Prozess

Mutter geschlagen und verletzt: Sohn muss nicht in Haft

Essen/ Hattingen.  Der Sohn, der seine 77 Jahre alte Mutter schwer verletzte, muss nicht in Haft. Er bekam Bewährung. Er darf seine Mutter aber nicht mehr sehen.

Der Hattinger, der seine 77 Jahre alte Mutter angegriffen und schwer verletzt hatte, muss nicht ins Gefängnis. Am Mittwoch verurteilte ihn das Landgericht Essen wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen das Gewaltschutzgesetz zwar zu zwei Jahren Haft, setzte die Strafe aber zur Bewährung aus. Der 55-Jährige darf allerdings keinen Kontakt zu ihr suchen, sonst droht ihm der Widerruf der Bewährung.

Er nahm das Urteil der XVII. Strafkammer ohne größere äußere Reaktion hin. Psychisch krank ist er, gilt als vermindert schuldfähig. Der langjährige Konsum von Valium und Heroin hat ihn körperlich schwer angegriffen. Seit seiner Jugend ist er abhängig von Drogen.

55 Jahre lang im Elternhaus gelebt

Die Tat, über die das Gericht urteilte, nannte Richterin Gabriele Jürgensen den „Abschluss einer ziemlich tragischen Familiengeschichte“. Der 55-Jährige habe sein ganzes Leben lang bei den Eltern gelebt. Sozial war er isoliert, habe das Haus oft nicht verlassen und nur im Bett gelegen. Nach seiner Ausbildung sei er ein Jahr lang tätig gewesen, danach nicht mehr.

Das Zusammenleben mit dem bislang nicht vorbestraften Mann muss schwierig gewesen sein. Verbal sei er zunehmend aggressiv geworden, habe die Eltern angeschrien. Der Vater sei wohl eher nachgiebig gewesen. Als er vor über einem Jahr starb, kam es häufiger zu Auseinandersetzungen mit der Mutter. Richterin Jürgensen: „Sie hatte wohl schon früher die Notbremse ziehen wollen, was auch nötig gewesen wäre.“

Mutter hatte ihn vor die Tür gesetzt

Der Angeklagte hatte seiner Mutter vor Gericht vorgeworfen, sie erfinde Geschichten gegen ihn, um ihn vor die Tür zu setzen. Bei Gericht kam das nicht gut an. Die Richterin im Urteil: „Das hat sie gar nicht nötig. Denn sie hat natürlich das Recht, ihn aus der Wohnung zu werfen.“

Im vergangenen Jahr erwirkte die Mutter ein gerichtliches Kontaktverbot und wechselte die Wohnung. Doch daran hielt der Sohn sich nicht, rief häufiger die Mutter an. Sie hatte unglücklicherweise die alte Rufnummer behalten.

Kurzerhand die Tür eingetreten

Am 22. Mai 2018 kam es zu der Gewalttat, für die der Angeklagte jetzt verurteilt wurde. Er erschien vor der Wohnung der Mutter. Als sie nicht öffnete, trat er die Tür ein. Dann schleuderte er seine Mutter zu Boden, rammte ihr einmal auch seine Faust ins Gesicht. Sie erlitt einen Becken- und einen Schulterbruch, jeweils zweifach.

Diese Tat hatte der Angeklagte vor Gericht auch gestanden. Eine andere nicht. Da ging es um den Angriff auf die Mutter einen Monat zuvor. Laut Anklage soll er ihr ein Messer an den Hals gehalten und gefordert haben, sie solle für ihn Zigaretten und Lebensmittel kaufen. Aber für diesen Vorwurf reichten dem Gericht die Beweise nicht aus, die Mutter hatte widersprüchlich ausgesagt. Die Kammer sprach ihn in diesem Anklagepunkt frei.

Mutter lag mehrere Monate in der Klinik

Strafverschärfend lastete die Kammer dem 55-Jährigen den mehrmonatigen Klinikaufenthalt seiner Mutter an. Auch die schweren körperlichen Folgen, die Frau muss jetzt einen Rollator benutzen, erhöhten die Strafe.

Andererseits sei er aber bislang nicht vorbestraft und selbst schwer erkrankt. Die Richterin warnte ihn aber: "Wenn Sie erneut gegen die Mutter vorgehen und das Kontaktverbot ignorieren, wird die Bewährung widerrufen."

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