Kolumne "Single Mom"

Lasst die Kinder fliegen, aber bitte nicht so weit

In der Fantasie von vielen Eltern lauern überall Gefahren, die ihre Kinder bedrohen.

In der Fantasie von vielen Eltern lauern überall Gefahren, die ihre Kinder bedrohen.

Foto: Rosales/Werner

Berlin  Mütter und Väter haben immer Angst um ihre Kinder. Solange Eltern ihre Sorgen moderieren können, ist es okay, findet unsere Autorin.

Meine erste Hebamme erzählte mir diese Geschichte und manchmal erinnere ich mich wieder daran. Sie sagte mir, dass eine frischgebackene Mutter, die sie betreute, ihr einmal erzählt habe, sie könne nicht mehr an einem offenen Fenster vorbeigehen, ohne in ihrem Kopf die surreale Vorstellung zu entwickeln, ihr Baby könnte jeden Moment dort herausfallen.

Ich war damals froh, die Anekdote zu kennen, denn – siehe da, ich wusste so, dass ich nicht verrückt bin. Das erste Mal als ich meinen zwei Wochen alten Sohn über den Wochenmarkt schob, da war ich 29 Jahre alt – und getrieben von Unerfahrenheit und Angst.

Jeder Passant, so fantasierte ich, könnte aus Versehen seine Handtasche in den Kinderwagen fallen lassen, ausrutschen und den Buggy mitreißen – worst case, ich drehe mich um und jemand klaut in einem Moment der Unachtsamkeit mein Baby. Nach diesem Erlebnis lief ich nur noch mit Wickeltuch durch die Straßen, er fest an meinen Brustkorb gebunden. Das war sicherer. Für ihn und vor allem für mich.

In Fantasie lauerten überall Gefahren

Und natürlich kam der Moment – nach etwa einem Jahr – in dem das Tuch ausgedient hatte. Er war gewachsen, ging in den Kindergarten. Ein weiterer Abschied. Einen Schritt weiter von mir weg. Als er seine erste Reitstunde hatte, das erste Mal schnell Fahrrad fuhr, konnte ich kaum hinsehen. In meiner Fantasie würde er jeden Moment fallen, sich alles brechen, das Pferd würde ihn abschütteln, in Gedanken wählte ich 112.

Er lächelte aber, winkte mir vom Pony, zeigte mir, wie er freihändig Fahrrad fuhr. Angstschweiß klebte mir überall am Körper, aber ich ließ mir nichts anmerken, lachte hysterisch und schrie: „Super, toll machst Du das.“

Ich glaubte mir selbst nicht, aber, mein Glück – mein Sohn tat es.

Er dachte auch, dass er es alleine zum Bäcker schaffen könnte, als ich ihm, kurz nach der Fahrrad-Episode, Kleingeld zum Brötchenkauf mitgab. Ich sagte, das sei doch überhaupt kein Problem als er vor dem Loslaufen auf dem Treppenabsatz plötzlich zögerte. Wie alle Eltern log ich ihn eiskalt an. Am liebsten hätte ich gerufen: „Komm doch zurück, egal, du machst es einfach erst, wenn du 18 Jahre bist.“

Sorgen sind ansteckend

Aber für ihn schluckte ich meine Bedenken runter. Heute ist er sieben Jahre alt, fährt schon eine Station Bus alleine bis zur Schule, darf zu seinem Freund die Straße runterlaufen zum Spielen. Und ich würde übertreiben, wenn ich nicht zugäbe, dass ich jedes Mal erstaunt darüber bin, wenn er glücklich mit dreckigen Knien wieder vor der Tür steht.

Meine Ängste um ihn, sie werden immer da sein, ich kann nur alles dafür tun, sie im Griff zu behalten, sie ihm nicht überzustülpen. Sorgen sind nämlich ansteckend, würden ihn ausbremsen, ihm den Mut nehmen, die Welt zu erkunden.

Im Gegenzug mag ich Eltern nicht, die in den absurdesten Situationen neben ihren Kindern herlaufen.

Die Kleinen auf dem Spielplatz im Hochsommer, die mit Socken, Schuhen, Sommerhut, im Gesicht weiß vor Sonnencreme an der Hand ihrer Mutter durch den Sand laufen, es aushalten müssen, dass ihnen der Papi noch bis auf das Klettergerüst folgt – sie tun mir leid. Manchmal kann ich kaum hinsehen und ab und zu würde ich sogar am allerliebsten zu dem Vater oder Mutter dieses Kindes gehen, ihm die Hand auf den Arm legen und ihm zuflüstern: „Ich weiß genau, was ihr durchmacht, aber wir beide gehen jetzt schön einen Kaffee nebenan trinken, wir drehen uns einfach um und in zehn Minuten sind wir wieder da. Und alles wird okay sein.“

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