Ein selbstkritisches Plädoyer

Von wegen „irgendwas mit Medien“: Journalismus im Jahr 2021

Lesedauer: 9 Minuten
Jeder kann sich 2021 in Echtzeit über alles informieren. Wird Journalismus zum Auslaufmodell?

Jeder kann sich 2021 in Echtzeit über alles informieren. Wird Journalismus zum Auslaufmodell?

Foto: Vasin Lee / Shutterstock / Vasin Lee

Hagen.  Jeder kann sich 2021 in Echtzeit über alles informieren. Wird Journalismus zum Auslaufmodell? Auf keinen Fall. Ein (selbstkritisches) Plädoyer.

Früher – und das ist noch gar nicht so lange her – gab es ein erklärtes Berufsziel für junge Menschen, die so richtig hipp sein wollten: irgendwas mit Medien. Nicht wenige kamen auch deshalb in unseren Beruf, weil sie ungern früh aufstanden. Ich zum Beispiel. Das war aber nicht alles. Den allermeisten ging es darum, den Leserinnen und Lesern gute Geschichten aufzuschreiben und den mehr oder minder Mächtigen in Berlin wie in Brilon ein bisschen auf die Finger zu schauen. Das fühlte sich ganz gut an und irgendwie wichtig. Vielleicht wurden wir darüber ein bisschen eingebildet. Dann betrat das Internet die Bühne und mit ihm Google, Facebook und wie sie alle heißen. Da können die Mitarbeiter auf der begrünten Dachterrasse Skateboard fahren. In den allermeisten Lokalredaktionen geht das nicht. Und sonst? Jeder und jede kann sich 2021 in Echtzeit über alles informieren. Wird Journalismus zum Auslaufmodell, wenn uns die Algorithmen zunehmend das Denken abnehmen sollen? Auf keinen Fall. Allerdings wird die Luft bleihaltiger. Immerhin sind die Ärmel schon hochgekrempelt. Ein Blick in die Werkstatt.

Jeder kann im Netz alles behaupten

Wenn immer mehr Menschen Zugang zu Informationen bekommen können, dann verschwindet der Vorteil derer, die aus unterschiedlichen Gründen einen Wissensvorsprung hatten. Und: Immer mehr Menschen können das, was sie sehen, denken, vermuten oder andere gerne glauben machen möchten, einem theoretisch unbegrenzten Publikum über ihr Smartphone mitteilen. Ersteres ist in einer Demokratie eine gute Sache, letzteres dagegen ein wesentliches Problem. Denn wenn wir nicht wissen, mit welcher Absicht und auf welcher Basis jemand etwas in die Welt hinausposaunt, dann können wir uns kein eigenes Urteil bilden. Wenn Algorithmen für uns entscheiden, was vermutlich interessieren könnte, dann lernen wir fremde Standpunkte gar nicht mehr kennen, möglicherweise sogar schätzen. Wer sich mit einem anderen so richtig die Köpfe heißreden möchte, muss zuhören wollen. Das Internet macht daher Qualitätsjournalismus nicht überflüssig, sondern im Gegenteil notwendiger als je zuvor. Der reine Transport von Informationen ist schon lange nicht mehr die Aufgabe von Lokal- und Regionalzeitungen, von denen hier in erster Linie die Rede ist. Wir sind keine Speditionsunternehmen, sondern suchen nach der Geschichte hinter der Geschichte, bieten Hintergründe, überprüfbare Fakten und Meinungen an.

Keine Rückkehr in das Vergangene

Die Corona-Pandemie bringt viel Leid mit sich. Doch trotz allem ist sie auch ein Katalysator und Beschleuniger. Bei den Medien hat sich wie in zahllosen anderen Branchen auch das Tempo der Veränderung radikal erhöht. Grundsätzlich gilt: So langsam wie bisher wird die Transformation unserer Arbeitswelt nie mehr verlaufen. Einen Vorgeschmack kennen wir schon. Von heute auf morgen ging es im März aus dem Büro ins Homeoffice, oft sind das Küchen, Kinder- oder Wohnzimmer. Von heute auf morgen verlor die tägliche Telefonschalte ihre Daseinsberechtigung. Zoom, Cisco und andere Videokonferenz-Systeme wurden Alltag. Egal, was noch kommt. Eine vollständige Rückkehr in das Vergangene wird es nicht geben. Die zukünftige Redaktion ist eine Mischung aus Präsenz und Mobilität. Das übrigens hilft – fair geregelt – auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

In der Krise spüren die Qualitätsmedien eine vollkommen neue Anerkennung für hochwertigen Journalismus. Auf der Suche nach seriösen Informationen stoßen die Menschen wieder auf die Lokalzeitung, egal ob gedruckt, als E-Paper oder digitale Variante.

