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Psychische Gewalt in Kitas? Eltern unterschätzen Problem

Ein Junge sitzt alleine auf einer Mauer. (Symbolbild)

Ein Junge sitzt alleine auf einer Mauer. (Symbolbild)

Foto: goenz / imago/Panthermedia

Berlin.  Seelische Misshandlungen sind in Kindergärten oft an der Tagesordnung. Pädagogen warnen. Wir zeigen, worauf Eltern achten sollten.

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Es ist ein Phänomen, dass viele Eltern von Kindergartenkindern bemerken, aber hinnehmen. Die Erzieherin ist streng, aber sie wird schon wissen, was sie tut, sind sich die Väter und Mütter einig. Auch wenn sie ruft: „Hallooo, hallooo, Vincent, Du schon wieder mit deinen Matschschuhen. Super, jetzt muss ich hier ganz von vorne wischen.“

Louise soll sich laut der Pädagogin „nicht so anstellen“. Und Tom ist „ein kleines Ferkel“, wenn er den Gemüsereis auf dem Tisch verteilt. Konsens bei den Eltern ist jedoch: Die Erzieherin meint es nicht böse, sie ist gestresst, sie muss durchgreifen. Dabei wird emotionale Gewalt in Kindergärten laut führender Erziehungswissenschaftler systematisch unterschätzt.

Kita: Emotionale Gewalt? Was Eltern wissen müssen:

  • Emotionale Gewalt kommt nach Ansicht von Erziehungswissenschaftlern häufig vor
  • Eine Buchautorin zeigt in ihrem Buch die Situation in vielen Kitas
  • Grund dafür ist, dass Kitas häufig schlecht ausgestattet sind
  • Es gibt zu wenig Erzieher – für zu viele Kinder

„Seelische Misshandlungen hinterlassen die selben Spuren wie körperliche“, erklärt die Pädagogin Anke Elisabeth Ballmann. Gerade hat sie zum Thema das Buch „Seelenprügel – Was Kindern in Kitas wirklich passiert“ (Kösel Verlag) veröffentlicht. Auch die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert geht auf die Situation ein, die in vielen gerade großen Kinderbetreuungseinrichtungen hierzulande vorherrscht.

Zwei Erzieher kommen im Schnitt auf zwölf Kinder unter drei Jahren.

Die Vorgaben, was den Betreuungsschlüssel angeht, variieren je nach Bundesland.

Der aktuelle Ländermonitor von August 2017 zeigt bei der Personalausstattung weiterhin deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern:

  • In Nordrhein-Westfalen müssen zehn Kinder im Krippenalter von zwei Erziehern betreut werden,
  • in Sachsen werden im Schnitt sechs Kinder von einem Erzieher betreut, in Brandenburg ebenso.
  • In Baden-Württemberg und Bremen gibt es demnach den bundesweit besten Schnitt – dort kommen drei Kinder auf einen Erzieher.

Viele Erzieherinnen und Erzieher stehen unter Dauerstress

Für viele Erzieher bedeutet ein schlechter Betreuungsschlüssel hochgradigen Stress – für die Kinder eine Form von Vernachlässigung. Wird mit einem Kind nur das Nötigste gesprochen und nur interagiert, wenn es die Umstände erfordern, bedeutet es nach den Beobachtungen der Entwicklungspsychologin Ahnert für das Kind „eine komplette Infragestellung seines Seins“.

Die Buchautorin Anke Elisabeth Ballmann will mit ihrem Buch und durch ihre Arbeit in Seminaren mit Erziehern auf das Thema seelische Gewalt in deutschen Kindergärten hinweisen. Im Laufe der Jahre und durch ihre Arbeit mit über 9000 Erziehern hat die Münchner Pädagogin festgestellt, dass es viele gute Fachkräfte, aber oft auch „Schwarze Schafe“ gibt, die das Kita-Klima vergiften.

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„Viele Erzieher sind ruppig aufgewachsen und geben auch ruppig weiter“, erklärt Ballmann. Oft müssten Kinder Ansagen wie „Stell Dich nicht so an“ , „So kannst Du nicht in die Schule gehen“ oder „Wenn Du heulst, wird Mama böse“ hören.

„Das sind tiefe psychische Verletzungen, Demütigungen, gewaltvolle Worte, erniedrigendes Verhalten – jede Form von Druck und Isolation ist schädlich“, erklärt sie. Auch das bekannte „Time out“ oder die „Auszeit“, bei der Kinder mal gerne vor die Tür gesetzt werden, schade nachweislich“, warnt Ballmann.

• Mehr zum Thema: Pflegefall Kita? Kindertagesstätten fehlen 106.000 Erzieher

Essen und Schlafen sollte freiwillig geschehen

Wichtig sei der Pädagogin, dass Eltern, Politiker und Erzieher für das Thema Gewalt und Kinderrechte sensibilisiert werden. „Ein Kind muss zum Beispiel nicht essen, wenn es nicht möchte, oder sollte sich auch schon sehr klein seinen Teller selbst zusammenstellen dürfen“, erklärt sie.

Auch Schlafen sollte freiwillig geschehen. „Wenn ein Kind sich mittags nicht hinlegen möchte, sollte es eine Alternative geben. Und das kann auch einfach mal rumsitzen sein.“

Keine Anklage an Erzieher

Ballmann möchte keine Anklage an Erzieher formulieren, sondern dem System helfen, betont sie. „Der Beruf des Erziehers muss aufgewertet werden und vor allem müssen Erzieher auf den aktuellen Stand der Pädagogik gebracht werden.

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Darauf sollten Eltern achten

  • Eltern, die einen guten Kindergarten aussuchen wollen, rät sie zunächst auf die Einrichtung zu achten. Wenn schon die Topfpflanzen am Eingang nicht gepflegt sind und die Räume nicht gemütlich, ist das ein schlechtes Zeichen.
  • Auch sollte in der Einrichtung nicht geschrien werden. Eltern täten gut, die Leitung konkret auf die Einhaltung der Kinderrechte anzusprechen.

„Erzieher unterbrechen Kinder häufig im schönsten Spiel, weil laut Bildungsplan eine Lektion Spracherziehung dran ist“, erklärt sie. „Das ist oft gut gemeint, aber leider häufig schlecht gemacht.“ Auch da sollten Eltern aufmerksam sein und schnell das Gespräch suchen.

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