Sexualdelikte

Kindesmissbrauch: Zahl der Verdächtigen steigt auf sechs

Die Polizei geht davon aus, dass die Täter zahlreiche Kinder sexuell missbraucht haben sollen.

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Detmold  Mindestens 31 Kinder sollen auf einem Campingplatz in Lügde missbraucht worden sein. Nun räumte der Landkreis Hameln Versäumnisse ein.

Furchtbare Anschuldigungen im Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen: In etlichen Fällen sollen zwei Verdächtige Kinder schwer sexuell missbraucht haben. Ein weiterer Verdächtiger wurde festgenommen, weil er kinderpornografisches Material der Missbrauchsfälle erwarb. Die Zahl der Missbrauchsopfer stieg von 29 auf 31 an.

Neben diesen drei Hauptverdächtigen, die bereits in Untersuchungshaft sitzen, soll es nun drei weitere Verdächtige geben. Gegen einen weiteren Beschuldigten sei ein Verfahren wegen Verdachts der Strafvereitelung eingeleitet worden, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags.

Nach dpa-Informationen steht die Person in dringendem Tatverdacht, Daten manipuliert zu haben. Sie sitzt nicht in U-Haft. Darüber hinaus liege derzeit gegen zwei weitere Personen ein Tatverdacht vor, sagte Reul. In diesen beiden Fällen geht es nach dpa-Informationen um Beihilfe, nicht um Mittäterschaft.

Generalstaatsanwältin will nicht gegen Behörden ermitteln

Zuletzt hatte es massive Kritik am Jugendamt und an der Polizei Lippe gegeben. Seit 2016 soll es bereits wiederholt Hinweise auf sexuellen Missbrauch gegeben haben, ein Verfahren wurde aber nicht eingeleitet.

Am Dienstag hat der Landkreis Hameln-Pyrmont schließlich Fehler eingeräumt. „Es ist falsch, nachträglich einen Vermerk in die Akte einzufügen“, sagte Landrat Tjark Bartels (SPD) am Dienstag in Hameln.

Der betreffende Jugendamts-Mitarbeiter sei freigestellt worden. Er habe nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe im Dezember die Akte „besser lesbar machen wollen“ und daher seine Darstellung auf den 20. Juni 2018 rückdatiert. Konkret ging es um die Zusammenfassung eines Kontaktbesuchs mit einem neuen Träger der Familienhilfe auf dem Campingplatz.

„Hätten sexuellen Missbrauch nicht erkannt“

Das Jugendamt Hameln hatte den Hauptverdächtigen in dem Ende 2018 bekanntgewordenen Missbrauchsfall Anfang 2017 auf Wunsch der im Kreis Hameln lebenden Mutter als Pflegevater für ein kleines Mädchen eingesetzt.

Weil es pädagogische Defizite gab, sei der Mann wöchentlich von einem Träger der Familienhilfe besucht worden, sagte Bartels. Allerdings habe es im Frühjahr 2018 wegen eines Trägerwechsels eine achtwöchige Lücke gegeben. „Ich glaube, dass wir es besser hätten begleiten sollen. Ich glaube aber nicht, dass wir diesen sexuellen Missbrauch erkannt hätten“, sagte Bartels.

Trotzdem keine Ermittlungen gegen Behörden

Dennoch scheint die Generalstaatsanwältin nicht gegen die Behörden ermitteln zu wollen. Der „Kölner Stadtanzeiger“ berichtet aus einem vertraulichen Bericht von Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU), aus dem hervorgehe, dass die Generalstaatsanwältin von Hamm keinen Grund für eine Ermittlung gegen Beamte und Mitarbeiter der zwei Jugendämter sehe.

„Nach meiner Bewertung rechtfertigt der berichtete Sachstand nicht die Aufnahme des Anfangsverdachts strafrechtlich relevanten Verhaltens gegen Beamte der Kreispolizeibehörde Lippe und Mitarbeiter der Jugendämter der Kreise Hameln und Bad Pyrmont“, wird die Generalstaatsanwältin zitiert.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Auf einem Campingplatz im westfälischen Lügde im Kreis Lippe soll es über zehn Jahre hinweg zu Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch gekommen sein
  • Die Polizei hat drei Verdächtige festgenommen: einen 56-Jährigen aus Lügde, einen 48-Jährigen aus Stade und einen 33-Jährigen aus Steinheim
  • 31 Kinder konnten als Missbrauchsopfer bisher ermittelt werden
  • Insgesamt handele es sich um mehr als 1000 Einzeltaten des sexuellen Missbrauchs
  • Die Taten wurden teils gefilmt. Die Polizei stellte mehr als 400 CDs und DVDs (Größe: 14 Terrabyte) mit kinderpornografischen Inhalten sicher
  • Gegen die Polizei und die Jugendämter wird wohl nicht ermittelt werden

Landrat stellt sich hinter Mitarbeiter des Jugendamts

Zuvor hatte der Landrat Tjark Bartels (SPD) die Mitarbeiter des Jugendamts in Schutz genommen. „Es ist ein Job, der viel mit Sisyphusarbeit zu tun hat“, sagte Bartels. Täglich würden Jugendamtsmitarbeiter mit Fällen konfrontiert, die „abseits des Durchschnitts“ lägen.