Lokalzeitungen sind ein Ausdruck des grundsätzlichen Vertrauens in unsere Gesellschaft. Das ist der entscheidende Unterschied zu den sogenannten Alternativmedien, die für ein tiefes Misstrauen gegenüber dem demokratischen Staat stehen – und allen, die ihn repräsentieren. Mit dem Vertrauen der Menschen sollten wir auch künftig sehr sorgsam umgehen, uns Kritik stellen, Rechercheergebnisse transparent machen, Fehler offensiv eingestehen und korrigieren. Selbstkritisch muss man sagen, dass wir hier dazugelernt haben, es aber noch immer Luft nach oben gibt. Allerdings existiert kaum eine Branche, die über eine so wirksame Selbstkontrolle verfügt wie die Medien. Eine Beschwerde beim unabhängigen Deutschen Presserat steht allen offen. Rügen werden veröffentlicht. Das könnte ein Vorbild sein, zum Beispiel für die Automobilindustrie.

Das eigene Handeln viel häufiger erklären

Vor allem gilt: unaufgeregt reagieren, wenn Journalisten angegriffen werden – und das eigene Handeln viel häufiger erklären. Eine wesentliche Aufgabe ist es, mit den Menschen im Dialog zu sein. Das gewinnt immer mehr an Bedeutung. Denn es entwickelt sich eine zunehmende Tendenz, die Meinung anderer aus Prinzip abzulehnen und jede Debatte zu verweigern. Wer so denkt, lehnt auch unabhängigen Journalismus ab. Der Medienwissenschaftler Christopher Buschow hat ermittelt, dass die Zahl derer, die das tun, in den vergangenen Jahrzehnten nicht größer geworden ist. Aber viel lauter. Das Internet mit den sogenannten sozialen Netzwerken macht es möglich. Darin liegt eine erhebliche Ansteckungsgefahr. Lokalzeitungen übernehmen eine wichtige Aufgabe bei der Immunisierung, weil sie mit ihren Beiträgen den Austausch von Argumenten bis in die manchmal entlegenen Winkel des Verbreitungsgebiets unterstützen, manchmal sogar erst ermöglichen.

Von den extremen Rändern bedroht

Jede Diskussion allerdings benötigt eine Basis. Wer immer noch findet, dass Corona eine Erfindung von Bill Gates und der Pharmaindustrie ist, hat diese Basis verlassen und sich ins Extrem verabschiedet. Wir erleben, dass unsere demokratische Gesellschaft von den extremen Rändern her bedroht wird. Das erfahren auch Journalisten von Lokalzeitungen. Hinnehmen sollten wir es nicht.

Den Redaktionen stehen Hilfsmittel zur Verfügung, die es noch vor kurzem nicht gab. Die Auseinandersetzung mit neuer Technologie und Datenanalyse ist längst überall angekommen und verlangt jedem einzelnen viel ab. Es ist wichtig zu wissen, für welche Themen sich die Leserinnen und Leser interessieren, wann und in welcher Aufbereitung sie diese Beiträge präsentiert bekommen möchten. Die Zukunft des privatwirtschaftlich finanzierten Journalismus liegt ganz wesentlich darin, neue Zielgruppen anzusprechen. Das geschieht in erster Linie auf den digitalen Kanälen. Die WAZ, die NRZ, die WP und die WR arbeiten erfolgreich daran, jeden Tag 150 neue Kunden zu gewinnen. Dieses E-Paper wird an jedem Sonntag rund 40.000 mal heruntergeladen. Ein gutes Zeichen.

Anderes steht auf der Agenda: Das Thema Diversität ist nicht nur in den urbanen Zentren bedeutend. Auch in den Städten und Gemeinden in der Fläche gehört längst eine enorme Vielfalt an Kulturen zum Alltag. In manchen Städten – nicht nur im Ruhrgebiet – liegt der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund bei weit über 30 Prozent. In den Redaktionen bilden wir das nur selten ab. Wir haben noch immer zu wenig Kolleginnen in Führungspositionen. „Diversität im Newsroom” aber geht viel weiter. Unterschiedliche Orientierungen und Identitäten gehören zum Alltag. Wenn wir journalistische Arbeit umfassend betrachten, dann müssen wir die gesellschaftliche Normalität abbilden. Die Westfalenpost ist auf dem Weg. Wir haben dazu für unseren 75. Geburtstag in diesem Jahr zwei Projekte entwickelt.

Die Kontroverse tut allen gut

All das erfordert schließlich eine breitere politische Debatte in den Redaktionen und damit der Zeitung. Die Kritik mancher Leserinnen und Leser, der formulierte Wunsch nach mehr „neutraler Information”, hat auch eine Ursache darin, dass sie bestimmte – manchmal konservative – Positionen und Meinungen vermissen. Das ändern wir, doch es betrifft uns nicht allein. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk erinnere ich mich schon lange an kein Gesicht mehr mit einem solchen Profil. Dabei tut die Kontroverse allen gut. Am Ende lebt unsere Demokratie davon, dass wir jeden Tag auf Menschen treffen, die eine andere Meinung haben. In Berlin und in Brilon.

„Irgendwas mit Medien“ ist in Bewegung und versprüht einen ganz eigenen Reiz. Wer will schon auf der begrünten Dachterrasse Skateboard fahren. Wir haben Besseres zu tun.

Dr. Jost Lübben (56) ist seit 2015 Chefredakteur der Westfalenpost und der Westfälischen Rundschau. Er ist u. a. Mitglied in der Jury des Deutschen Lokaljournalistenpreises und Speaker bei der Wiener Medienstiftung fjum.

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