ARD-Krimireihe

Nach dem Kiel-„Tatort“: Macht ein Lottogewinn glücklich?

Glück durch mehr Geld? Das wünscht sich Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) im neuen „Tatort“ aus Kiel.

Glück durch mehr Geld? Das wünscht sich Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) im neuen „Tatort“ aus Kiel.

Foto: NDR/Christine Schroeder

Berlin  Kommissar Borowski hatte es im Kieler „Tatort“ mit gefährlichem Neid zu tun. Wir beantworten die wichtigsten Fragen aus dem ARD-Krimi.

Eine idyllische Wohnsiedlung mitten in Kiel: Mit dieser Vogelperspektive beginnt der „Tatort: Borowski und das Glück der Anderen“. Auf der einen Straßenseite umgibt ein perfekter grüner Rasen eine beschauliche Villa mit Dachziegeln. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht ein Haus, dessen Fassaden längst mehr grau als weiß sind. Ein Bruch in der Idylle?

Ein sehr aufmerksamer Zuschauer könnte mit der Einstiegsszene der neuen Folge des „Tatorts“ mit Kommissar Klaus Borowski (gespielt von Axel Milberg) fast schon vorhersehen, worauf die Handlung in dem ARD-Krimi hinausläuft.

Denn der Kieler „Tatort“ entpuppt sich als eine Sozialkritik über zwei allzu menschliche Grundeigenschaften: Neid auf andere Menschen und das Streben nach einem glücklichen Leben. Der Lottogewinn der Nachbarn bringt eine Frau dazu, vor Neid durchzudrehen. Am Ende ist ein Mann tot.

Das sind die wichtigsten Fragen zum Kieler „Tatort“:

Macht ein Lottogewinn wirklich glücklich?

Die Figur Peggy Stresemann malt sich aus, sie würde mit dem Millionengewinn der Nachbarn ein glücklicheres Leben führen – endlich müsste sie dann nicht mehr als Kassiererin im Supermarkt schuften. Aber stimmt das denn?

Weltweit versuchen Wissenschaftler seit Langem diese Frage zu beantworten. Viele Studien zeigen: Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studien liegen zum Teil sehr weit auseinander.

Als eine schon klassische Studie gilt die der US-amerikanischen Psychologen Philip Brickman, Dan Coates und Ronnie Janoff-Bulman aus dem Jahr 1978. Die Studie ergab, dass 22 Lottogewinner nach einem Jahr nicht glücklicher waren als eine Kontrollgruppe, die aus Nicht-Lottospielern bestand. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass das kurzzeitige Glücksgefühl nach dem Lottogewinn nach einiger Zeit wieder absinkt.

Im Fachjargon wird das auch als „hedonistische Anpassung“ bezeichnet. Zahlreiche Studien konnten die kurzfristige Wirkung von Glücksgefühlen bestätigen. Spielsuchtexperten warnen sogar: Lottogewinner können oftmals von der hohen Geldsumme so überfordert sein, dass sie ohne therapeutische Hilfe nicht mehr zurechtkommen.

Andererseits gibt es auch Untersuchungen, die ganz andere Ergebnisse hervorbrachten: Die schwedischen Wissenschaftler Erik Lindqvist, Robert Östling und David Cesarini beobachteten 20 Jahre lang Gewinner von Lotterien und fanden heraus, dass sie auch nach Jahren noch glücklicher waren als in der Zeit vor ihrem Gewinn.

In der 2018 veröffentlichten Studie unterschieden die Wissenschaftler allerdings zwischen Glücklichsein in Form von guter Laune oder Glücklichsein im Sinne von Lebenszufriedenheit: Gute Laune hält nur kurzzeitig an, während die allgemeine Zufriedenheit langfristig andauert.

Die Forscher fanden heraus, dass die Lebenszufriedenheit bei Lottogewinnern wachsen kann.

Können Geld und Konsum glücklich machen?

Mit dem Geld, von dem sie meint, es stamme aus dem Lottojackpot, will es sich Peggy Stresemann im Kieler „Tatort“ gleich gut gehen lassen: Sie kauft teure Designerkleider ein, geht zur Maniküre. Kann das wirklich zu mehr Lebensqualität führen?

Lottobetreiber geben den Hinweis, dass es im Fall der Fälle vor allem darauf ankommt, wie man mit dem gewonnenen Geld umgeht: Damit das Glück anhält, sollten Gewinner mit dem geknackten Jackpot nicht unbedacht umgehen und vorschnell konsumieren.

