Interview

„Nur der Blödeste wird so weitermachen“

Kollegiale Leseprobe in der Jubiläums-Heimatzeitung. Für Michael Jürgs ist Journalismus der wohl spannendste Beruf „nach Papst“.

Foto: Thomas Reunert

Kollegiale Leseprobe in der Jubiläums-Heimatzeitung. Für Michael Jürgs ist Journalismus der wohl spannendste Beruf „nach Papst“. Foto: Thomas Reunert

Iserlohn.   Gesprochen und vor allem niedergeschrieben - Der Journalist Michael Jürgs glaubt für alle Generationen an das klare Wort.

Eigentlich waren wir dem Hamburger Journalisten und Buchautor Michael Jürgs (72) verabredet, um mit ihm über Werteverlust und Respektlosigkeit als aktuelle Gesellschaftsprobleme zu sprechen. Aber durch die gerade gelaufene Bundestagswahl bekam das Gespräch doch noch eine leicht andere Wendung. Jürgs, den ein Kollege vom Hamburger Abendblatt mal als „anerkannter, gefürchteter und von vielen gehasster Bestweitenpinkler auf dem Sonnendeck des BRD-Journalismus“ bezeichnet hat, ist auch am Morgen nach einer Lesung in Menden aus seinem neuen Buch „Gestern waren wir doch noch jung“ hellwach, macht deutlich, dass es ihm an Wertvorstellungen nicht mangelt.

Herr Jürgs, blühen Neid und Respektlosigkeit in diesem Land üppiger denn je?

Ja, da ist was dran. Die Verwahrlosung der Sitten führt zu einer Verrohung der Sitten.

Woran liegt das?

Es gibt viele Gründe. Es gab immer schon respektlose, schlimme Finger, die sich nicht benehmen konnten. Jetzt haben sie sogar eigene Fernsehsender. Die Menschen denken: Mensch, wir sind ja gar nicht mehr allein und können jetzt in der Gruppe gemeinsam stark auftreten. Die Respektlosigkeit gegen andere beginnt damit, dass die SUV-Mütter in der zweiten Reihe parken, weil sie glauben, es wäre ihr gutes Recht, weil sie ja das größere Auto haben. Es beginnt damit, dass in der Straßen- oder U-Bahn keiner mehr aufsteht, wenn ein älterer Mensch reinkommt. Es beginnt damit, dass die Wild-Pinkler glauben, die Welt gehört ihnen. Es sind Winzigkeiten, die sich sammeln. Und dann darf man sich eben nicht wundern. Wenn die Respektlosigkeit überhand­nimmt, verwahrlost die Gesellschaft. Das ist ganz normal. Und man muss also fragen: Was macht man dagegen? Wie kann man sie entrüpeln?

Erst noch einmal zum Neid. Ist er nur lautstarker Ausdruck einer tatsächlichen sozialen Ungerechtigkeit oder ist er Ventil einer nicht wirklich zu fassenden Unzufriedenheit?

Sie haben Recht mit dem Ventil, wenn man mal genau hinguckt zum Beispiel auf die Wahlzahlen der AfD in Dresden. Dresden ist eine der reichsten Städte der ehemaligen DDR. Sie haben ihre Wohnungen, nachdem sie durch den Solidarpakt saniert wurden, teuer an Privatunternehmen verkauft. Dresden ist schuldenfrei als Großstadt. Wo gibt es so etwas noch in Deutschland? Sie haben da eine blühende Kulturlandschaft, haben unglaublich viele Touristen – und haben 25 Prozent AfD. Das kann doch nicht daher kommen, dass es denen allen schlecht geht. Das ist Quatsch! Also ist da dieses unbestimmte Gefühl von „Menschenskind, anderen geht es ja noch besser als uns“ und „irgendwo möchte ich denen mal gerne zeigen, dass sie mit uns nicht so umgehen können“. Der Neid frisst sich langsam durch. Daraus kommt die Unzufriedenheit. Daraus erwächst der Protest. Und der ist oft nicht definierbar durch klare Sätze sondern durch Gebölke.

Wir stehen vor unterschiedlichsten Gräben in diesem Land. Arm und reich, Ost und West, fleißig und nicht so fleißig, schlau und nicht so schlau, deutsche Eltern und keine deutschen Eltern. Hat unser aktuelles System überhaupt den Willen, die Kraft und die Ideen, auch nur einen davon zuzuschütten?

