Protest

Missbrauchs-Vorwürfe: Paris Hilton fordert Heim-Schließung

Hotel-Erbin Paris Hilton und andere Opfer der „Provo Canyon School“ bei einem Protest gegen die Einrichtung.

Hotel-Erbin Paris Hilton und andere Opfer der „Provo Canyon School“ bei einem Protest gegen die Einrichtung.

Foto: Rick Bowmer / picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Washington.  Hotel-Erbin Paris Hilton macht auf Missstände in Heimen für schwer erziehbare Kinder in Utah aufmerksam. Sie war selbst ein Opfer.

Paris Hilton lässt nicht locker. Nach ihrer intimen Video-Beichte über Missbrauchs-Erfahrungen als 19-Jährige in einem umstrittenen Internat hat die milliardenschwere Hotelketten-Erbin in spe ihren Protest vor die Tore der „Provo Canyon School” im US-Bundesstaat Utah getragen.

„Es war wie in der Hölle zu leben”, sagt die 39-Jährige in Erinnerung an ihre elf Monate in der Einrichtung am Fuße des Wasatch-Berge. Neben physischem Druck (Anbrüllen und Kujonieren) und psychischer Gewalt (Fesseln, 20 Stunden nackt in einer Isolationszelle ausharren) sei die Verabreichung von Beruhigungspillen- und Spritzen an der Tagesordnung gewesen. Hilton klagt noch heute über Alpträume und fordert kompromisslos: „Provo Canyon muss geschlossen werden.”

Heim-Betreiber: Paris Hilton war vor Übernahme im „Provo Canyon“

Der Eigentümer, der zuletzt elf Milliarden Dollar Umsatz im Jahr erzielende Heim- und Krankenhausträger „Universal Health Services” aus Pennsylvania, tut die Attacken des früheren Szene-Sternchens ab. „Wir haben das Haus im Jahr 2000 übernommen, nachdem Frau Hilton hier war. Wir lehnen Missbrauch jeder Form ab. Jeder Verdachtsfall wird der Polizei und den Jugendämtern gemeldet”, sagt Provo-Geschäftsführer Adam McLain.

Er nennt seine Klientel „Jugendliche mit besonderen, oft komplexen Bedürfnissen bei psychischer Gesundheit und Verhaltensweisen”, von denen sich „99 Prozent” am Ende eines Aufenthalts „besser fühlen”. Kommentare zum Geschäftsgebaren des vorherigen Eigentümers „Charter Behavioral Health Systems” lehnt er ab.

Paris Hilton bricht ihr Schweigen – und macht so anderen Opfern Mut

An der Lauterkeit von Universal Health gibt es erhebliche Zweifel, wie die führende Lokalzeitung „Salt Lake Tribune” über Wochen rekonstruiert hat. Danach hat die Einrichtung, die binnen ihres 50-jährigen Bestehens diverse Gerichtsverfahren, einen Bankrott und Androhungen des staatlichen Lizenzentzugs überstanden hat, noch 2017 massive Beschwerden von „Schülern” und „Studenten” ausgelöst. Allein seit 2015 habe es 350 Untersuchungen der bundesstaatlichen Aufsichtsbehörden gegeben, aber nur 30 Beanstandungen.

Für Jen Robison kam das Outing von Paris Hilton wie gerufen. Seit sieben Jahren lenkt die Kalifornierin gemeinsam mit anderen Opfern in der landesweit aktiven Selbsthilfegruppe www.breakingcodesilence.net das Scheinwerferlicht auf Missstände in Amerikas „troubled teen industry”. Gemeint sind damit teils Kasernen-artig geführte Heime für „schwierige” und „schwer erziehbare” Kinder und Jugendliche.

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Paris Hiltons Geschichte ist eine von Tausenden”, sagt Robison, „und Utah gehört zu den Kronjuwelen des institutionellen Kindesmissbrauchs.” Im Mormonen-Bundesstaat haben sich seit den 70er Jahren über 100 Einrichtungen angesiedelt. Sie betreuten zuletzt 12.000 Kids und beschäftigten über 6500 Angestellte.

Nach Recherchen der Universität von Utah haben die Heime allein 2015 rund 330 Millionen Dollar Umsätze verzeichnet; gespeist aus Schulgebühren von bis zu 30.000 Dollar. Oder aus der staatlichen Krankenversicherung Medicaid.

Robison, 31, kam 2003 als 14-Jährige nach Provo Canyon. Depressionen, entstanden aus Kindheits-Traumata, waren der Grund. Hilfe oder gar Heilung bot die Schule ihr nicht: „Ich bekam sehr früh Medikamente. Es war keine Schule, mehr ein Gefängnis. Sehr streng. Viele Regeln für alles. Keine Vornamen.“

Dokumentation „This is Paris“: Weitere Stars erheben Vorwürfe gegen Heime

„Das Personal war schlecht ausgebildet”, erinnert sich Robison in einem Interview und spricht von einem „auf Angst aufgebauten System”. Telefonate mit den Eltern seien abgehört worden. Vätern und Müttern wurde erzählt: Eure Kinder werden Schauermärchen erzählen, damit ihr sie wieder nach Hause holt. Die Beruhigungsspritzen, die sie und andere bekamen, hatten einen Spitznamen: „booty juice.” Popo-Saft.

Was die Dokumentar-Filmerin Alexandra Dean in dem zweistündigen Werk über Paris Hilto n schildert („This is Paris”), bestätigt Robison und Dutzende andere Schicksale, die die Journalistin Jessica Miller zutage gefördert hat. Auch die Tattoo-Künstlerin Kat von D (38) und Paris Jackson, die Tochter des verstorbenen Pop-Stars Michael Jackson, untermauern die Vorwürfe. Sie laufen auf eines hinaus: Verhaltensauffällige Teenager wurden in Provo Canyon selten von ihren Angstzuständen befreit – sondern noch kranker.

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Jen Robison sieht Anlass zu umfassender politischer Intervention. Ronald Davidson, emeritierter Psychiatrie-Professor aus Chicago und Experte in dem Feld, ist skeptisch: „Die Ausbeutung schwieriger Jugendlicher ist ein Riesen-Geschäft.”

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