Westlotto etwa rät schrittweises Vorgehen: Erstens nichts herumposaunen, zweitens und drittens Beratung durch seriöse Banken – dann könne man auch damit glücklich werden.

Renommierte Glücksforscher warnen: Einkaufen, um glücklich zu sein, ist ein irreführendes Konzept. Man sei nur um Augenblick des Shoppens selbst glücklich, danach verflüchtige sich das Gefühl. Darauf weist der Glücksforscher Stephan Lermer hin. Versuche man durch Konsum sein Glück zu erhalten, führe das im schlimmsten Fall zu einem Teufelskreis, sagt er.

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Der Wissenschaftsjournalist Eckart von Hirschhausen weist darauf hin, dass Geld glücklich machen kann, wenn man grundsätzlich wenig besitzt und sich damit einen innigen Wunsch erfüllt. „Ist die Grundversorgung aber gesichert, bringt mehr Geld immer weniger Zuwachs an Zufriedenheit“, sagt von Hirschhausen.

Welche Rolle spielt der richtige Job zum Glücklichsein?

Die Supermarktkassiererin Peggy Stresemann spricht in der „Tatort“-Folge immer wieder davon, dass sie sich gesellschaftlich ausgeschlossen fühlt: Die Menschen würden sie nicht sehen, sie sei unsichtbar.

Der perfekte Beruf soll einen im Idealfall nicht nur die Karriereleiter hochbringen, sondern Selbsterfüllung und Selbstentfaltung mit sich bringen – so trimmen zumindest etliche Berufsratgeber die gesamte Gesellschaft. Und Jobcoaches trainieren Suchende darauf, wie sie einen Beruf finden können, der mit der eigenen Persönlichkeit und den Stärken in Einklang zu bringen ist.

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Das Streben nach dem Traumjob ist weit verbreitet. Gegen diesen breiten gesellschaftlichen Konsens formt sich mittlerweile Widerstand: Immer mehr Menschen wollen sich einer prestigeträchtigen Karriere verweigern und stattdessen ihr Leben sinnvoller gestalten. Solche sogenannten Karriere-Verweigerer üben dann lieber kleine Aushilfsjobs auf dem Bau, in Gärtnereien oder Kneipen aus, um nebenbei Dinge zu tun, die sie für sinnvoll erachten.

Solche Leute vernetzen sich beispielsweise im „Haus Bartley“, einem „Zentrum für Karriereverweigerer“, das 2015 in Berlin gegründet wurde. Die Aktivisten stellen das Konzept von Arbeit in Frage und wollen „Karriere-Verweigerern“ Hilfe und Orientierung bieten, wie andere Wege gestaltet werden können.

Dort organisieren sich unterschiedliche Gruppen: Von Akademikern, Studienabbrechern bis hin zu Hartz-IV-Empfängern und Automechanikern. Vielleicht hätte Peggy Stresemann also auch auf andere Art und Weise ihr Glück finden können, als durch den Mord an ihrem Nachbarn.

Und - davon mal abgesehen: Wie geht es Borowski?

Es ist die zweite Folge, in der die „Tatort“-Fans Klaus Borowski mit seiner neuen Kollegin Mila Sahin erleben. Sahin ist die neue Ermittlerin an Borowskis Seite, nachdem er sich mit seiner Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) zerstritten hat.

Einen Fall haben die beiden bereits erfolgreich gelöst, aber auch bei diesem zweiten Fall muss das neue Duo sich sichtlich noch annähern. Sie sind höflich, tasten sich heran, wirken aber wie ein Kontrast aus Tag und Nacht.

Auf der einen Seite der bescheidene, empathische Ermittler Borowski, auf der anderen Seite die impulsive Sahin, die zu vorschnellen Fährten neigt.

Zum Team werden sie erst bei der Wohnungsbesichtigung für die neue Kollegin, wo sie sich gegenseitig den Ball zuspielen: Damit sie bessere Chancen auf die Wohnung hat, geben sie sich als Paar aus. Borowski führt die Vermieter sogar mit einem vermeintlichen Ultraschallbild der angeblich zu erwartenden Zwillinge hinters Licht.

Mit der Harmonie könnte es künftig also vielleicht noch was werden.

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