Kommentar

„Abi“ nicht Maß aller Dinge

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Manfred Lachniet kommentiert.

Manfred Lachniet kommentiert.

Foto: Anna Stais / FUNKE Foto Services

Eine Studie zeigt, dass Abiturienten in Ausbildungsberufe drängen. Das freut Handwerk, Handel und Industrie. Aber Hauptschüler haben’s schwerer.

In Duisburg gibt es den Spielwarenhändler Roskothen, der seit Jahren meist zwei Azubis einstellt: einen mit guten Zeugnissen, außerdem eine junge Frau oder einen jungen Mann mit eher problematischen Schulerfahrungen.

Wenn nur ein Teil aller Ausbildungsbetriebe genau so handeln würde, hätten wir in Deutschland keinen Fachkräftemangel – und weniger junge Menschen ohne Perspektive. Leider ist es nicht so.

Weil immer mehr Abiturienten in die Lehrberufe strömen, verdrängen sie die jungen Leute, die sicher auch das Potenzial für eine Ausbildung mitbringen. Hier rächt es sich, dass das „Abi“ in den letzten Jahrzehnten zum Maß aller Dinge erhoben wurde. Schon die Formulierung, dass man einen „geringeren Abschluss“ hat, würdigt herab. Dabei kann und muss doch JEDER junge Mensch in unserem Gemeinwesen eine Rolle spielen. Wer praktisch veranlagt ist, wer gut verkaufen, Buch führen, pflegen oder Kinder erziehen kann, muss ebenso anerkannt sein wie ein Hochschüler.

Die Unternehmen dürfen es sich nicht zu einfach machen

Natürlich sind die Abiturienten für viele Betriebe einfach „bequemer“. Denn bei ihnen stimmen nicht nur die Noten, sondern sie bringen oft auch Pünktlichkeit und Leistungsbereitschaft mit.

Doch so einfach dürfen es sich die Unternehmen nicht machen, wenn sie ihre Rolle in unserer Gesellschaft ernst nehmen. Sie müssen sich stärker als bisher um die Sek-1-Abschlüsse kümmern. Und auch um jene ohne Schulabschluss. Auch wenn das viel Kraft kostet.

Am Ende wird’s nur funktionieren, wenn die Arbeitsagenturen mitziehen. Doch solange hier die Bürokratie dominiert und die Agenturen nur die billigsten Anbieter von Fördermaßnahmen auswählen, sind die Ergebnisse eher mittelprächtig. Und natürlich fehlt es (wie überall) am Personal, besonders in den Schulen. Trotzdem müssen Lösungen her: Denn ohne die Förderung aller Jugendlichen wird der Fachkräftemangel nicht kleiner werden.

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