Sexualität

Generation Porno? Warum junge Menschen weniger Sex haben

Heiße Küsse in der RTL-II-Sendung „Love Island“. Ein seltenes Bild? Viele junge Menschen fühlen sich laut Forschern mit ihrer Sexualität überfordert. „Love Island – Heiße Flirts & wahre Liebe“: montags um 20:15 Uhr, dienstags bis sonntags 22:15 Uhr bei RTL II.

Heiße Küsse in der RTL-II-Sendung „Love Island“. Ein seltenes Bild? Viele junge Menschen fühlen sich laut Forschern mit ihrer Sexualität überfordert. „Love Island – Heiße Flirts & wahre Liebe“: montags um 20:15 Uhr, dienstags bis sonntags 22:15 Uhr bei RTL II.

Foto: RTL IIMagdalena Possert / obs

Berlin.  Sex ist heute überall – im Fernsehen, in der Werbung, im Netz. Dabei sind junge Leute enthaltsam wie nie. Aus Angst, sagt ein Forscher.

Folgt auf die oft zitierte „Generation Porno“ nun die „Generation Sexmuffel“? Einiges deutet darauf hin. Denn junge Leute sind offenbar so enthaltsam wie nie, sagen Forscher. Die Gründe für die neue Keuschheit: Das Smartphone und die Angst, den Ansprüchen nicht zu genügen.

Ob auf YouPorn oder sonstwo – die Protagonisten dieser Sexwelt sind perfekt. Ein Dilemma. Denn so perfekt ist in Wirklichkeit keiner. Junge Leute lähmt das. Extrem sogar, sagen Forscher. Was darauf folgt, sei der Zwang zur Selbstoptimierung. Und die sei vor allem eins – extrem unsexy.

Sex unter Jugendlichen – Trend geht zu Enthaltsamkeit

Knutschend, freizügig und nur Flirts und mehr im Kopf – das sind Bilder, die Privatsender am Fließband produzieren. Ob „Naked Attraction“, „Adam sucht Eva“ oder „Love Island“ – es geht zur Sache. Lange habe sich ein Bild der Jugend gehalten, das mit viel Sex zu tun hatte, so Prof. Elmar BrähIer vom Psychologischen Institut der Universität Leipzig. Möglicherweise sei es das Erbe von der freien Liebe im Nachklang von Woodstock - jedenfalls unterstellte man jungen Menschen lange hohes sexuelles Interesse und geradezu eine wilde Lust auf Partnerwechsel.

Doch längst habe sich da ein Wandel vollzogen, so der Wissenschaftler. Immer früher, immer öfter – das lasse sich nicht mehr halten. Es gebe so etwas wie einen Trend zur Enthaltsamkeit, quasi als Gegenbewegung zum ausgelassenen Leben. Darauf weist auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in ihren Studien über Jugendsexualität immer wieder hin.

Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Sex

Sex als Droge, von der man sich lösen wolle: Das Phänomen dieser Jugendkultur hört auf den Namen „Straight Edge“ – eine geradlinige Lebensart: kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Sex. Für diesen Lebensstil wirbt etwa eine christliche Bewegung aus den USA: Leben wie ein Mönch - oder eine Nonne - jedenfalls bis zur Heirat. „Wahre Liebe wartet“ („True love waits“) - so ihr Slogan.

Doch abseits des bewussten Verzichts gebe es viel mehr Gründe, die unbewusst zum No-Sex führten: „Der Zwang zur Selbstoptimierung“, sagt Brähler. Wer ständig mit sich selbst befasst ist und den Fokus nur auf sich lenkt, verliert quasi sein Gegenüber aus den Augen.

Schlecht, denn das Gegenüber spielt in Sachen Stimulierung keine unwesentliche Rolle. Die Nabelschau also sei es, die die Begierde killt. Klingt vielleicht nach halb so wild. Doch falsch. Die Fixierung könne krank machen, sagt Brähler. „Es gibt Untersuchungen, wonach Menschen zwischen 18 und 30 zu der Personengruppe zählen, die am meisten von Depressionen betroffen ist. Und wer depressiv ist, hat keine Lust mehr.“

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Erotik? Pustekuchen – Abends ist der Körper fix und fertig

Dass diese top gestylten Bodys sich selbst genug sind und nicht wie gemacht für einen lustvollen Abend zu zweit – ein Rätsel. „Tattoos, aufgepolsterte Körperregionen oder Aufbau von strukturierten Muskeln“ – das seien schon ganz klare Signale einer Körperlichkeit, so Brähler. Doch die schieße in gewisser Weise ins Leere. „Es geht heute darum, dass der Körper gut aussieht und gut funktioniert“.