Ich glaube, nach dieser Wahl muss auch der Blödeste daran denken, dass man so nicht weiterarbeiten kann. Es ist ja hoch interessant. Wir haben im Zusammenhang mit der Wahl stundenlange Debatten zu den Flüchtlingen gesehen. Statt mal darüber zu reden, wie wir mit den alten Menschen umgehen. Was passiert mit uns, wenn wir alt sind? Sind die Pflegeheime noch bezahlbar? Werden die Pfleger anständig entlohnt? Nein! Wir sehen die Schulen aus? Vergammelt! Verdreckt! Welchen Eindruck müssen Kinder kriegen von einer Bildungseinrichtung, die sie aufs Leben vorbereiten soll, wenn sie sehen, was in ihrer Umgebung los ist? Wie ist es, wenn die Eltern sagen: Bevor ich mich mit dem Kind selbst beschäftige, sollen sie mal lieber fernsehen oder am Computer spielen. Da sind die ganz konkreten Gräben. Nicht nur zwischen arm und reich. Es geht ja auch anders. Seit es Trump gibt und ähnliche Figuren, müssen wir doch wissen, wo wir leben, welche Gesellschaft wir zu verteidigen haben.

Welchen Beitrag wird nach vier Jahren Bundestag eine AfD dazu geleistet haben?

Man soll sie reden lassen. Die werden sich selbst entlarven mit dem, was sie tun. Wenn selbst Frauke Petry inzwischen als liberal gilt, weil sie die anderen verlassen hat, dann ist doch alles wunderbar. Wenn ein Gauland, den ich hin wieder aus Versehen, kann ja schon mal passieren, Gauleiter nenne, sich lobend über die deutsche Truppe im 2. Weltkrieg äußert, dann wäre er früher vor zwei, drei Jahren am nächsten Morgen erledigt gewesen. Aber seit ein Trump das jeden Tag macht, ohne das irgendwas passiert, dann werden die denken, das geht hier auch. Aber man soll eben nicht glauben, dass seien nur Nazis. Zwei Drittel sind wohl Protestwähler, die man mit einer richtigen Politik, in der konkret etwas geändert wird und was mit rechts und links gar nichts zu tun hat, wieder einfangen.

Kommen wir zur Respektlosigkeit. In einem „Zeit“-Gespräch haben Sie 2015 beim Thema „Wutbürger“ gesagt: Für mich ist es der wesentlichste Fortschritt, dass so viel Mitbürger in den neuen Ländern gelassener geworden sind. Sagen Sie das heute auch noch?

Ja, ich habe auch versucht, das zu erklären. Was ich merke, sind eigentlich Winzigkeiten. Wenn ich heute mit ironischen Bemerkungen bei meinen Lesungen komme, lachen sie. Früher waren sie beleidigt. Ironie war ihnen fremd. Das deutet inzwischen auf eine gewisse Gelassenheit hin, dass sie etwas begriffen haben. Es gibt aber eben auch abgelegene Landstriche in Thüringen oder Mecklenburg, wo sie das Gefühl haben, sie sind in einer anderen Welt. Und die, die sich da abgehängt fühlen, die sagen nicht: Ey, wir wollen die Flüchtlinge anzünden! Sie sagen: In unserem Dorf gibt es nur noch einen Bäcker, keinen Metzger, keine Bushaltestelle, keine Schule, die Kirche ist nicht mehr im Dorf – und es kommt kein Mensch, der sich um uns kümmert. Dadurch entsteht ein Gefühl der Wut. Allerdings sollte man auch nicht unerwähnt lassen, dass wir uns nie auch nur einen Scheiß um die Biografien dieser Menschen gekümmert haben, als 1990 die Revolution stattfand. Wenn man weniger versprochen und klar gemacht hätte, dass das ein langer Weg wird, dann wär es das gewesen. Da wäre jeder kleine Schritt als großer Fortschritt empfunden worden. Und das müssen wir jetzt Stück für Stück nachholen.

Glauben Sie denn, dass man damit auch die erreicht, die jetzt nur noch ihre tatsächliche oder angebliche Wut herausgeschrien haben? Heiko Maas hat vor ein paar Tagen erzählt, seine Wahlkampf-Auftritte im Osten mussten zum Teil mit zwei Hundertschaften abgesichert werden. Kann da die Ankündigung, sich zu „kümmern“, wirklich helfen?

