Musikgeschichte

Disney-Doku enthüllt die Wahrheit über das Aus der Beatles

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Ringo Starr: "Es ist ein Elend"

Ringo Starr- Es ist ein Elend

Er war Mitglied der berühmtesten Band der Welt und ist in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden: Ringo Starr. Der Schlagzeuger hat in seiner Wahlheimat Los Angeles via Video-Chat mit AFPTV über seinen vor vierzig Jahren getöteten Bandkollegen John Lennon sowie dem Dasein in der Corona-Pandemie gesprochen.

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Berlin.  Die Beatles und das Ende der Band: Vier erbitterte Streithähne und eine herrschsüchtige Frau? Eine Doku räumt mit diesem Mythos auf.

Cherchez la femme, heißt eine französische Redewendung: Wenn irgendwo etwas schiefgeht, steckt eine Frau dahinter. Als Paradebeispiel für dieses Klischee gilt Yoko Ono (88). Die Witwe von John Lennon, so heißt es, habe die Männerfreundschaft zwischen ihrem späteren Mann und Paul McCartney (79) zerstört und damit das Ende der Fab Four besiegelt.

Peter Jackson ist der Regisseur der „Herr der Ringe“-Filme und damit ein Mann, der sich mit Mythen auskennt. Seine siebenstündige Dokumentation „The Beatles: Get Back“, die jetzt beim Streamingdienst Disney Plus abrufbar ist, zeigt: Nicht Yoko Ono war schuld. Die Gruppe hat sich selber auseinandergebracht.

Im Januar 1969 nehmen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr (heute 81) das Album „Let It Be“ auf. Es soll nach zehn Jahren Weltkarriere ihr letztes werden. Dabei sind sie noch alle unter 30. Ein gleichnamiger Film über die Sessions entsteht, doch die immer entnervteren Musiker streichen dem Regisseur die meisten Szenen. Sie verschwinden im Archiv. Mehr zum Thema:Brexit-Streit: Jetzt sind sogar die Beatles mittendrin

Beatles gingen sich einfach auf die Nerven

Bis Jackson kam. Als erster Mensch seit 50 Jahren durfte er die 60 Stunden Material sichten. Und er war überrascht: „Ich wartete auf die schlimmsten Dinge, aber die kamen nicht“, sagt er. „Es gab Krisen, es gab Auseinandersetzungen.“ Doch die Legende von den hoffnungslos zerstrittenen Bandmitgliedern – sie bestätigt sich nicht.

Vielmehr erscheinen die Mitschnitte aus der Beatles-Firmenzentrale „Apple“ in der Savile Row in Mayfair wie ein „Mad Men“ der Musikszene. Wie die TV-Serie über eine Werbeagentur in den 60er-Jahren gibt „Get Back“ Einblick in eine reine Männerwelt. In der Entourage der Band ist keine einzige Frau.

Es wird getrunken und geraucht, als hinge das Leben davon ab. „Was für einen Drink wollt ihr?“, ist eine wichtige Frage. Disney Plus warnt seine Zuschauer zu Beginn vor so viel Lasterhaftigkeit. Eine geschönte Bambi-Version der Sessions war mit Regisseur Jackson aber nicht zu machen. Lesen Sie hier:John Lennons Todestag: Yoko Ono will strenge Waffengesetze

Yoko Ono und das Ende der Beatles

Und Yoko Ono? Sie ist nicht die herrschsüchtige Furie. Die Japanerin, sieben Jahre älter als John Lennon, ist damals schon eine anerkannte Künstlerin. Durch das Studio huscht sie wie eine Katze. Sie schweigt, hört zu, räumt auf. Und doch ist zu spüren, wie ihre bloße Anwesenheit dem Männerclub auf die Nerven geht. Es ist der berühmte Elefant im Raum, der wächst und wächst, den aber niemand anspricht.

Die schwelenden Konflikte werden passiv-aggressiv ausgetragen und durch permanentes Witzeln verschleiert. „Ich versuche nur, die Band am Laufen zu halten“, beschwert Lennon sich über einen übermüdeten McCartney. Es sind Dialoge wie in einer alten Ehe, der die Magie abhandengekommen ist und in der Menschen übrig bleiben, die nicht mehr dasselbe wollen.

„Du bist immer genervt“, wirft McCartney Leadgitarrist Harrison vor. „Ich versuche nur zu helfen. Aber ich merke immer schon selbst, wenn ich dich nerve.“ Harrison entgegnet. „Du nervst mich nicht.“ McCartney:„Es spielt keine Rolle. Hauptsache, wir vier merken es.“

Irgendwann verschwindet Harrison mit den dürren Worten: „Wir sehen uns in den Clubs.“ „Wenn er bis Dienstag nicht wieder hier ist, holen wir (Eric) Clapton“, ist Lennons Reaktion. Doch am 30. Januar ziehen sie noch einmal alle an einem Strang. Auch interessant:Wie ein Selfie der Beatles-Söhne die Fans verzückt

Letzter Beatles-Auftritt auf dem Dach

Nachdem Locations wie Libyen für ein Konzert als zu mühselig verworfen werden, haben sie eine Idee: „Rauf aufs Dach!“ Die vier klettern auf ihr Backstein-Stadthaus und geben zur Mittagszeit ein unangekündigtes Konzert. Zuschauer ist, wer vorbeigeht. Eine Frau beschwert sich, dass ihr Mittagsschlaf gestört wurde. Es ist der letzte Auftritt der bis heute erfolgreichsten Band der Welt.

Ansonsten erstaunt, wie bescheiden die Musiker im Vergleich zu heutigem Superstar-Gehabe waren. Die Super-8-Kamera für das Konzert besorgen sie selbst. Die trockenen Sandwiches, die nach einem Unfall auf der Putenfarm aussehen, nehmen sie hin. Die daueranwesenden Kameras verunsichern sie. Heute wären Stars verunsichert, wenn keine Kamera liefe.

Den entscheidenden Satz sagt Lennon dann auch nicht vor der Kamera, aber er ist im Begleitbuch zur Serie dokumentiert: „Ich würde euch alle vier für Yoko opfern.“

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