Denn unter „Funktionieren“ ist nicht das gemeint ist, was man vielleicht glauben könnte. Die Funktion des Körpers sei ganz unromantisch zu verstehen: Den Body dahin zu bringen, dass er so aussieht, wie er aussehen soll. Und Punkt. Und das sei ja schon mal jede Menge Arbeit. Abends sei so ein Körper fix und fertig. Und dann sei ja auch noch der Alltag da, der bewältigt werden muss. Und dieser Alltag habe es für junge Leute heute auch in sich. Erotik? Pustekuchen.

Selbst bei den Studenten sei das Leben heute komplett verschult durch Master und Bachelor. „Für Freiheit bleibt da wenig Raum.“ Und die aber sei wichtig, um überhaupt mal auf lustvolle Gedanken zu kommen. Wer nicht studiert, hat es längst nicht besser: Im Job zähle das oberste Leistungsprinzip.

Wer am Smartphone hockt, hat keine Zeit für Sex

Aber, lieber Wissenschaftler, ist das nicht immer so gewesen? Ja, aber was heute im Gegensatz zu früher hinzu käme, sei das Smartphone. „Wenn der Partner die ganze Zeit am Telefon ist, ist das nicht gerade eine romantische Stimmung, die da entsteht“, sagt auch Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen, die den „Freizeit-Monitor 2019“ veröffentlicht hat.

Das Ergebnis der Studie übrigens lautet: Junge Singles haben vergleichsweise wenig Sex. 27 Prozent einmal pro Woche, 49 Prozent einmal im Monat. Sind sie erst Eltern, so ändert sich das: Einmal pro Woche Sex haben dann schon 60 Prozent und 82 Prozent mindestens einmal im Monat.

Wer seine Freizeit digital verdaddelt, hat einfach keine Kapazitäten mehr für analoge Liebesspiele. Die suche man sowieso lieber im Netz. Eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung in Hamburg hat ergeben: Mehr als jeder Zweite der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland guckt sich Nackte am liebsten virtuell an. Doch genau hier stecke das Problem.

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Was fehlt, ist die Begierde

So erotisch aufgeladen diese Darstellungen auch seien – sie würden keine Begierde locken, sagt Wissenschaftler Brähler. Im Gegenteil: Diese perfekten Jungs und Mädels auf YouPorn oder sonstwo machten nur eins: Sie produzieren jede Menge Hemmungen bei den jungen Leuten. So ein bisschen also der Top-Model-Komplex: So schön wie die werden wir nie! Und Schluss mit Lust.

Was den jungen Menschen heute fehle, sei eine Art Raum, der ihnen Freiheit gibt. Der Platz schafft, sich in Fantasien zu verlieren. „Vielleicht gibt die Bewegung Fridays for Future ihnen ja eine neue Möglichkeit, sich näher zu kommen. Wenn die Jugend wieder auf die Straße geht, wenn sie eine gemeinsame Vision hat, kann das durchaus sein, dass sich da mehr entwickelt.“ Wobei zumindest das Kinderkriegen von Greta & Co. auch sehr kritisch gesehen wird.

Ältere Männer sind sexuell hoch interessiert und aktiv

Während die Jugend ohne viel Sex unterwegs ist, ist – so staunt selbst der Wissenschaftler – vom Lustkiller bei Älteren wenig zu spüren. Vor allem der ältere Mann, also der über Siebzigjährige, gehöre zu der Gruppe, deren sexuelle Lust erstaunlich gut ausgeprägt ist“, so Forscher Elmar Brähler.

„Bei den über Siebzigjährigen ist fast jeder Zweite noch sexuell aktiv.“ Ob das an der Kraft von Viagra und Co. liegt? Brähler zögert: „Nicht nur. Es liegt vor allem daran, dass ältere Männer heute eben viel gesünder sind als früher.“ Der Mann um die siebzig, er radelt, er wandert, geht ins Fitnessstudio oder spielt Tennis. Was ihn auszeichne, sei die Fähigkeit zur Leidenschaft.

