Prozess

Rohrreiniger kassiert 915 Euro für wenig Arbeit: Freispruch

Bei verstopften Rohren ist Eile geboten. Aber Vorsicht: Auf dem Markt der Rohrreinigung tummeln sich viele unseriöse Anbieter. (Symbolbild)

Bei verstopften Rohren ist Eile geboten. Aber Vorsicht: Auf dem Markt der Rohrreinigung tummeln sich viele unseriöse Anbieter. (Symbolbild)

Foto: Markus Joosten / Funke Foto Services

Essen  Eine knappe halbe Stunde brauchte ein Essener Rohrreiniger, dann war das WC frei. 915 Euro forderte er. Das Amtsgericht sah darin keinen Betrug.

Reza K. lächelt freundlich und bedankt sich für das Urteil. 915,08 Euro hatte er für die Reinigung einer verstopften Toilette verlangt und war deshalb wegen Betruges angeklagt worden. Doch alle Prozessbeteiligten sahen darin keine strafbare Handlung, so dass die Essener Amtsrichterin Anne Dies ihn freisprach. Lächeln durfte der 27-jährige Essener, weil seine fast 1000 Euro teure Leistung laut Verbraucherzentrale eigentlich mit 50 bis 100 Euro berechnet wird.

Reza K., der vor dem Amtsgericht so bescheiden und freundlich auftrat, ist eigentlich eine kleine Berühmtheit. Wer seinen Namen googelt, findet ihn schnell. Da wird er als Betrüger beschimpft, als frech, als Abzocker. Dabei ist auch er offenbar nur der kleine Fisch in einem weit größeren System.

Angebot des Rohrreinigers war "so günstig"

Er ist einer der „Handwerker“, die von einer der vielen im Internet ganz vorne auftauchenden Organisationen, oft in Mülheim beheimatet, die Aufträge vermittelt bekommt. So am 26. November 2018, als Reza K. nach Köln fuhr. Das ist der Fall, den das Amtsgericht Essen später verhandelte. Der 27 Jahre alte Mieter einer Wohnung in der Domstadt stand plötzlich vor dem Problem einer verstopften Toilette. Er informierte sich im Internet und fand eine Firma, deren Angebote „so günstig waren“, dass ihm schon klar war, dass es ein wenig teurer würde.

Tagsüber hatte er angerufen, doch die versprochene Abhilfe ließ auf sich warten. Erst um 22.30 Uhr schellte Reza K., der den Schaden begutachtete und die Preise nannte. Stolze Preise. Und eine doppelte Berechnung: 89,90 Euro für jeden laufenden Meter der Rohrreinigung und dazu 70 Euro für jede angebrochene Viertelstunde. Laut Verbraucherzentrale sind neun Euro für jeden Meter angemessen, die doppelte Abrechnung weise auf unseriöse Anbieter hin.

Mieter durfte dem Handwerker bei der Arbeit nicht zusehen

Der Mieter, hauptberuflich immerhin ein Digital Consulter, durfte nicht einmal mehr ins eigene Bad, als Reza K. mit seiner Arbeit begann. Er arbeite mit Chemikalien, sagte der Rohrreiniger, da müsse der Kunde draußen bleiben. Nach nicht einmal einer halben Stunde war der Job erledigt, die Toilette wieder frei. Was drinnen gemacht wurde, konnte der Auftraggeber nicht einmal ahnen.

Vor Ort präsentierte Reza K. die Rechnung: Zweimal 70 Euro für die Arbeitszeit. Acht Meter Rohrreinigung, aber freundlicherweise weniger berechnet, dazu die Mehrwertsteuer. Macht 915,08 Euro, die sofort zu bezahlen sind.

200 Euro für die Rohrreinigung hieß es anfangs

Der Mieter fand die gesamte Preisgestaltung undurchsichtig. Reza K. habe ihm gesagt, vermutlich werde das 200, 300 Euro kosten. Die Verurteilung wegen Betruges scheitert daran, dass auch der Mieter sagt, diese Summe sei ihm nicht fest zugesagt worden. Schließlich könne Reza K. nicht sagen, in wie viel Metern Tiefe sich die Verstopfung befinde.

Reza K. spricht von Transparenz. Natürlich kläre er jeden Kunden vorher über die Kosten auf. Dann habe der Kunde die Freiheit, über sein Angebot zu entscheiden: „Die können mich ja auch wegschicken.“ Freundlich lächelt er dabei. Im Internet ist viel darüber zu lesen, wie aggressiv die „Handwerker“ sich aufführen, wenn die Kunden nicht zahlen wollen oder eine Rechnung verlangen.

Im Formular war "Kunde zufrieden" angekreuzt

Im Kölner Fall gibt es auch ein Formular, das Kundenzufriedenheit dokumentiert. Da steht angekreuzt: „Kunden genauestens über die Preise aufgeklärt. Kunde zufrieden.“ Der 27-Jährige glaubt, dass das von ihm unterzeichnete Formular nachträglich verändert wurde: „Ich war ja nicht zufrieden. Sonst hätte ich keine Anzeige erstattet.“

Die Juristen im Saal sehen die für einen Betrug notwendige Täuschung nicht erfüllt. Das mutmaßliche Opfer könne aber versuchen, sich zivilrechtlich das Geld zurückzuholen. Der 27-Jährige hat tatsächlich draufzahlen müssen. Der Vermieter, der zunächst telefonisch die Kostenübernahme erklärt haben soll, zahlte dann ob der Wucherpreise doch nur 200 Euro. Auf 715,08 Euro blieb der Kölner Mieter sitzen.

Vermieter bezweifelt die Länge des gereinigten Rohres

Der Vermieter sagte auch, dass es höchstens drei Meter Rohr gewesen sein könnten, die gereinigt wurden. Nicht acht. Denn nach drei Metern verschwinde das Rohr im Fallrohr. Und das sei nachweislich frei gewesen.

Reza K. hat vor dem Amtsgericht auch darauf eine Antwort. Auf Wunsch bekämen die Kunden ein Messprotokoll mit der gereinigten Rohrlänge zugeschickt. Der Mieter bestätigt das versprochene Protokoll. Es sei aber nie bei ihm angekommen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war in der Überschrift und im Vorspann eine falsche Zahl angegeben. Wir haben den Fehler korrigiert.

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