Obdachlose Jugendliche

„Sie passen nicht ins System“

Bochum.   Die Zahl der wohnungslosen Jugendlichen in Bochum steigt. In Notschlafstellen wie „Schlaf am Zug“ finden sie nachts eine Bleibe. Ein Interview

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Wer mit offenen Augen durch Bochum geht, entdeckt unter den Obdachlosen auch Jugendliche. Die Zahl der Minderjährigen, die auf der Straße leben, steigt. Nachts suchen einige von ihnen die Notschlafstelle „Schlaf am Zug“ der Stiftung Overdyck auf. Seit viereinhalb Jahren arbeitet dort die 26-jährige Sozialarbeiterin Linda Landmesser.

Wie werden Jugendliche überhaupt obdachlos?

Das ist sehr unterschiedlich. Oft funktioniert es zu Hause nicht. Es gibt Stress mit den Eltern oder Geschwistern. Manchmal auch beides. Nicht selten gibt es Gewalt in den Familien – und dann wollen die Jugendlichen nicht mehr zu Hause wohnen oder werden gar rausgeworfen. Manche waren auch im Gefängnis und haben dann keine Wohnung gefunden. Es gibt viele Jugendliche, die irgendwie nicht in das System passen. Sie werden immer jünger, sodass es schwer wird, passende Angebote für sie zu finden. Darüber hinaus spielen auch Drogen eine Rolle. Junge Menschen kommen immer früher mit verschiedenen Substanzen in Kontakt und verlieren den Halt.

Was bieten Sie den Jugendlichen über die Schlafmöglichkeit hinaus?

Wir versuchen zunächst, die Grundbedürfnisse zu stillen. Die Jugendlichen können sich hier duschen, ihre Wäsche waschen, neue Kleidung aus der Kleiderkammer wählen und essen. Bei manchen ist die Sicherung des Überlebens vorrangig – manchmal müssen wir einen Krankenwagen rufen. Wir sind immer offen für Gespräche, organisieren Termine und begleiten sie dorthin. Wir sind dann sozusagen Vermittler. Außerdem bieten wir Freizeitangebote, wie Essen gehen oder in den Movie-Park fahren, um sie am normalen Leben teilhaben zu lassen und ihnen auch das normale Leben zu zeigen.

Welche Regeln gibt es hier?

Wir haben viele Regeln. Die Jugendlichen dürfen zwar unter Drogeneinfluss zu uns kommen, im Haus darf aber natürlich nicht konsumiert werden. Das gilt selbstverständlich auch für Alkohol. Gewalt, Waffen und waffenähnliche Gegenstände sind ebenfalls verboten. Darüber hinaus gibt es noch viele kleinere Regeln.

Wie werden Identität und Alter ermittelt?

Die ersten drei Nächte dürfen die Jugendlichen anonym hier übernachten. Danach muss der Tagdienst ein Gespräch führen, um alle Daten zu ermitteln, die dann gegebenenfalls an das Jugendamt, die Sorgeberechtigten oder den Vormund weitergeleitet werden. Viele Jugendliche haben keinen Personalausweis, sodass wir uns mit dem Schülerausweis oder der Krankenversicherungskarte begnügen müssen. Das Jugendamt weiß oftmals bereits vom Aufenthalt bei uns oder informiert uns vorher, dass bestimmte Jugendliche kommen.

Was war Ihr schönstes Erlebnis?

Das sind oft alltägliche Begegnungen. Manchmal ist es total lustig, wenn wir mit den Jugendlichen kickern oder Spiele spielen. Da gibt es viele, viele unterschiedliche Momente.

Und welcher Moment blieb Ihnen negativ im Gedächtnis?

Es ist immer ganz schlimm, wenn wir Jugendliche abends wegschicken müssen, weil wir überfüllt sind. Dann versuchen wir natürlich noch einen anderen Schlafplatz zu organisieren. Es gibt etwa die Möglichkeit, im Fliednerhaus an der Castroper Straße unterzukommen. Dort schlafen eigentliche Erwachsene über 20 Jahren.

Wie schwer ist es für Sie, junge Menschen am Abgrund zu sehen?

Das ist manchmal schon hart, wenn man die Geschichte dahinter mitbekommt und weiß, wie das alles passiert ist. Manche der Jugendlichen kommen auch über einen längeren Zeitraum zu uns und man kennt sich. Wenn man alles mitkriegt, geht einem das schon sehr nahe.

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Als ich studiert habe, haben Freunde von mir hier gearbeitet. Mir hat das so gut gefallen, da wollte ich auch hier anfangen. So hat sich das dann entwickelt.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus?

Ich arbeite im Tagdienst, mit zwei weiteren Kollegen. Außerdem gibt es drei Sozialarbeitern. Wir fangen immer um acht Uhr hier an. Wir frühstücken meistens mit den Jugendlichen, weil sie noch bis neun Uhr hier sein dürfen. Um neun Uhr müssen sie dann das Haus verlassen. In dieser Stunde besprechen wir mit den Jugendlichen, was ansteht, was sie von uns wollen etc. Wenn die Jugendlichen weg sind, haben wir viel Organisatorisches zu tun. Wir müssen viel dokumentieren, uns mit Kooperationspartnern austauschen, das Haus sauber halten, einkaufen gehen und so weiter. Ich arbeite von montags bis freitags hier. Manchmal mache ich auch Spätdienste mit, sodass ich abends hier sind.

Was für Räumlichkeiten haben Sie hier?

Es gibt ein Wohn- und Esszimmer mit einer Couch, einem Fernseher und einem großen Tisch, an dem wir mit den Jugendlichen die Mahlzeiten einnehmen. Auf der Terrasse können die Jugendlichen sich ebenfalls aufhalten. Hinter der Terrasse befindet sich eine Garage, in der die Jugendlichen ihre Sachen lagern können, wenn sie länger hier bleiben. In der Küche werden die Mahlzeiten von uns frisch zubereitet. Die Jugendlichen dürfen aber aus hygienischen Gründen nicht mithelfen. Im Keller befinden sich sechs Schlafplätze, also drei Zimmer mit jeweils einem Hochbett sowie ein Bad. Wir versuchen Jungen und Mädchen zu trennen. Die Mädchen dürfen dann oben im „Mädchenzimmer“ schlafen mit insgesamt drei Schlafplätzen. Darüber hinaus gibt es im Obergeschoss ein Büro und zwei Badezimmer.

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