Best Ager in Bestform – das sind aber doch vor allem die „Frauen 60 plus“: Sie machen all das, was Männer machen, gehen dazu noch zum Yoga und zur Wassergymnastik, essen Superfood oder stählern ihr Immunsystem mit der Intervalldiät.

Und das Ergebnis: Sex muss nicht sein. Rein statistisch lässt das Interesse an Bettgeschichten bei Frauen nach der Menopause rapide nach. Ob es wirklich mit der Abnahme der Sexualhormone zu tun hat? Wissenschaftler Brähler: „Unsinn! Es hat mit Mangel an Gelegenheiten zu tun.“ Vor allem damit, „dass sich der Griff zum jüngeren Mann noch nicht durchgesetzt hat“. Der Mann sei da schon clever gewesen.

Man denke nur an Peter Maffay (70), der mit einer Frau liiert ist, die 38 Jahre jünger ist. Oder nehmen wir die aktuelle Gattin von Altkanzler Gerhard Schröder (75) Soyeon Schröder-Kim (48). TV-Legende Ulrich Wickert (76) wurde mit 69 Jahren Vater von Zwillingen.

Seine Frau Julia Jäkell ist fast 30 Jahre jünger als Mister Tagesthemen. Und Nachrichtensprecher Jan Hofer (69), der in diesem Jahr schon ein wenig mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte und vor laufender Kamera eine Art Schwächeanfall erlitt, ist mit Phong Lan Hofer (41) verheiratet.

Einer der größten Anreize beim Thema Sex sei für Männer, die Attraktivität der Partnerin. Die bekanntermaßen ja noch steigt, wenn auch andere diese Partnerin noch schön finden. Und Jugend macht Punkte auf der Attraktivitätsskala.

Frauen berichten von ihrer sexuellen Unlust

Bei Frauen sei das Ganze ein wenig komplexer, so der Fachmann Brähler. Umfragen des Leipziger Instituts zeigten immer wieder, dass die Lust auf Sex abnimmt, wenn sie an seiner Seite gefühlt nur die Rolle einer Servicekraft einnimmt. Eine Frau (57), seit 36 Jahren verheiratet, sagt laut Umfrage, sie fühle sich nur noch als Haushälterin, Sekretärin oder Kindermädchen.

Selbst wenn diese Reduktion ausbleibt, wenn es eine Partnerschaft auf Augenhöhe ist – laut Studien sei vielfach genau das der Lustkiller Nummer eins: Denn das Geheimnis, das im Spiel der Erotik eine nicht unbedeutende Rolle einnimmt, bleibt auf der Strecke, wenn man den Partner in allen Lebenslagen kennt, ob beim Einkaufen, Flurwischen oder beim Zähneputzen.

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Sex alleine reicht nicht, es muss alles stimmen

Selbst bei Frauen, die in keiner Routine-Ehe sexuell darben, sondern als Single jede Freiheit nutzen könnten, scheint es mit dem Sex nicht so einfach zu sein: Eine 63-Jährige, seit 22 Jahren geschieden, hat seit elf Jahren keine Sex mehr. In der Umfrage sagt sie: Nicht die Gelegenheiten habe ihr gefehlt „Man könnte schon Sex haben, aber je älter man wird, genügt Sex alleine nicht, es muss alles stimmen. Man wird sehr wählerisch und anspruchsvoll.“

Häufig sei die ältere Frau auch Opfer einer zweifelhaften Vorstellung, wonach Frauen sowieso weniger Lust haben als Männer. Rein wissenschaftlich und medizinisch längst als Humbug überführt, aber eben immer noch in den Köpfen verankert. Das klingt dann in der Umfrage so: „Ich bin eine 75-jährige Frau!“ Basta.

Sexuell aktiver als die jüngere Vergleichsgruppe

Aber es geht auch anders. In der Berliner Studie „Sex im Alter“(BASE-II) gab ein Drittel der Studienteilnehmer zwischen 60 und 80 (Frauen wie Männer) an, sexuell durchaus interessiert zu sein. Und als Ergebnis zur jüngeren Vergleichsgruppe kam sogar heraus: Sie sind nicht nur in Gedanken aktiver mit Sex beschäftigt, sondern haben auch mehr realen Sex. Der Grund? Spekulation. Sagen wir so: Sie haben auf jeden Fall mehr Zeit.

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