Nebenwirkungen

Biontech & Co.: Wirbel um Studie – Charité distanziert sich

| Lesedauer: 7 Minuten
Nach Biontech und Moderna: Neuer mRNA-Impfstoff verspricht Vorteile

Nach Biontech und Moderna: Neuer mRNA-Impfstoff verspricht Vorteile

Ein neuer mRNA Impfstoff vom US-Hersteller Arcturus Therapeutics verspricht nach einer erfolgreichen klinischen Studie einen überraschenden Vorteil gegenüber den bisher zugelassenen Vakzinen von Moderna oder Biontech/Pfizer.

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Berlin.  Laut einer neuen Corona-Umfrage sollen 8 von 1000 Geimpfte schwere Nebenwirkungen haben. Doch wie zuverlässig sind diese Ergebnisse?

  • Eine neue Studie sorgt für Aufsehen: Den Ergebnissen zufolge könnten schwere Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung deutlich häufiger sein, als bisher gedacht
  • Betroffen sind unter anderem die Impfstoffe von Biontech und Moderna
  • Doch es gibt massive Kritik an der Untersuchung – auch die Berliner Charité distanziert sich

Eine Impfkampagne dieser Größe hat es in Deutschland zuvor noch nicht gegeben: Seit Dezember 2020, als in der EU erste Corona-Impfstoffe zugelassen wurden, sind hierzulande fast 180 Millionen Impfdosen verabreicht worden. In den allermeisten Fällen verläuft das ohne große Komplikationen – Geimpfte klagen allenfalls über kurzfristige Impfreaktionen wie Schmerzen an der Einstichstelle oder erhöhte Temperatur. Anhaltende Nebenwirkungen sind dagegen die absolute Ausnahme.

Doch eine an der Berliner Charité laufende Studie sorgt jetzt für Wirbel: Die Zahl der schweren Nebenwirkungen nach einer Impfung gegen das Corona-Virus könnte demnach deutlich höher sein als die offiziellen Meldezahlen. Studienleiter Harald Matthes sagte dem MDR, dass 8 von 1000 Geimpften über schwere Nebenwirkungen klagen würden. Das wären deutlich mehr als die schweren Verdachtsfälle, die dem zuständigen Bundesinstitut bislang gemeldet wurden. An Matthes‘ Vorgehen gibt es jedoch massive Kritik. Die Charité distanziert sich mittlerweile von der Studie.

Nebenwirkungen von Corona-Impfung: Studie noch nicht abgeschlossen

„Bei dieser Untersuchung handelt es sich um eine noch nicht einmal abgeschlossene offene Internetumfrage, im engeren Sinne also nicht um eine wissenschaftliche Studie“, sagte ein Sprecher der Charité unserer Redaktion. „Diese Datenbasis ist nicht geeignet, um konkrete Schlussfolgerungen über Häufigkeiten in der Gesamtbevölkerung zu ziehen und verallgemeinernd zu interpretieren.“

Studienleiter Matthes ist ärztlicher Leiter des anthroposophischen Krankenhauses Havelhöhe in Berlin und Stiftungsprofessor für integrative und anthroposophische Medizin an der Charité. „Zum Themenkomplex Covid-19 und Impfungen ist unsere Expertise in anderen Instituten und Kliniken der Universitätsmedizin verortet“, betonte der Sprecher.

Methodische Nachteile: Viel Kritik an Studie zu Impf-Nebenwirkungen

Die Datenbasis der Studie stammt aus einer Online-Befragung von Freiwilligen, bei der sich jeder Erwachsene beteiligen kann. "Bislang liegen nach meiner Kenntnis keine publizierten oder unabhängig begutachteten Ergebnisse vor", schreibt Leif Erik Sander, renommierter Impfstoffforscher an der Charité auf Twitter.

Neben den möglichen methodischen Nachteilen einer Online-Befragung zufälliger Personen, erscheine es vor allem problematisch, dass die Begrifflichkeiten nicht sauber definiert seien.

Paul-Ehrlich-Institut registrierte fast 300.000 Nebenwirkungen bis März 2022

Dazu muss man wissen: Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Impfung werden in Deutschland vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erfasst und bewertet. Der aktuelle Sicherheitsbericht des PEI deckt den Zeitraum von Ende Dezember 2020 bis Ende März 2022 ab. In diesem Zeitraum wurden dem PEI 296.233 Meldungen von Verdachtsfällen auf Nebenwirkungen übermittelt.

Die Melderate für alle Impfstoffe zusammen beträgt laut PEI 1,7 Meldungen pro 1.000 Impfdosen, für schwerwiegende Reaktionen 0,2 Meldungen pro 1.000 Impfdosen. Studienleiter Matthes dagegen geht von einer vierzigmal höheren Quote schwerer Nebenwirkungen aus – bei acht von 1000 Geimpften.

