Pandemie

„Freedom Day“: Keine Corona-Regeln mehr in Großbritannien

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Proteste in ganz Frankreich gegen neue Corona-Maßnahmen

Proteste in ganz Frankreich gegen neue Corona-Maßnahmen

Mehr als 100.000 Menschen haben in ganz Frankreich gegen die jüngsten Corona-Maßnahmen der Regierung demonstriert. Die Demonstranten kritisierten unter anderem die Impfpflicht für Gesundheits- und Pflegekräfte sowie den neuen Gesundheitspass.

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London.  In Großbritannien gelten seit Montag keine Corona-Regeln mehr - trotz steigender Neuinfektionen. Experten entwerfen düstere Szenarien.

Auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Pandemie-Montag. Im Zentrum von Harrow, einer Vorstadt im Nordwesten Londons, beginnt um 8.30 Uhr das Leben, die Geschäfte öffnen, die Leute warten in der Sandwich-Bar auf ihren Kaffee. Erst beim näheren Hinblicken merkt man, dass dieser Tag anders ist. Dicht an dicht stehen die Leute Schlange. Und praktisch niemand trägt eine Gesichtsmaske.

Die britische Boulevardpresse nennt dies „Freedom Day“, den „Tag der Freiheit“. Ab heute gelten in England keinerlei Corona-Einschränkungen mehr, zumindest keine, die die Regierung vorschreibt. Keine Maskenpflicht in Geschäften, in Pubs oder in Theatern, keine maximale Anzahl von Besuchern in Museen und bei Konzerten – nichts. Um Mitternacht öffneten zudem die Nachtclubs wieder. Bilder von tanzenden jungen Menschen in vollen Clubs fluten die sozialen Netzwerke. Während der britische Premierminister Boris Johnson seinen „Tag der Freiheit“ in Quarantäne verbrachte, weil er Kontakt mit einem Infizierten hatte, strömten die Nachtschwärmer aus und feierten das Ende der Beschränkungen.

Großbritannien lockert – Johnson mahnt zu Besonnenheit

Auch in Harrow trifft man Leute, die lange auf diesen Tag gewartet haben. Faisal, ein 35-jähriger Angestellter der Eisenbahn, findet nicht, dass ihn die Regierung dazu zwingen dürfe, einen Gesichtsschutz zu tragen – tut er darum auch nicht mehr. „Früher oder später werden sowieso alle an Covid erkranken“, meint er. „Das wird sein wie bei der Grippe. Natürlich ist Covid schlimmer, aber trotzdem können wir die Einschränkungen nicht ewig beibehalten.“ Auch der Gemüsehändler im Bahnhof blickt den kommenden Wochen mit Optimismus entgegen. Die Pandemie sei hart gewesen fürs Geschäft, niemand habe mehr Zeit in der Halle verbringen wollen als nötig, sagt der junge Mann. Lesen Sie auch: Steigende Infektionszahlen: Kann ich meinen Urlaub absagen?

Allerdings spürt man hier auch bei jenen, die die Öffnung begrüßen, kein Triumphgefühl. Dazu passt, dass die Regierung ihre Rhetorik in den vergangenen Tagen zurückgefahren hat. Sie spricht nicht mehr vom „Tag der Freiheit“, sondern mahnt die Bevölkerung vor Übermut. „Bitte, bitte, bitte seid vorsichtig“, sagte Johnson in einer Videobotschaft am Sonntag. Er rief die Bevölkerung auf, Besonnenheit zu zeigen und nicht zu vergessen, „dass diese Krankheit weiter ein Risiko darstellt“. Er sei dennoch überzeugt, das Richtige zu tun.

Das Coronavirus breitet sich wieder rasant in Großbritannien aus

Ein Blick in die Statistik zeigt, wie groß dieses Risiko ist: Die Pandemie breitet sich in Großbritannien erneut rasant schnell aus, die dritte Welle trifft das Land mit voller Wucht. Derzeit werden mehr als 50.000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet, das ist weltweit eine der höchsten Ansteckungsraten. Auch müssen immer mehr Menschen wegen einer Covid-19-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Dass Johnson trotz dieser erschreckenden Zahlen darauf besteht, das Land zu öffnen, stößt bei vielen auf Unverständnis, auch in Harrow. Lucy, eine 22-Jährige mit einem T-Shirt, auf der fünf tanzende Skelette zu sehen sind, meint: „Das Land ist noch nicht bereit.“ Das liege vor allem daran, dass erst 53 Prozent der Bevölkerung zwei Impfdosen erhalten haben – und nur die doppelte Impfung schützt laut Studien angemessen vor der extrem ansteckenden Delta-Variante. Sie selbst ist noch nicht geimpft –weil sie selbst vor einigen Wochen an Covid-19 erkrankte und noch warten muss. „Covid war zeimlich heftig“, sagt sie. Vor allem hat sie Angst, dass die Fallzahlen weiter exponentiell ansteigen und am Ende ein erneuter Lockdown kommt.

Epidemiologen warnen vor Eskalation der Situation

Davor warnen auch viele Experten. Immer wieder entwarfen Epidemiologen düstere Szenarien. Die Situation könnte schnell eskalieren. Wie sich die Abschaffung der Maskenpflicht und der Regeln zum Abstandsgebot genau auswirken werden, sei schwer einzuschätzen. Es komme darauf an, wie viel Selbstverantwortung die Leute tragen werden. Auch die konfuse Kommunikation der Regierung nicht gut: Das Maskentragen wird nicht vorgeschrieben, aber empfohlen.

Professor Neil Ferguson vom Imperial College in London sagte dem Sender BBC, es sei „praktisch unvermeidlich“, dass die Öffnung Englands zu 100.000 täglichen Covid-19-Fällen führen werde und zu etwa 1000 Krankenhauseinweisungen. Es sei aber auch denkbar, das es doppelt so viele seien. Auch interessant: Corona in Europa: In diesen Ländern steigen die Zahlen stark

Vergangene Woche publizierte die Fachzeitschrift „The Lancet“ einen offenen Brief, unterschrieben von rund 1200 Wissenschaftlern und Gesundheitsmitarbeitern, in dem sie die Strategie Johnsons als „unwissenschaftlich und unethisch“ bezeichneten. Es laufe darauf hinaus, eine Art „Herdenimmunität“ zu erreichen, indem der ungeimpfte Bevölkerungsteil sich ansteckt – anstatt zu warten, bis das Impfprogramm den Großteil der Menschen immunisiert hat.

Auch in Harrow fragen sich die Leute, weshalb die Regierung an der Öffnung festhält. „Sie hat einfach Angst, einen Rückzieher zu machen“, meint Ed, ein Musiklehrer, der mit einer Ukulele im Gepäck auf dem Weg zur Arbeit ist. „Das ist doch verrückt. Die Fallzahlen sind jetzt schon so hoch. Meine drei Töchter sind von der Schule nach Hause geschickt worden, weil es derzeit zu viele Covid-Infektionen gibt.“ Jetzt zu öffnen, sei ein Risiko, das sich nicht lohne.

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