Großraumbüros

Lärm im Büro – Was Lautstärke für die Gesundheit bedeutet

Im Büro können Gespräche der Kollegen von der Arbeit ablenken – und der Gesundheit schaden.

Im Büro können Gespräche der Kollegen von der Arbeit ablenken – und der Gesundheit schaden.

Foto: Daniel Naupold / dpa

Berlin  Die Arbeit im Großraumbüro kann ein Kampf sein. Denn die Gespräche der Kollegen sind nicht nur nervig – sie schaden der Gesundheit.

Wer sich am Schreibtisch auf die Lösung eines Problems konzentrieren will, braucht meist vor allem eins: Ruhe. Im modernen Großraumbüro sind wir stattdessen aber meist umgeben von „unerwünschtem Schall“. So würde Dr. Markus Meis vom Hörzentrum Oldenburg Lärm am liebsten bezeichnen.

„Denn dabei handelt es sich um Schall, der unerwünscht ist“, erklärt der Forscher. Er hat sich am Hörzentrum, das eng mit der Universität Oldenburg zusammenarbeitet, der wissenschaftlichen Erkundung des Lärms am Arbeitsplatz und den dazu passenden Lösungen verschrieben.

Eine Skala für die Bürolautstärke

Der Tag gegen den Lärm am kommenden Mittwoch ist ein willkommener Anlass, um darauf aufmerksam zu machen, dass nicht nur der vorüberfahrende Zug oder der Presslufthammer der benachbarten Baustelle störende Geräusche verursachen, sondern auch simple Bürogeräusche wie Kollegen-Geplauder oder das Klingeln des Telefons.

Eine repräsentative Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung unter 20.036 Erwerbstätigen zeigte das schon 2012: 13,6 Prozent der Männer und 12,6 Prozent der Frauen gaben an, unter Lärm am Arbeitsplatz zu leiden.

Meis und seinen Kollegen geht es darum, diese Belästigung auf einer Skala zu bestimmen. „Eine solche Skala existiert bereits für Flug- und Verkehrslärm. Und etwas Vergleichbares sollten wir auch fürs Büro haben – um Grenzwerte festzulegen, unterhalb derer sich niemand mehr gestört fühlt“, sagt Meis.

Besonders ins Gewicht fallen nach seiner Erfahrung sogenannte informationshaltige Geräusche, zum Beispiel Gespräche: „Wir können die Sprache verstehen und fühlen uns belästigt, weil wir gezwungen sind, zuzuhören. Klingelt das Telefon, dann ist das ein störendes Warnsignal für bevorstehende Sprache“, erklärt der Forscher.

Zahlreiche Auswirkungen auf die Gesundheit

In modernen Großraumbüros untersuchen Arbeitsschützer, wie die Menschen durch solchen Lärm gefährdet sind – nicht leicht feststellbar, weil Geräusche unterschiedlich wahrgenommen werden. Je nachdem, ob man in einer Großstadt oder in einer ruhigen ländlichen Gegend aufgewachsen ist, fühlt man sich durch Schall mehr oder weniger beeinträchtigt.

Für die Verantwortlichen des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) ist allerdings grundsätzlich klar: Der Geräuschpegel in modernen Großraumbüros senkt das Wohlbefinden und bremst die Produktivität. Will heißen: Trendige Working Spaces oder Kreativ- und Arbeitsräume ohne feste Schreibtische und Trennwände sollen zwar Kommunikation und teamübergreifende Zusammenarbeit fördern, erreicht wird aber in vielen Fällen das Gegenteil. Denn die wenigsten Büros sind raumakustisch gut geplant und ausgestattet.

Was gilt als Ruhestörung?

Schicke Oberflächen wie Glasfronten, Betondecken, Marmorböden oder Stahlmöbel sorgen dafür, dass Geräusche sich ständig durch den gesamten Raum ausbreiten oder lange nachhallen. Dr. Florian Schelle, Lärm- Experte vom Institut für Arbeitsschutz, erklärt die Auswirkungen auf die Gesundheit: „Lärm stresst, auch wenn er leise ist. Das führt zu einer Reihe von weiteren Pro­blemen. Zum Beispiel können sich Blutgefäße verengen, der Blutdruck kann steigen und die Muskeln verspannen sich. Was wir alle kennen, sind Kopfschmerzen und Nervosität. Unter Lärm reagieren wir leichter gereizt, ermüden schneller und auch die Konzentrationsfähigkeit lässt nach.“

Akustikdecken können Schall schlucken

Das führt laut Schelle dazu, dass wir schneller Fehler machen und unsere Arbeit schlechter bewältigen – was wiederum neuen, zusätzlichen Stress bedeutet. Oft ist das der Beginn eines Teufelskreises.

Um diesen zu durchbrechen, gibt es nach Ansicht von Experten wie Markus Meis und Florian Schelle mehrere Möglichkeiten: Dazu gehört Büro-Etikette, die festlegt, dass man aufeinander Rücksicht nimmt. So können sich Gruppen zum Beispiel für einen spontanen Austausch zurückziehen, um die Kollegen nicht zu stören. „Dafür braucht man attraktive, gut beleuchtete Räume oder Besprechungsnischen, in denen zum Beispiel ein Kaffeeautomat steht. Sie sollten flexibel verfügbar sein, damit dort auch mal ein ausführliches Telefonat möglich ist“, sagt Markus Meis.

Er plädiert zudem für eine gute Arbeitsplatzplanung: Das Callcenter sollte beispielsweise nicht direkt neben der Kreativabteilung eingerichtet werden, damit der Lärm nicht herüberschallt. Apropos Schall: Dieser kann durch spezielle Akustikdecken und dämpfende Wände oder Tischaufsätze im Büro geschluckt werden. „Das kann schon zwei bis drei Dezibel weniger ergeben“, erklärt Markus Meis.

Die Kombination der Schallschutz-Möglichkeiten macht es seiner Meinung nach möglich, dem Lärm am Arbeitsplatz Grenzen zu setzen. Am besten schon gleich mithilfe von neutral planenden Akustikbüros, die dabei helfen, große Büroobjekte einzurichten. „Und wenn man dabei nicht sicher ist, welche Lösung die richtige ist, können mehrere Flächen probehalber eingerichtet und in Pilotmessungen nach Arbeitsschutzrichtlinien untersucht werden“, so Meis. Dabei sollten auch die Mitarbeiter beteiligt werden – um zu beurteilen, unter welchen Bedingungen sie entspannt und konzentriert arbeiten können. (Natscha Plankerman)

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