Kolumne „Single Mom“

Diese zehn Dinge müssen Alleinerziehende unbedingt wissen

Weiß es ja auch nicht besser: Die Autorin Caroline Rosales

Weiß es ja auch nicht besser: Die Autorin Caroline Rosales

Foto: Ostkreuz/Ina Schoenburg

Berlin.  Unsere Autorin ist seit drei Jahren Single Mom, und hat bald drei Kinder. In ihrem Kosmos fragen sich alle, ob und wann sie heiratet.

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Drei Jahre Single Mom, eine Wohnung, bald drei Kinder und kein Ring. Da muss doch was nicht stimmen, findet mein Kosmos. Hier sind die 10 Dinge, die ich in drei Jahren als Alleinerziehende gelernt habe.

1. Sei nicht alleinerziehend!

Zumindest: Bleibe es nicht. Vor allem nicht lange. Das war so ziemlich die erste Beobachtung, die ich gemacht habe, als ich mit meinem damals vierjährigen Sohn und meiner zweijährigen Tochter nach der Trennung in eine neue Wohnung zog. Von heute auf morgen war ich alleinerziehend – und das war – wie ich schnell merken musste – ein gefürchtetes Wort.

Ich war offiziell alleine, und der Mangel steckte schon in der Begrifflichkeit. Alleinerziehend klingt muffig, nach vollgekrümelter Couch, unbezahlten Rechnungen, Sozialleistungen – und nicht nach Dampfdruck-Espressomaschine, Kunst an der Wand und musikalischer Früherziehung. Es hört sich vor allem traurig an. Die Mama ganz alleine mit ihren Kindern. Die Nachbarn schauen mitleidig, egal wie sehr du strahlst. Die Eltern im Kindergarten tuscheln, die Freundinnen machen sich Sorgen, die eigenen Eltern sind sogar in Panik. Ja, da muss doch mal eine neue neue Beziehung her. Mit einem Mann, der Mama aus dem Unglück reißt und mit anpackt.

Also gibst du dem Druck irgendwann nach und beginnst zu daten, um die süddeutsche Seehofer-gerechte DIN-Norm-Familie (Mama, Papa, zwei Kinder und der Hund) in spe zu haben. Aber Dating ist anstrengend und redundant. Immer dieselben Fragen, immer dieselben Geschichten eines halb gescheiterten Lebens. Das heißt, du hast am Ende aus Verarbeitungsbedarf ein Buch geschrieben oder Lust, einen Tisch aus dem Fenster zu werfen.

2. Ein Freund reicht nicht.

Selbst wenn du wieder einen Freund gefunden hat, flaut das Interesse an deinem Privatleben nicht ab. Denn nun gilt es auch gerade, für neugierige Kaffee-Klatsch-Bekanntschaften auf Bürofluren, Businesspartner und Familie, die letzten Mängel zu identifizieren und auszumerzen. Du wirst gefragt: „Ihr seid ein Paar seid aber noch nicht zusammengezogen?“ Schlimmer noch: „Ihr habt es gar nicht vor? Und das lässt du mit dir machen? Wo ist der verdammte Ring, Rosales? Seid ihr gar nicht so verliebt wie ihr immer tut?“ oder „Heiraten sichert ab. Und ein weiteres Kind? Wohl doch keine Lust mehr?“

Vielleicht ja doch. „Ah, dann müsst ihr auch zusammenziehen.“ Ungelogen: Ich höre diese Fragen in Variationen mindestens dreimal die Woche. Ich trage auch nicht zur Verbesserung bei, da ich nun schwanger bin und weiterhin nicht mit meinem Freund zusammen lebe.

3. Annehmlichkeiten, über die keiner spricht.

Es ist wahnsinnig schön, nur für zwei kleine Menschen und sich die Wäsche zu machen oder einzukaufen. Und die Mandelschokolade genau da im Kühlschrank vorzufinden, wo man sie am Vorabend leichtfertig hin gepackt hatte. Es ist zum Heulen entspannend, bis ein Uhr morgens Netflix zu schauen und keiner schimpft, dass der Rechner im Bett nichts zu suchen hat. Niemand zieht die Augenbrauen hoch, wenn ich morgens in Jogginghose die Kinder zur Schule bringe, keiner ist da, für den man sich die Beine rasieren müsste.