Nein. Aber ich gebe ein Beispiel. Denken Sie, was beim „Tag der deutschen Einheit“ in Dresden passiert ist. Da waren die, die alles niedergebrüllt haben. Wo war da aber diese Polizei, die sagte „Grabsch!“? Also nicht nur Platzverweise, sondern Personalien-Feststellung, Anzeige wegen Volksverhetzung. Es gibt ja die richtigen Gesetze für so etwas. Gesetze, die auch bei den Richtigen auch Wirkung zeigen.

Bei den Erfolgen der AfD im Osten – gibt es eigentlich auch so etwas wie eine demokratische Opposition, eine bürgerliche Gegenbewegung der Zivilgesellschaft?

In Städten wie Leipzig gibt es so etwas natürlich. Die sind richtig gut in Gegendemonstrationen. Aber, dass sie andernorts so still sind, gefällt mir nicht. Die müssen wie einst hier im Westen bei bestimmten Vorfällen das Maul aufmachen. Das können sich nicht uns überlassen. Und auch nicht der Politik, sondern das ist eine Aufgabe für jeden. Aber das war im Osten nach 40 Jahren Diktatur, also Nazi-Herrschaft und DDR, natürlich auch ein gewaltiger Lernprozess, der mindestens zwei Generationen braucht. Aber – und das werfe ich ihnen vor und zwar nicht nur den Ossis, sondern auch den Wessis, die zum Beispiel in das wunderschöne Görlitz gezogen sind: Schaut Euch die AfD-Zahlen an! Wo seid Ihr? Das ist Eure Stadt jetzt?

Kommen wir also doch noch einmal zum Respekt. Machen wir schon in der Schule und in der Familie bei der Erziehung gravierende Fehler? Müsste es ein Schulfach „Akzeptanz“ geben?

Gute Idee. Mir wäre ein Schulfach „Wie benehme ich mich eigentlich?“ sehr angenehm. Das kriegt man aber nicht mit Schuluniformen und morgendlichem Aufstehen zur Begrüßung hin, sondern durch Beispiele. Und Lehrer, die morgens schon aufstehen mit einem „Scheiß-egal-Gefühl“, teilen das den Schülern so auch mit. Wer durchgehen lässt, von Schülern beschimpft zu werden und nicht sofort eine Reaktion liefert – auch von den Eltern – muss sich nicht wundern. Eltern und Lehrer müssen klare Grenzen aufzeigen. Und Konsequenzen, die wehtun. Die Erziehung zu einer demokratischen Gesellschaft beginnt in der Schule. Die Schule ist nun mal die Schule des Lebens.

Wer hat eigentlich Schuld an dem nach Ihren Worten ohnehin fast unaufhaltsamen Weg in unsere Verblödung?

Ich habe mal ein Buch geschrieben „Seichtgebiete – Warum wir hemmungslos verblöden“. Mit riesigem Erfolg. Offenbar gab es einen Bedarf. Es fängt bei der Sprache an. „Ey, Du, Alter“ und so weiter. Und damit, dass weniger oder kaum noch gelesen wird. Dieter Bohlen und Heidi Klum sind Helden für die Jugend. Das führt doch zu Verblödung. Die Jugendlichen haben einfach keine Alternativen aufzeigt bekommen. Und diese Verblödung, die man auch bei Trump ganz deutlich sieht, führt zu Verwahrlosung und Verrohung und eben auch zu 12,6 Prozent AfD bei uns.

Reden wir also über die Jugend: Sie sagen: „Schon an ihrem Gang sind die Süchtigen erkennbar. Gesenkten Hauptes eilen sie durch die Fußgängerzonen, starren auf ihre Smartphones, überqueren Kreuzungen ungeachtet des fließenden Verkehrs, rempeln blind für ihre Umgebung jeden nieder, der ihren Weg kreuzt.“ Aber waren wir nicht auch wie jede Generation auf unsere Art wild und süchtig?

Natürlich waren wir wild. Wir haben Fußball gespielt. Haben Hausarrest bekommen, wenn wir länger als zehn Uhr abends weg waren. Wir haben uns mit Freunden rumgetrieben, fanden Mädchen ganz toll. Aber hatten wir Smartphones? Hatten wir nicht.

Aber der Zug an der Haschisch-Zigarette?

