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Kein Verbot für Räuber- und Gendarmspiele

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Essen. Paintball ist Räuber und Gendarm für Erwachsene. Ein Spiel für mindestens 18-Jährige, die auf „umfriedetem“ Gelände, aus dem kein Schuss nach außen dringen darf, mit farbgefüllten Gelatinekugeln aufeinander feuern. Nun soll das Spiel verboten werden.

Verständlich, dass manchem der Gedanke an maskierte Freizeit-Scharfschützen, die sich in waldiger Einsamkeit oder düsteren Hallen an den Gegner heranrobben, nicht behagt. Denn wer Paintball spielt, der spielt den Krieg mit – und Krieg spielen, das ist ein Widerspruch in sich. Es gibt also gute Gründe, solchen Zeitvertreib aus moralischen Gründen oder auch nur mit einem unguten Gefühl im Bauch abzulehnen. Doch sollten diese Bedenken ein Verbot begründen?

Genügen Bedenken für ein Verbot?

Nein. Denn erstens ist Paintball mehr Spaß als Ernst, mehr Spiel als Krieg, zum anderen lässt sich auch ohne Soziologie-Diplom bei zahlreichen Sportarten mühelos aggressives Verhalten diagnostizieren. Und das ist an sich gar nichts Schlimmes.

Alle Kampfsportarten beruhen auf der Simulation dessen, was zu anderer Zeit oder an anderem Ort Ernst war oder sein könnte. Möglich, dass, wer Judo oder Fechten als Hobby betreibt, seine Aggressionen auslebt. Aber das heißt noch lange nicht, dass er damit schlechter zurechtkommt als meditierende Zeitgenossen. Der Kreis lässt sich leicht erweitern: Dass Fußballfans im Stadion mehr empfinden als technisches Interesse an den Ballkünsten ihres Lieblingsstürmers ist wohl kein Geheimnis. Keine Frage, gegen Randalierer muss man vorgehen.

Aggressionen besser kontrolliert ausleben

Doch wer wollte jener großen Mehrheit der Fans, für die unterschiedliche Vereinsvorlieben nicht mehr bieten als Anlass für Kollegenscherze, das Mitfiebern und die Vereinsgesänge verbieten? Wer’s nicht mag, soll zuhause bleiben, für die anderen bieten Turnhalle oder Stadion sozial akzeptierte Gelegenheiten, ganz natürliche menschliche Aggressionen auf unschädliche Weise auszuleben.

Wer die kontrollierte, reglementierte Aggression als Auslöser für unkontrollierte Gewalt sehen möchte, der wird in unserer Gesellschaft zahlreiche Beispiele finden. Die „Killerspiel“-Debatte wird noch lange brodeln. Möglich, dass die Bedenkenträger gar nicht prinzipiell unrecht haben: Nicht jeder Amokläufer ist ein Killerspieler, aber viele von ihnen fühlen sich offenbar vom Gemetzel am Bildschirm fasziniert. Unser Umgang mit diesen Dingen bedarf ständiger Debatte und Reflexion. Wie viel davon staatlicher Kontrolle unterliegen sollte und wo einfach der gesunde Menschenverstand des Einzelnen gefragt ist, wie viel sich überhaupt verbieten lässt, das sind schwer auszutarierende Fragen.

Doch wenn Verbote ins Spiel kommen, dann fragt sich, ob Paintball wirklich etwas ganz oben auf der Prioritätenliste verloren hat. Denn trotz seiner sicherlich gewollten Ähnlichkeit zum echten Krieg, hat Paintball sehr viel mit etablierten Sportarten gemein und wenig mit Ballerspielen oder gewaltverherrlichenden Filmen. Im Gegenteil, die größere Nähe zur Realität wirkt vielleicht auch zügelnd. Ein Treffer beim Paintball tut weh, bis die blauen Flecken wieder verschwunden sind, kann es Wochen dauern. Das dürfte zu einem dosierten, vorsichtigen Umgang mit der „Waffe“ führen – beim virtuellen Blutbad am Bildschirm oder auf der Leinwand gehört Rücksichtnahme dagegen gar nicht erst zum Konzept.

Verletzungen sind nicht das Ziel

Paintball ist ein Bewegungsspiel, nicht minder prickelnd als Fangen und Verstecken. Wer als Erwachsener seine Mitspieler mit Farbkugeln beschießt, der unterscheidet sich nicht wesentlich von dem kleinen Jungen oder Mädchen, die sich auf ähnliche Weise mit Schneebällen vergnügen. Den „Gegner“ zu verletzen ist dabei gar nicht das Ziel – anders etwa beim Boxen.

Und wo liegt überhaupt der Unterschied zum Rollenspiel? Wenn Freizeit-Elfen und Feierabend-Trolls zum Stelldichein zusammenkommen, dann kann man mit dem Kopf schütteln. Aber muss man den Spaß gleich untersagen? Das Dortmunder Jugendamt hat vor einigen Wochen mit genau solch einem Verbot Schlagzeilen gemacht, weil es Ritterspiele als pädagogisch ungeeigneten Ferienspaß einstufte. Muss das sein? Und wenn nicht: Gibt es einen wesentlichen Unterschied zu Paintball und Gotcha, die der Gesetzgeber nun möglicherweise verbieten will?

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