4. Freiheiten, über die keiner redet.

Es gab tatsächlich eine sehr kurze Zeitspanne in meinem Leben, in der ich wirklich frei war. Bis ich 18 Jahre alt wurde, musste ich meiner Mutter sagen, wo ich hingehe, damit ich abends raus durfte. Danach wohnte ich alleine und konnte plötzlich ausgehen bis zum Morgengrauen. Keiner wollte Bescheid wissen. Danach war ich in Beziehungen mit gemeinsamem Wohnsitz, so dass unbemerktes Rein- und Rausgehen schwierig wurde.

Das Gefühl der ungeahnten Freiheit kam erst zurück, als ich alleinerziehend wurde. Jedes zweite Wochenende sind die Kinder bei Papa und ich fühle mich wieder wie Mitte 20. Und das Gefühl ist noch dasselbe. Will ich in der Woche ausgehen, bleibt mir allerdings nur, meine Mutter oder Freundinnen anzubetteln. Nicht zu spät zu kommen, leise den Schlüssel im Schloss zu drehen. Der Babysitterin den Eindruck zu geben, ich hätte nur ein Glas Wein getrunken. Wie früher bei meiner Mutter als Jugendliche. In manchen Situationen bleibst du halt ewig das Kind.

5. Rechtfertige Dich nicht.

Du tust es natürlich trotzdem. Denn es gibt tatsächlich ein Set an Fragen, das exklusiv Single-Müttern vorbehalten ist. Und tatsächlich startet das Bullshit-Bingo der blöden Fragen jeden Tag neu. Wo sind deine Kinder jetzt? Wie machst du das mit dem Arbeiten? Du hast ja auch nicht viel von deinen Kindern. Schade, oder? Und wo wohnt der Papa? Wohnt die Au-pair bei euch? Was ist mit eeinen Eltern? Du siehst müde aus. Und, zieht ihr jetzt zusammen? Heiratet ihr oder bist du überhaupt noch alleinerziehend, wenn du einen Freund hast?

Also, ich würde schon heiraten, alleine wegen der Absicherung. Und bekommst du Hilfe? Bist du eigentlich wirklich alleinerziehend, der Papa ist ja auch noch da. Und um nur die eine Frage zu beantworten: Ja, ich bin alleinerziehend. Per deutschem Gesetz. Ich wohne mit meinem Kindern, habe Steuerklasse zwei (die Alleinerziehenden-Steuerklasse mit einem Witz an Freibetrag) – und ja, das meiste (viele Urlaube, Wochenendausflüge, Zubettbringen, Hausaufgaben Einkäufe, den Abfluss saubermachen, 40 kleine Nägel die Woche schneiden und dabei mitheulen, weil ich Angst habe, das Kind sticht mir die Schere ins Knie) mache ich alleine.

Und damit wären wir wieder am Anfang. Rechtfertige dich nicht. Habe ich aber gerade getan. Wie eigentlich die ganze Zeit. Weil es leider eine sehr weibliche Eigenschaft ist, überzukommunizieren. Dabei sollten wir uns locker machen. Und außerdem geht es niemanden etwas an. Echt jetzt. Was uns zu Punkt sechs bringt.

6. Dein Privatleben ist offenes Buch.

Gewöhn dich am besten daran. Denn du kannst nicht darauf hoffen, dass die indiskreten Fragen deiner Umgebung von heute auf morgen aufhören werden. Für einige ersetzen deine selbstreflexiven Anekdoten und Date-Geschichten die Lektüre der kompletten „Bunten“ für eine Woche. Du bist ja auch eine Soap. Wird sie sich aus dem Sog der Einsamkeit als Alleinerziehende befreien können? Doch noch in der zweiten Lebenshälfte den Traumprinzen finden, und wird der Versorger ihres Lebens sie dann auch noch heiraten?

Viele fragen mich immer wieder, ob ich nicht einen Sponsor brauche, Superhelden, whatever. Sie können sich nicht vorstellen, dass eine Frau/Mutter von sich selbst lebt. Keinen Ring am Finger hat. Es nicht ändern will. Viele kinderlose Freunde hat. Ausgeht. Reist. Sie wollen alles genau wissen und laden mich zum Kaffee ein, um Nachfragen zu stellen. Wie viel kostet denn so eine Scheidung? Wie bekommt man eine Wohnung als Alleinerziehende (sehr berechtigte Frage übrigens)?

