Ermittlungen

Missbrauch in Bergisch Gladbach: "Nur Spitze des Eisbergs"

Bis jetzt stehen sechs Männer unter Verdacht, ihre eigenen Kinder sexuell belästigt zu haben. Einige hätten die Kinder sogar untereinander „ausgetauscht“.

Bis jetzt stehen sechs Männer unter Verdacht, ihre eigenen Kinder sexuell belästigt zu haben. Einige hätten die Kinder sogar untereinander „ausgetauscht“.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Bergisch Gladbach.  Der Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach zieht immer weitere Kreise. Beschuldigte sollen eigene Kinder missbraucht und "ausgetauscht" haben.

Der Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach hat die Polizei bei der Auswertung von Chats zu einem weiteren Verdächtigen geführt. Ein 47-Jähriger aus Lünen sei festgenommen worden und sitze bereits in Untersuchungshaft, sagte der Kölner Staatsanwalt Ulrich Bremer am Montag. Es bestehe der Verdacht auf sexuellen Missbrauch - anders als bei den anderen festgenommen Verdächtigen allerdings nicht von eigenen Kindern, sondern anderen Opfern.

Es ist die achte Festnahme in dem Missbrauchsfall, der immer weitere Kreise zieht. Die Männer sollen Kinder sexuell missbraucht und Fotos und Videos davon in Chat-Gruppen mit bis zu 1800 Mitgliedern verbreitet haben. Bislang war von neun Geschädigten im Alter von unter ein bis elf Jahren die Rede. Die Polizei ist derzeit damit mit mehr als 150 Ermittlern beschäftigt, rund zehn Terabyte an Datenmaterial auszuwerten. Die Ermittler gehen von weiteren Tätern und Opfern aus.

Die eigenen Kinder missbraucht und untereinander „ausgetauscht“

Es ist ein neuer Missbrauchsskandal, der große Wellen schlägt. In Bergisch Gladbach, am Niederrhein und im Raum Wiesbaden soll ein Netzwerk von Männern ihre eigenen Kinder sexuell missbraucht und sich gegenseitig Videoaufnahmen geschickt haben. Doch nicht nur das: Die Täter sollen die Kinder sogar untereinander „ausgetauscht“ haben.

Sechs namentlich feststehende Tatverdächtige und neun Opfer wurden bisher ermittelt, berichtete Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag im Düsseldorfer Landtag. Die Opfer, die von ihren eigenen Vätern missbraucht worden sein sollen, seien zwischen einem und zehn Jahren alt.

Kinder und Stiefkinder unter den Opfern

Bei den Opfern handele es sich um die Kinder oder Stiefkinder der Verdächtigen. Die Kölner Polizei hat 20 Beamte abgestellt, die unter anderem die riesigen Datenmengen auswerten sollen, um mögliche weitere Täter und Opfer ausfindig zu machen. Von einem Kinderporno-Ring wollte Becker nicht sprechen: „Dazu ist es zu früh.“

Ins Rollen kamen die Ermittlungen, als die Staatsanwaltschaft Kassel im Zuge eines anderen Verfahrens wegen Kinderpornografie auf einen 42-jährigen Deutschen aus Bergisch Gladbach stieß. Daraufhin erwirkte die Kölner Staatsanwaltschaft einen Durchsuchungsbeschluss. Doch der Verdächtige war gerade mit Frau und Tochter im Urlaub.

Die Betreuung der Opfer steht im Vordergrund

Nach der Rückkehr der Familie standen die Beamten dort Anfang vergangener Woche an der Tür und durchforsteten die Wohnung. Sie fanden Tausende erschreckende Bilder und Videos - insgesamt eine Datenmenge von mehr als drei Terabyte. Der 42-Jährige, der bis dahin nicht bei der Polizei bekannt war, wurde festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Durch die Auswertung seiner Chat-Verläufe kamen die Ermittler weiteren Verdächtigen auf die Spur.

Unter den Verdächtigen: Ein 26 Jahre alter Bundeswehrsoldat aus dem Raum Wesel, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Kleve der Deutschen Presse-Agentur. Bei einem anderen Mann handelt es sich nach Angaben der Wiesbadener Polizei um einen 38-Jährigen. Ein weiterer Verdächtiger aus dem Raum Langenfeld sollte noch am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werden. Die mutmaßlichen Beteiligten hätten via Chat Bilder ausgetauscht, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Ob sie sich auch persönlich kennen und getroffen haben, sei noch unklar. „Bisher haben wir erst einen Bruchteil der Datenmenge auswerten können“, sagte Kripochef Becker. Neben der Suche nach möglichen weiteren Verdächtigen stehe die Betreuung der Opfer im Vordergrund.

Szene auch im frei zugänglichen Internet aktiv

Die Staatsanwaltschaft Köln hatte bereits von „beweiserheblichem, kinderpornografischem Material“ gesprochen. Auf dem Handy eines Festgenommenen habe man etwa Chat-Gruppen gefunden, in denen bis zu 1800 Mitglieder kinderpornografische Inhalte austauschten. Für Polizei-Seelsorger Dietrich Bredt-Dehnen ist das Ausmaß keine Überraschung. „Ich habe mich nicht gewundert“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Wir wissen aus vergangenen Ermittlungen, dass solche Verfahren sich wie eine Krake in weite Bereiche hineinziehen. Wir sehen immer nur die Spitze des Eisbergs.“

Bredt-Dehnen ist Leiter der evangelischen Seelsorge am Landeskriminalamt (LKA) NRW und betreut seit neun Jahren Beamte, die im Bereich Kinderpornografie ermitteln und mit schwerer sexualisierter Gewalt an Kindern konfrontiert sind. Nicht nur im Darknet, sondern auch im frei zugänglichen Internet gebe es viele Foren, die auf den ersten Blick gar nichts mit Kinderpornografie zu tun hätten, sondern etwa harmlose Bilder von Kindern beim Turnen oder Schwimmwettbewerben zeigten.

Reul lobt Arbeit der Polizei

Mit entsprechenden Formulierungen verständige sich die Szene untereinander, erkennen sich und vernetze sich dann weiter. „Wir haben es mit einem massenhaften Problem zu tun, das alle Milieus unserer Gesellschaft betrifft“, sagte der Experte. „Und wir haben noch nicht genügend technische Möglichkeiten, das wirklich in den Griff zu bekommen.“

NRW-Innenminister Reul lobte die Arbeit der Polizei: Nach seinem Kenntnisstand habe die Polizei in Bergisch Gladbach „konsequent ermittelt“, nun habe man die Leitung der Ermittlungen nach Köln gegeben, weil dort „Manpower“ vorhanden sei. Mit dem schweren Missbrauchsfall auf einem Campingplatz in Lügde sei der nun bekannt gewordene Fall kaum zu vergleichen, auch wenn es in beiden Fällen um Kinder gehe, sagte Reul der dpa. „Die Geschichten sind andere. Die Geschichte von Lügde spielte an einem Platz, wo Kinder von ein, zwei Männern missbraucht wurden. Hier haben wir jetzt unterschiedliche Stellen, wo Männer mit ihren eigenen Kindern Missbrauch betrieben haben.“ (dpa)

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