulo eskalierte die Situation schließlich. Es wurde sogar versucht, den privaten Wohnsitz des Präsidenten zu stürmen. Um die Menschen zurückzudrängen, setzte die Polizei Tränengas und Gummigeschosse ein.

Mein Vater kommt aus Brasilien. Wenn er gefragt wird, aus welchem Land er stammt, sind die meisten Leute sofort begeistert. Für sie ist Brasilien ein Paradies. Sonne, Strand und natürlich der Karneval, bei dem Tag und Nacht in bunten Kostümen durch die Straßen getanzt wird. Andere denken an die hohe Fußballkunst der Nationalmannschaft, mal von der 7:1-Pleite bei der WM 2014 gegen Deutschland abgesehen. Und diese Natur! Alleine im brasilianischen Regenwald, der etwa die Hälfte des Landes einnimmt und durch den der breiteste Fluss der Erde, der Amazonas, fließt, sind über 2000 Vogelarten beheimatet. Klingt doch alles fantastisch! Aber das ist es eben nicht – nicht nur.

Der Generalstreik war die Folge einer wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung. Die Menschen sind wütend, weil die Regierung generell viel zu wenig für die Wirtschaft und gegen die Probleme im Land tut. Ein Problem des Landes sind die große Armut und die Finanzprobleme. Vor zehn Jahren ging es der Wirtschaft in Brasilien noch sehr gut. Doch inzwischen ist sie stark eingebrochen. Hinzu kommt, dass die Regierung das wenige Geld oft für Dinge ausgibt, die das Land nicht braucht, statt in Bildung und die Bekämpfung der Armut zu investieren.

Rio ist ein gutes Beispiel für die Widersprüche des Landes. Einerseits gibt es diese hochmodernen Wolkenkratzer und die wunderschönen Sandstrände. Begibt man sich jedoch in die Favelas, die riesigen Armenviertel, merkt man schnell, dass das Paradies woanders sein muss. Überall heruntergekommene Hütten, in denen viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Die Menschen haben kaum etwas zu essen, keinen Wasser- oder Stromanschluss. Die meisten von ihnen sind arbeitslos oder verdienen nur wenig Geld. Es gibt viele dunkle Gassen, in denen sich Gestalten herumtreiben, mit denen man nicht unbedingt etwas zu tun haben möchte. Auf die von Müll übersäten Straßen fällt kaum Licht. Es gibt beinah keine medizinische Versorgung. Stattdessen wird mit Drogen und Waffen gehandelt.

Durch die Armut hat Brasilien ein weiteres großes Problem. Wer nicht legal Geld verdienen kann, muss es sich illegal beschaffen. So starben in Brasilien 2012 mindestens 56.337 Menschen durch Mord oder Totschlag. Die Polizei tut kaum etwas. Denn dadurch, dass sie nur wenig verdienen, werden sie, wie Politiker, Richter und andere Beamte, oft bestochen.

Die Unterschiede zwischen Arm und Reich werden immer größer, der Regenwald wird langsam, aber stetig abgeholzt und die Gewalt nimmt zu. Trotz allem bin ich begeistert von diesem Land und beeindruckt von seiner Geschichte und Kultur sowie der Lebensfreude der Menschen. Und wer weiß, vielleicht bringt die nächste Wahl ja Besserungen?

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