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7. Deinen Kindern geht es super.

Und lass‘ dir ja nichts anderes einreden. Auf dem Schulweg spricht mein Sohn mit seinem kleinen Kumpel. Sie stellen beide fest, dass ihr Vater in einer anderen Wohnung wohnt und dass ihre Mama auch einen Freund hat. Dann freuen sie sich, dass sie etwas gemeinsam haben. Als ich elf Jahre alt war und meine Eltern sich trennten, lebte ich in Bonn. Es war das Jahr 1994 und alle in meinem Umfeld taten so, als wäre jemand gestorben.

Ich musste zum Jugendpsychologen, weil ich ein Trennungskind war, Lehrer, Freunde und selbst Klassenkameraden schauten betroffen. Ich lernte, dass ich ein Problem war. Dass ich ab jetzt unter besonderer pädagogischer Bewachung stand und selbst oder von meinen Eltern auserkorene Experten nun meine Entwicklung im Blick behielten.

Mit anderen Worten: Neunziger Jahre plus Bildungsbürgertum plus Enge einer Kleinstadt gleich Albtraum. Meine Kinder erleben das heute nicht mehr. In ihrer Klasse lebt jedes zweite Kind mit einem alleinerziehenden Elternteil oder in einer Patchworkfamilie. Für sie sind Wahlverwandtschaften wie Mamas Freund, Papas Freundin normal. Wäre eigentlich auch Zeit, dass die deutsche Familienpolitik, die ausschließlich Ehepaare steuerlich bevorteilt, sich dem anpasst.

8. Gönn dir Auszeiten.

Nein, sorry, kleiner Scherz am Rande. Ich weiß zwar nicht, wie das andere Single-Moms (95 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland sind Frauen) machen, aber mir gelingt es nicht. Ich stehe morgens um sechs Uhr auf, hetze mit zwei Kindern zur Schule, komme neun Stunden später nach Hause, um noch Gute-Nacht zusagen, esse dann zu Abend und schaue „Mrs. Maisel“. Alleine. Was uns zum nächsten Punkt bringt.

9. Gönn dir deinen gerechten Ausgleich!

Zum Beispiel: Geh aus. Meinetwegen auch mit Kindern. In den Biergarten, der in Sichtnähe einen Spielplatz hat. Zum Italiener, der rumrennende Kinder völlig normal findet, zu Freunden zum Essen (und die Kids schlafen im Nebenzimmer). Erwachsene Freiheit ist keine Geldfrage. Und: Nie sind meine Kinder sonntagmorgens entspannter, als wenn sie mit Mama ausgegangen sind.

10. Mach’ Umstände!

Schlage Profit aus dem geheuchelten Mitleid deiner Bekannten und Freunde („Wie du das alles schaffst!“) und binde sie mit ein. Lade deine Eltern zum Babysitten ein, verpflichte deinen Lover als Aufpasser während des Konzerts, für das du Karten hast. Bitte den Nachbarn, dir das DHL-Paket hochzutragen, sag deinem Chef, dass du jetzt leider zum Laternenbasteln losmusst. Nur wenn dir andere Leute deinen Stress anmerken, werden sie dich respektieren. Also, spiel nicht die Heldin. Zumindest nicht, wenn keiner hinsieht.

Caroline Rosales geht mit ihren Büchern SINGLE MOM und SEXUELL VERFÜGBAR im Herbst auf Tour. Hier alle Termine im Überblick:

12. SEPTEMBER Internationales. Berliner Literaturfestival//Panel ABOUT SEX mit Lina Muzur

27. SEPTEMBER Weisswasser SZ Telux,

9. OKTOBER Lit. Ruhr// Lesung mit Reyhan Sahin aka Lady Bitch Ray

18. OKTOBER Heidelberg//Karlstorbahnhof/

19. OKTOBER Magdeburg//Moritzhof

6. NOVEMBER Mainz//Kuz

7. NOVEMBER München//Heppel & Ettlich//

13. NOVEMBER Regensburg // Hotel Orphee

15. MAI Hannover//Pension Schmidt

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