Hätte das Jugendamt über eine Unterbringung des jungen Mädchens entschieden, so wäre das Kind wohl nicht bei dem 56-Jährigen gelandet.

Da aber die Mutter des Mädchens den Unterbringungsort bestimmte und das Jugendamt nach siebenmonatiger Prüfung der Verhältnisse und der persönlichen Eignung sein Einverständnis erteilte, zog das Mädchen auf dem Campingplatz ein.

Verdächtiger hatte eine Wohnung angemietet – aber nie bezogen

Dass niemand etwas gemerkt habe, hätte auch an der äußerlichen Fassade des Hauptbeschuldigten gelegen. Auf Druck des Jugendamtes mietete er wohl sogar eine Wohnung an, die er aber nie bezog.

Das Mädchen konnte eingeschult werden und hätte an sozialen Aktivitäten wie Reitunterricht teilgenommen. Nach Außen hin sei die Entwicklung besser verlaufen als angenommen, berichtete Bartels.

Sollte sich aber herausstellen, dass Fehler beim Jugendamt begangen worden sind, würde das auch zu personellen Konsequenzen führte, stellte Bartels klar.

Kinder waren zwischen 4 und 13 Jahre alt

Bei den Opfern handele es sich um Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren. Es geht um mindestens 1000 Einzeltaten zwischen 2008 und 2018. 31 Missbrauchsopfer konnten bisher ermittelt werden. Kriminalhauptkommissar Gunnar Weiß, der die Ermittlungskommission „Camping“ leitet, hatte gesagt: „Es kann die Spitze des Eisbergs sein, ich vermute das fast.“

Tatort war ein Campingplatz

Bei dem Tatort handelt es sich laut den Ermittlern größtenteils um einen Campingplatz, der in Lügde im Teutoburger Wald liege. Der mutmaßliche Haupttäter lebte dort als Dauercamper. Er soll überdies eine Wohnung in Lügde besessen haben, wo er sich aber nur selten aufhielt.

Wie zunächst der WDR berichtete, gab die Mutter eines mutmaßlichen Opfers ihre Tochter spätestens seit 2016 in die Obhut eines 56-jährigen Dauercampers. Über das Mädchen soll er sich Zugang verschafft haben zu anderen Kindern. So wurde offenbar auch eine Freundin (ebenfalls 6) des Kindes zum Opfer.

Der erste Missbrauchsfall gehe bereits auf das Jahr 2008 zurück, in dem sich der 56-Jährige an einer Achtjährigen vergangen haben soll.

Komplize offenbar im Darknet kennengelernt

Der 56-Jährige habe die Taten dabei nicht alleine vollzogen, sondern Unterstützung durch einen 33-Jährigen aus Steinheim gehabt haben, den er im Darknet kennengelernt habe.

In diesem dem normalen Internetnutzer weitestgehend verschlossenen Teil des Internets kommt es immer wieder zum Austausch von Kinderpornografie. Bekannt wurde die Tauschplattform Elysium, deren Betreiber ermittelt und vor Gericht gebracht werden konnten.

Die Taten auf dem Campingplatz seien gefilmt worden, so dass insgesamt mehr als 400 CDs und DVDs mit einer Gesamtgröße von 14 Terrabyte mit kinderpornografischem Material entstanden, teilten die sichtlich bewegten Ermittler auf einer Pressekonferenz mit. Insgesamt handele es sich um mehr als 13.000 kinderpornografische Dateien.

Auf die Frage, ob der 33-Jährige die Taten nur gefilmt oder die Kinder ebenfalls missbraucht habe, hieß es seitens der Ermittler: „Jede Konstellation ist denkbar.“ Der 48-Jährige aus Stade wird verdächtigt, kinderpornografisches Material erhalten und explizit bestellt zu haben. Von ihm liegt ein Teilgeständnis vor, die anderen beiden Beschuldigten verweigern bislang die Aussage.

Die Ermittlungen ins Rollen brachte eine Zeugin, die im November 2018 den Hinweis darauf gab, dass eine Freundin des Pflegekindes sexuell missbraucht worden sei. Bereits in den ersten Anhörungen der Kinder verdichteten sich die Hinweise darauf, dass der Mann sich nicht nur an der sechsjährigen Freundin mehrfach vergangen haben könnte.

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(dpa/ses/cho/tki)

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