Natürlich, wer denn nicht? Aber es war nicht so eine Massenbewegung der Gleichgültigkeit.

Machen wir es uns zu leicht, wenn wir die aufkommenden Schärfe im Umgang miteinander nur auf die Anonymität des Internets zu schieben?

Das ist natürlich eine einfachste Erklärung. Nehmen Sie das Beispiel von dem Mann, der neulich einen sterbenden Motorradfahrer erst einmal gefilmt hat statt zu helfen. Unvorstellbar. Aber das ist nicht die Schuld des Internets, sondern derer, die das Medium nutzen, um ihre Urinstinkte zu bedienen.

Früher gab es mal einen Begriff, der nannte sich „Vorbilder“. Gibt es die noch? Und braucht es sie noch?

Vorbilder wären eigentlich gut. Wie hatten ja alle Vorbilder. Ob es politisch Kennedy war. Oder jemand aus der Literatur. Oder der Lehrer, der uns ein spannendes Weltbild vermittelte. Und wenn heute eben die Vorbilder Dieter Bohlen und Heidi Klum heißen, darf man sich nicht wundern, dass da solche Ergebnisse rauskommen. Aber mal kurz zu unserem geliebten Beruf und zu den Talk-Shows. Da halten sich manche Moderatoren auch schon für Vorbilder und fragen, als seien sie selbst Teil des Systems. Aber unsere Aufgabe ist es zwar, mit denen auf Augenhöhe zu reden, aber auch klar zu sagen, wo wir stehen.

Überfordern wir uns nach dem geglückten Wiederaufbau nach 1945 bei allen möglichen Problemstellungen nicht selbst mit den „Wir schaffen das“-Parolen?

Ich habe damals über diesen Satz der Frau Merkel sehr gestaunt, weil er eigentlich atypisch für sie ist. Sie sagt ja eher: Mal sehen, ob wir das schaffen.

Wenn Sie sich Ihren Geburtstermin noch einmal aussuchen dürften, wann hätten Sie gern zum Landeanflug auf diese Erde angesetzt?

Viele sagen ja, sie würden gerne im Mittelalter leben mit dem Wissen von heute. Ich bin stolz darauf, einer der ersten gebürtigen Demokraten dieses Landes zu sein. Ich habe ein Leben lang dafür gekämpft, dass das, was die Generation vor uns immer als Kapitulation beschrieben hat, als Befreiung empfunden wurde. Und wenn ich nun zurückblicke auf 72 Lebensjahre, von den über 50 in diesem Beruf waren mit allen bekannten Höhen und Tiefen, dann war es – um Müntefering zu zitieren, der spannendste Beruf nach Papst.

Und wenn ich schon einen bekannt kritischen und auch mit scharfer Klinge fechtenden Kollegen vor mir habe, kann ich mir ein paar aktuelle Reiz-Stichwörter nicht verkneifen. Donald Trump?

Ist nicht nur ein amerikanischer Clown, sondern eine Gefahr für den Weltfrieden. Und der Grund dafür, dass ich – obwohl ich Amerika sehr liebe – nicht mehr hinfahre.

Erdogan?

Erdogan ist ein Faschist, der unter dem Rubrum des Kalifen uns erpresst mit der Flüchtlingsfrage, der 50 Prozent der Bevölkerung gegen sich hat. Und gefährlicher ist, als alles, was sonst in Europa rumläuft, obwohl er nicht zu Europa gehört.

Nord-Korea oder Kim Jong Un?

Ist genau wie Trump einer von den kleinen Jungs im Sandkasten, der sagt: Ich habe aber die größere Schaufel! Mal sehen, wer dem anderen zuerst einen draufhaut.

Brexit?

Die Engländer haben nach einem Jahr erkannt, dass der Brexit ein riesiger Fahler war. Die Wirtschaft und die Banken ziehen sich zurück. Es wird Theresa May das Amt kosten über kurz oder lang. Und siehe da — wie das Leben so spielt – führt ein Linker wie Corbyn, der genau das Gegenteil ist, in den Umfragen.

Und schließlich Jamaika-Koalition?

Finde ich spannend und aufregend. Eine große Koalition wäre ein riesiger Fehler gewesen und hätte der AfD am Ende über 20 Prozent beschert, und die SPD wäre in der Lage wie die Sozialisten am Ende in Frankreich. Punkt!

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