Pandemie

Harte Corona-Regel in Italien: Keine Arbeit ohne Green Pass

| Lesedauer: 5 Minuten
Impfpflicht für Gesundheitspersonal auch in Frankreich und Griechenland

Impfpflicht für Gesundheitspersonal auch in Frankreich und Griechenland

Mit Frankreich und Italien haben zwei weitere EU-Länder eine Impfpflicht für Gesundheitspersonal eingeführt. In Italien gibt es die Pflicht-Impfung für Ärzte und anderes medizinisches Personal bereits seit Mai.

Beschreibung anzeigen

Rom.  Italien führt als erstes Land Europas eine drastische Maßnahme in der Pandemie ein: Beim Arbeiten gilt in Zukunft eine 3G-Pflicht.

Ohne Green Pass kein Lohn. Als europaweit erstes Land hat Italien am Freitag die 3G-Pflicht für alle Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst eingeführt. Nur wer ein Impfzertifikat besitzt, vom Coronavirus genesen ist oder einen negativen, nur 48 Stunden gültigen Schnelltest vorweist, darf arbeiten.

Kein anderes Land ist bisher so weit gegangen. Die Pflicht, den Grünen Pass vorzuweisen, betrifft 23 Millionen Menschen – also alle Erwerbstätigen. Wer nicht geimpft, genesen oder frisch getestet ist, darf nicht mehr am Arbeitsplatz erscheinen. Selbst im Homeoffice wird der 3G-Nachweis verlangt, die Kontrolle obliegt dem Arbeitgeber. Wer gegen die Regel verstößt, dem drohen Bußgelder bis zu 1.500 Euro. Die Regelungen sollen bis zum 31. Dezember gelten.

Auf diese Weise will die Regierung von Premier Mario Draghi so viele Menschen wie möglich zur Impfung drängen. 85 Prozent der Bevölkerung sind bereits geimpft, doch die Regierung will die Schwelle von mindestens 90 Prozent erreichen.

Großer Protest gegen neue Corona-Maßnahmen in Italien

Die Proteste sind vehement, auch wenn es gestern nicht zu jener massiven Streikwelle gekommen ist, wie es sie sich die Impfgegner erhofft haben. Herz des Protests ist die Adria-Hafenstadt Triest. 40 Prozent der fast 1000 Hafenarbeiter sind dort nicht geimpft und legten gestern die Arbeit nieder. Sie drohten, dieses wichtige logistische Drehkreuz im internationalen Handel lahmzulegen, sollte die Regierung die Zertifikatspflicht für alle Arbeitnehmer in Italien nicht zurückziehen. „Wer diese 3G-Pflicht eingeführt hat, hat keine blasse ­Ahnung, wie die Arbeit in einem Hafen abläuft“, sagt Stefano Puzzer, Anführer der Triester Hafenarbeiter.

Viele Arbeiter auf den Schiffen kommen aus dem Osten Europas –zahlreiche unter ihnen sind ungeimpft. Andere wurden mit Vakzinen geimpft, die in der Europäischen Union nicht zugelassen sind. Dasselbe gilt für Tausende Lastwagenfahrer, ebenfalls aus dem Osten, die die Waren von Süden nach Norden und von Norden nach Süden transportieren.

Wegen 3G-Pflicht: Streiks von Hafenarbeitern in Italien führen zu Problemen

Tausende Menschen strömten gestern zum Hafen von Triest, um den Protest der Hafenarbeiter zu unterstützen. „Freiheit, Freiheit“, skandierten die Demonstranten, die vor der „Gesundheitsdiktatur“ der Regierung Draghi warnten. Der Protest schwappte auf andere italienische Häfen über. In Genua sowie in den Adria-Häfen Ancona und Ravenna etwa kam es wegen Streiks der Hafenbediensteten zu erheblichen Problemen.

Auch im Produktionswerk des Elektrogeräteherstellers Electrolux unweit der norditalienischen Stadt Treviso ging die Belegschaft gegen die 3G-Pflicht in den Streik. 20 Prozent der 1100 Mitarbeiter sind nicht geimpft. Arbeitnehmer der Mailänder Nahverkehrsgesellschaft ATM ohne Grünen Pass blieben der Arbeit fern.

Italiens Regierung bleibt bei Pflicht zu "Grünem Pass" hart

Premier Draghi bleibt hart. Die Forderung der Gewerkschaften, der Staat solle die Kosten für die Tests nicht geimpfter Arbeitnehmer übernehmen, traf auf taube Ohren. Einzige Konzession: Unternehmen, die ihren Mitarbeitern die Abstriche zahlen wollen, sollen Steuerbegünstigungen erhalten.

Der harte Sockel der Impfgegner kapituliert trotz allem nicht. Vor der Teststation auf der zentralen Via del Corso in Rom beispielsweise standen gestern die Menschen Schlange. Die 47-jährige Lehrerin Renata Rivolta hat schon viel Erfahrung mit Tests. Denn für ihre Berufsgruppe gilt die Pflicht zur Vorweisung des Grünen Passes schon seit Anfang September. „Das ist Erpressung. Es ist skandalös, dass ich monatlich 180 Euro für Abstriche ausgeben muss, weil ich mich nicht impfen lassen will. Schließlich gibt es – wenigstens bis jetzt – keinen Impfzwang in Italien“, protestiert die Lehrerin.

„In den letzten Wochen ist die Zahl der Personen, die sich testen lassen, um circa 40 Prozent gestiegen. Wir haben zusätzliches Personal einsetzen müssen, um diesem Ansturm standzuhalten“, sagt Giuseppe Longo, Apotheker in Roms multikulturellem Viertel Esquilino unweit des Hauptbahnhofs Termini.

Zum Test in Longos Apotheke strömen elegante Frauen wie auch Obdachlose, erfolgreiche Freiberufler und ganze Roma-Familien. „Bedürftige testen wir auch kostenlos“, so Longo. Die Regierung Draghi hat die Zertifikatspflicht in den vergangenen Monaten immer weiter ausgedehnt, um die Bevölkerung daran zu gewöhnen. Eine effektive Strategie: Das Infektionsgeschehen in Italien hat sich stabilisiert, die meisten Regionen haben ein niedriges Infektionsniveau.

Nicht alle Italiener betrachten den Grünen Pass als verfassungswidrig. Viele sehen darin ein Instrument, um wieder ein normales Leben führen zu können und die Gefahr neuer Schließungen abzuwenden. „Wir können uns keine weiteren Schließungen erlauben. Dank des grünen Passes führen wir wieder ein normales Leben. Heute konnte ich nach fast zwei Jahren wieder mit dem Training im Fitnessstudio beginnen“, berichtet die römische Schriftstellerin Letizia Lozzi.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Panorama

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben