Prozess

Affärenopfer verstrickt sich im Essener Mordprozess in Lügen

Auf versuchten Mord lautet vor dem Landgericht Essen die Anklage gegen eine Frau, die auf ihren Ex-Geliebten eingestochen hatte.

Auf versuchten Mord lautet vor dem Landgericht Essen die Anklage gegen eine Frau, die auf ihren Ex-Geliebten eingestochen hatte.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen  Mordversuch am Ende einer Beziehung ist angeklagt. Doch der verletzte Mann verstrickt sich vor Gericht in Lügen, weil er die Affäre verheimlicht.

Er war das Opfer einer Messerattacke. Aber fast wäre der 59-jährige Dorstener am Donnerstag vor dem Landgericht Essen auch zum Täter geworden. Beinahe redete er sich um Kopf und Kragen, als er offenbar aus Angst vor seiner Ehefrau in seiner Zeugenaussage das sexuelle Verhältnis mit der 47 Jahre alten Angeklagten verheimlichen wollte. Erst spät und unter Androhung eines Strafverfahrens wegen Falschaussage korrigierte er sich beim Schwurgericht: „Es tut mir leid, entschuldigen Sie bitte.“

Es geht um den Anklagevorwurf des versuchten Mordes aus Heimtücke. Am 8. September 2018 hatte die in einem Blockhaus am Niederrhein lebende frühere Lkw-Fahrerin am Wohnhaus des Angeklagten in Dorsten geschellt. 20 Uhr war es, der 59-Jährige hielt sich mit seiner Ehefrau drinnen auf.

Messer aus der Tasche gezogen und zugestochen

Er öffnete, sah die Frau und schloss die Türe wieder. Als sie erneut schellte, öffnete er erneut. Sie sprach ihn direkt an: „Ich habe noch ein Geschenk für dich.“ Dann zog sie laut Anklage ein Messer aus der Tasche und stach zu. Nur weil er schnell zurück wich, erlitt er nur einen Kratzer oberhalb der Leber. Danach gelang es ihm, die Tür zu schließen, obwohl sie versuchte, ihn weiter zu treffen.

Sylvia R. berichtet das offen: „Was passiert ist, will ich nicht abstreiten.“ Sie habe längere Zeit ein Verhältnis gehabt mit ihm, sei dann aber sauer gewesen, als er das Verhältnis beendete. „Ich war enttäuscht wegen seiner fehlenden Ehrlichkeit“.

Er gab sich im Internet als Chef seiner Bank aus

Und dabei meinte sie nicht einmal seine Identitätslüge, mit der er sich im Internet auf einer Dating-Plattform angeboten hatte. Das hatte sie ihm verziehen. Da präsentierte der Bankkaufmann sich nämlich mit Foto und Namen als der 52 Jahre alte Vorstandsvorsitzende seiner Bank. 2500 Angestellte umfasse seine Firma, soll er ihr gesagt haben.

Und manchmal sagte er die Freitagstreffen mit ihr ab. „Da sagte er, er müsse nach London fliegen und wegen des Brexit Filialen schließen.“ Die 47-Jährige war dennoch zufrieden, wollte auch keinen engeren Kontakt: „Die erste Zeit war toll. Dass ich so ein Glück habe, dachte ich.“

Zeuge leugnet die sexuelle Affäre hartnäckig

Der 59-Jährige will allerdings von einem sexuellen Verhältnis nichts wissen. Er stellt sie als Lügnerin hin, auch wenn er wenig Rachsucht zeigt: „Ich will nicht, dass sie bestraft wird. Ich will, dass ihr geholfen wird.“

Er habe sie auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik kennengelernt, sagt er. Zweimal habe er ihre Steuererklärung gemacht, mehr sei nicht gewesen. Und Freitags habe er immer an einer Pokerrunde teilgenommen, deshalb könne es mit ihr gar nicht zu regelmäßigen Sex-Treffen am Freitag gekommen sein. Schließlich habe sie ihn mit E-Mails und Telefonaten bombardiert: „Ich habe mir das verbeten.“

Richter zeigt sich ungehalten und liest Porno-Mails vor

Richter Jörg Schmitt wird langsam ungehalten. Er droht mit einem Verfahren wegen Falschaussage. Er liest aus E-Mails des Zeugen an die Angeklagte vor. Ein Porno ist nichts dagegen. Doch der Zeuge knickt nicht ein. „Das sind Erwachsenengespräche“, behauptet er. Richter Schmitt scheint das ziemlich verwegen zu finden – nach nur zwei Steuererklärungen. Erneut droht er mit einem Strafverfahren.

Schließlich berät der Zeuge sich in einer Pause mit seinem Anwalt und korrigiert danach die Falschaussage. Es seien tatsächlich sexuell bestimmte Treffen am Freitag gewesen und keine Pokerrunden, räumt er jetzt ein.

Abservierte und in ihren Gefühlen verletzte Geliebte?

Um die Schuld der Angeklagten zu beurteilen, ist es natürlich wichtig, die Vorgeschichte zu kennen. Ist sie eine völlig abgedrehte Frau, die auf einen Zufallskontakt einsticht? Oder doch „nur“ eine abservierte Geliebte, die in ihren Gefühlen verletzt wurde?

Belastend für Sylvia R. dürfte eine Sprachnachricht sein, die am Tattag an eine Freundin ging. Sie sei auf dem Weg nach Dorsten und habe ein Messer dabei, soll sie gesagt haben. Und: „Ich werde ihn abstechen.“ Das sei aber nicht sie gewesen, versichert sie am Donnerstag ihren Richtern: „Das war Saskia, mein zweites Ich.“ Zwei weitere Verhandlungstage sind angesetzt.

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