Studie: Andere Definition von "schwere Nebenwirkungen"

Seine Langzeitstudie zur Sicherheit von Covid-19-Impfstoffen (kurz "ImpfSurv") fragt mit Hilfe eines Online-Fragebogens nach Erfahrungen. Die Angaben können weder überprüft werden, noch kann ausgeschlossen werden, dass sich vor allem Patienten mit Nebenwirkungen melden. Entscheidend ist auch die Frage der Definition: Seine Studie verstehe unter schweren Nebenwirkungen sämtliche Komplikationen, die eine medizinische Behandlung notwendig machten, so Matthes im MDR.

Als Beispiele nannte der Forscher neurologische Störungen wie

80 Prozent, so Matthes, seien nach drei bis sechs Monaten wieder ausgeheilt. "Aber es gibt leider auch welche, die deutlich länger anhalten."

PEI: Schwere Nebenwirkungen bei Impfungen als lebensbedrohliche Komplikationen

Das PEI dagegen versteht unter schweren Nebenwirkungen lebensbedrohliche Komplikationen, die eine stationäre Behandlung oder Verlängerung einer stationären Behandlung erforderlich machen, zu bleibender oder schwerwiegender Behinderung, Invalidität oder sogar zum Tod führen. Der PEI-Wert von 0,2 Fällen auf 1000 Geimpfte und Matthes‘ Wert von 8 Fällen auf 1000 Geimpfte ist also nicht direkt vergleichbar. Gegenüber dem Portal "Zeit Online" erklärte Matthes nun, die 0,8 Prozent seien als Zwischenauswertung nicht in Stein gemeißelt. Womöglich seien sie aufgrund der methodischen Probleme tatsächlich etwas zu hoch gegriffen.

Matthes will die Studienergebnisse ausdrücklich nicht als Kritik an der Corona-Impfung verstanden wissen: "Die Impfung ist sinnvoll, aber sie hat wie andere Impfungen auch ihre Nebenwirkungen." Wie sinnvoll eine Impfung sei, zeige sich etwa bei jungen Männern: Hier sei das Risiko, eine Herzmuskelentzündung zu bekommen, bei einer Covid-Erkrankung deutlich höher als bei einer Corona-Schutzimpfung

Grundsätzlich seien die Ergebnisse seiner Studie mit Blick auf schwere Nebenwirkungen auch nicht überraschend, so Matthes. Sie entsprächen dem, was man aus anderen Ländern, wie Schweden, Israel oder Kanada kenne. Bei herkömmlichen Impfstoffen, wie etwa gegen Polio oder Masern, sei die Zahl schwerer Nebenwirkungen allerdings deutlich geringer. Aber: Die Corona-Impfstoffe sollten eine starke Immunreaktion auslösen – "das bedeutet eben auch, dass das Immunsystem aus dem Tritt kommen kann."

Noch keine Behandlungen für Menschen mit Impf-Nebenwirkungen

Das große Problem sei aktuell vor allem die Behandlung dieser Nebenwirkungen: Teilnehmer der Charite-Studie beklagten laut Matthes, dass sie wegen ihrer Beschwerden verschiedene Ärzte aufgesucht hätten, aber häufig abgelehnt worden seien. "Wir brauchen genauso wie für das Long-Covid-Syndrom jetzt auch Post-Vakzinations-Ambulanzen", forderte Matthes.

Es müsse Anlaufstellen für Menschen mit Impfnebenwirkungen geben, wo nach spezifischen Therapien für die Betroffenen gesucht werde. "Mir geht es darum, die Ärzteschaft zu sensibilisieren." Neurologen, Internisten, Immunologen müssten hier stärker eingebunden werden. Mit den Krankenkassen sollten zudem Therapiestandards vereinbart werden – ebenfalls nach dem Vorbild der Long-Covid-Therapien.

Nebenwirkungen nach Impfung mit Biontech und Co.: Erster Ansprechpartner für Betroffene

Die deutschen Hausärzte reagierten ablehnend auf die Forderungen: Die Idee, dass durch die Etablierung von Ambulanzen die Versorgung dieser Menschen in irgendeiner Weise verbessert werde, sei fernab jeder Versorgungsrealität. "Das wird sicherlich nicht helfen, die sehr wenigen Fälle schwerer Impfnebenwirkungen frühzeitig zu identifizieren", sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, dieser Redaktion.

Sollte es sich tatsächlich um einen Fall von schweren Impfnebenwirkungen handeln, stünden die etablierten ambulanten und stationären Strukturen zur Verfügung. "Welche Rolle dabei spezialisierte Ambulanzen einnehmen sollen, erschließt sich beim besten Willen nicht. Die Versorgung wird nicht besser, wenn man sie immer weiter zersplittert", so Weigeldt.

Erster Ansprechpartner für Betroffene von Impfnebenwirkungen sollte die Hausärztin oder der Hausarzt sein. "Sie kennen ihre Patientinnen und Patienten in der Regel schon lange und können die Symptome auch vor dem Hintergrund möglicher anderer Erkrankungen am besten einschätzen, anstatt die Symptome nur isoliert zu betrachten."

Patienten, die über anhaltende Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung klagen, können diese unter www.nebenwirkungen.bund.de melden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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