Poplegende

Elton John: So viel Elend steckt hinter dem Glamour

Sir Elton John als Erzähler: Die Poplegende spricht in London über Sex, Drogen und Elend.

Sir Elton John als Erzähler: Die Poplegende spricht in London über Sex, Drogen und Elend.

Foto: David M. Benett / Dave Benett/Getty Images for Macmillan

London.  Elton John nennt seine Autobiografie schlicht „Ich“. Beim Leseabend in London wird schnell klar: Hinter dem Glamour steckt viel Elend.

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Das muss man erst mal schaffen: Ein Popstar füllt einen Saal, obwohl er den ganzen Abend nicht einen Ton singt, und trotzdem hängen alle an seinen Lippen. 3500 Besucher nutzen Dienstagabend die Gelegenheit, Sir Elton John in vergleichsweise intimer Atmosphäre zur Erzählstunde im Londoner Art-déco-Theater Apollo Hammersmith zu erleben.

Und ein Buch gibt es für jeden Gast noch obendrauf. Um dieses Buch, in Großbritannien ein Nr.1-Bestseller, geht es dann auch bei der Veranstaltung. „Ich“ heißt die erste Autobiografie des Sängers. „Wie bist du nur auf diesen Titel gekommen?“, witzelt David Walliams, Moderator des Abends, zum Auftakt.

Aber es sei durchaus interessant, was er beim Lesen alles so erfahren habe: „Ich hatte ja keine Ahnung, dass du schwul bist.“

Elton Johns Haarpracht – für sein Alter wohl unangemessen

Bevor Elton John auf die Bühne tritt – im rosafarbenen Anzug, Brille mit orangefarbenen Gläsern, die Ringe an den Fingern und im Ohr funkeln hochkarätig im Scheinwerferlicht, die Haarpracht ist dem Alter von 72 Jahren absurd unangemessen – werden Bilder seines Lebens auf die Leinwand geworfen. Elton mit Liz Taylor, Elton mit John Lennon, Elton mit Freddie Mercury.

Es ist ganz klar die Legenden-Liga, in der dieser Star spielt, mit einem Unterschied: Diese Legende lebt. Es war öfter mal knapp. Die Lkw-Ladungen Kokain, die er jahrzehntelang in sich hineinschaufelte, nehmen einen Großteil des Buches und auch seiner Erzählungen bei der Lesung ein.

„Bevor ich 23 war, hatte ich keinen Sex“

„Ich bin ein schüchterner Junge in einem außergewöhnlichem Leben“, sagt er. Die Drogen seien ein Versuch gewesen, diesen Widerspruch zu überwinden. Bevor er 23 war, hätte er nie Sex gehabt. „Ich dachte, vom Masturbieren werde ich blind“, sagt er. „Deswegen habe ich damals schon vorsorglich angefangen, Brillen zu tragen.“

Mit Rod Steward im Rausch der Droge Poppers

Im New Yorker 70er-Jahre-Discotempel Studio 54 tanzte er dann mit Rod Stewart im Rausch der Droge Poppers und zog mit anderen Prominenten Koks vom Flipperautomaten. „Eigentlich wollte ich die Kellner abschleppen“, erzählt er, „Aber der Laden hatte bis 6.30 Uhr morgens auf, und bis dahin war ich so dicht, dass sowieso nichts mehr gegangen wäre.“

Es werde nie wieder einen Ort geben wie diesen, ist er sich sicher. Ansonsten verklärt Elton John nichts. Selbstironisch und uneitel erzählt er vom Elend hinter dem Glamour, von Verwahrlosung, von Tagen und Wochen, die er im vollgebrochenen Morgenmantel allein zu Hause verbracht hat und nichts anderes tat, als noch mehr Drogen zu nehmen.

Erst als er vom Schicksal des amerikanischen Teenagers Ryan White las, änderte sich sein Leben. Der Junge wurde durch eine Bluttransfusion mit HIV infiziert und war in der Aids-Hysterie der 80er entsetzlichen Anfeindungen ausgesetzt. John nahm Kontakt zu ihm und seiner Familie auf und begleitete Ryan bis zu seinem Tod.

„Plötzlich schämte ich mich für meine Drogensucht“, sagt er. Und er schämte sich auch dafür, anders als Freundinnen wie Liz Taylor oder Prinzessin Diana nie öffentlich Stellung zum Angstthema Aids bezogen zu haben. Er startete mit einem Entzug: „Sechs Monate später war ich clean.“ Dann gründete er seine Stiftung, mit der er nach eigenen Angaben bisher 450 Millionen Dollar im Kampf gegen die Krankheit sammelte.

„Freddy Mercury war der großzügigste Mensch der Welt“

Noch einmal bricht Elton John die Stimme weg – als er über den Tod von Freddie Mercury spricht. „Er war der witzigste und großzügigste Mensch der Welt“, sagt er über den 1991 gestorbenen Queen-Sänger. „Noch vom Sterbebett aus erwarb er Kunst bei Auktionen, einfach weil er so eine Lust am Leben hatte und daran, anderen Geschenke zu machen.“

„Im Grunde bin ich immer bodenständig geblieben“, fasst Elton John zusammen, ehe er sich mit Ehemann David Furnish in einem roten Bentley heimchauffieren lässt. „Ich weiß, das klingt komisch aus dem Mund eines Mannes, der einmal seine Leute angewiesen hat, den Wind draußen abzustellen, weil ich im Hotel nicht schlafen konnte.“

Das Outfit – wie ein explodierender Fasan

Was er mit „bodenständig“ meine: Er habe seinen Erfolg nie als selbstverständlich hingenommen und nie vergessen, dass er ein Vorort-Junge aus der Arbeiterklasse sei. Dann werden noch einmal alte Bilder von ihm gezeigt, auf einem trägt er einen Fummel, der ihn wie einen explodierten Fasan aussehen lässt.

Schön war er ja nie, cool ebenfalls eher nicht. Dass sei doch das Großartige gewesen am Rock ‘n‘ Roll, steht auch in seinem Buch: „Dass jemand wie ich ein Star sein kann.“

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