Single Mom

Warum das Schulsystem nur mit Helikopter-Eltern funktioniert

Für Spiele am Schreibtisch bleibt Schülern in den Ferien wenig Zeit – den Eltern auch.

Für Spiele am Schreibtisch bleibt Schülern in den Ferien wenig Zeit – den Eltern auch.

Foto: Hannah Rodrigo

Berlin.  Helikopter-Eltern werden oft für ihre ständige Präsenz in der Nähe des Kindes belächelt. Dabei ist es das, was Schulen heute verlangen.

Der Schul-Erzieher meines Sohnes ist nicht zufrieden mit meiner Leistung als Mutter. Im Verbindungsheft findet er deutliche Worte für mein liederliches Betragen. Die Eltern-Kommunikation müsse dringend verbessert werden, außerdem hätte ich versäumt, so gibt er an, auf den Eintrag vom 20. September zu antworten, zu dem er bitte noch ein Feedback brauche.

Während ich das lese, bekomme ich sofort stressbedingte Flecken im Gesicht. Und Panik. Ich sehe vor meinem geistigen Auge eine Büroetage voller Computer, ein bebrillter Vorgesetzter pirscht sich heran, mit einem Clipboard in der Hand und fragt, ob ich das Memo gelesen hätte, und dass ich heute mit der Reinigung des Mitarbeiter-Kühlschranks dran bin.

Schule funktioniert nur für „Helikoptereltern“ – Das muss man wissen:

  • Die Schule ist für Eltern konzipiert, die sich rund um die Uhr um ihre Kinder kümmern können
  • Das meint zumindest „Single Mom“-Autorin Caroline Rosales
  • Sie findet: „Würde ich eine gute Schulmutter sein, müsste ich jetzt konsequent sein und meinen Job kündigen.“

Eltern sind immer die angeschmierten

Ob das mein Joghurtdeckel neben der Espressomaschine sei. Parallel ertönt die Durchsage der Sekretärin, wer das „Spiegel“-Heft auf der Herrentoilette vergessen hat. Ich bin Mitarbeiter oder Mutter – jedenfalls immer die Ange…schmierte.

Meine Tochter kommt um die Ecke. Es sind Herbstferien und sie muss fünf große Blätter sammeln und diese trocknen. Fünf Kastanien anmalen. Die mit grünem Stift angekreuzten Seiten in ihrem Deutsch- und Matheheft vervollständigen. Sie ist in der ersten Klasse.

Am Tag der offenen Tür herrscht ab jetzt Anwesenheitspflicht für alle Schüler, steht im Elternbrief, den ich aus ihrer Tasche ziehe – und außerdem die Frage, wer auf der Klassenfahrt freiwillig ins Schullandheim vorfahren kann, um Betten zu beziehen. Auch interessant: So rechnet ZDF-Moderator Harald Lesch mit dem Schulsystem ab.

Dazu hat die Klassenlehrerin der 3B nächste Woche Geburtstag – wer denn von den Eltern ein Geschenk besorgen könnte. Ich lese das alles und merke, wie meine geistige Festplatte dicht macht. Speicherplatz voll. Und auch verstehe ich den Sinn nicht.

Elternabende, Englischkurs, Kindertennis, Ballett – und Vollzeitstelle?

Sicher müssen meine Kinder Hausaufgaben machen, aber wie sollen in Vollzeit berufstätige Eltern auch noch den freundlichen Verpflichtungen freiwilliger Elternarbeit nachkommen? Sechs Wochen dabei ganz pädagogisch wertvoll und achtsam gesetzliche Urlaubszeit mit ihren Kindern genießen?

Mein Vater fragte früher einmal die Woche nach, wie es in der Schule läuft. Damit war sein Soll an elterlich-schulischer Fürsorge erledigt. Heute lachen viele über sogenannte Helikopter-Eltern – Erzeuger, die ständig um ihren Nachwuchs kreisen. Auch interessant: So sehr schaden „Helikopter-Eltern“ ihren Kindern.

Absurderweise ist es aber genau das, was Schulen in Zeiten von Lehrermangel, Stundenausfall und Pisa-Schock verlangen: aktive Mitarbeit und ständige zeitliche Verfügbarkeit von Müttern und Vätern.

Wie sonst ist zu erklären, dass das monatliche Elterncafé zum Kennenlernen mittwochs um 15 Uhr angesetzt ist? Oder der Laternen-Bastelnachmittag um bummelige 14 Uhr nach der Schule? Dazu die Elternabende, die Spielverabredungen, der Englischkurs am Donnerstag, Kindertennis ohne schulorganisierten Transfer, das Ballett am Mittwoch (aber natürlich nur, wenn die Eltern die Möglichkeit haben).

Wäre ich eine gute Mutter, müsste ich vermutlich kündigen

Subtext: Würde ich eine gute Schulmutter sein, müsste ich jetzt konsequent sein und meinen Job kündigen. Weil ich das aber nicht möchte und meine Familie, liebes Lehrer- und Erzieher-Kollegium, so etwas Profanes wie Geld zum Leben braucht, vermute ich, wird sich meine Eltern-Mitarbeit in kommenden Monaten nur unwesentlich verbessern.

P.S.: Ich freue mich auf den nächsten disziplinarischen Eintrag via Verbindungsheft. Es sind ja nur noch zwölf Jahre Schule mit Ihnen und mir, das schaffen wir.

Ihre Caroline Rosales

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