ARD-Krimi

„Tatort“: Wie lebt es sich mit einem dunklen Geheimnis?

Das sind 5 spannende "Tatort"-Fakten

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Berlin  Lange vertuschte „Tatort“-Kommissar Stedefreund seine Vergangenheit. Wie Menschen mit Geheimnissen umgehen, erklärt eine Psychologin.

„Was willst du?“, brüllt er. „Die Wahrheit“, schreit sie zurück. Gar nicht so einfach. „Tatort“-Kommissar Nils Stedefreud (Oliver Mommsen) hat die letzten Jahre mit einer Lüge gelebt. Seine Kollegin Inga Lürsen (Sabine Postel) weiß nicht, dass er früher verdeckter Ermittler war. Dass Menschen seinetwegen sterben mussten. Und er selbst getötet hat.

Im letzten gemeinsamen Einsatz des Bremer Ermittler-Duos kommt die Wahrheit schließlich doch noch ans Licht – auch wenn Stedefreud erst in letzter Sekunde einlenkt. Im Zorn verursachte er absichtlich einen Autounfall, bei dem sich seine Kollegin verletzte. Dann öffnete er sich.

„Tatort“ aus Bremen: Wie lebt man mit einem Geheimnis?

Die „Tatort“-Folge „Wo ist nur mein Schatz geblieben?“, die Ostermontag in Ersten lief, handelte von Korruption, Geldwäsche, der Tschetschenen-Mafia. Und von einem Ermittler-Duo, dessen Beziehung nach jahrelanger Loyalität auf die Probe gestellt wird.

Wie Menschen mit einem Geheimnis leben und wann es krank macht, erklärt Diplom-Psychologin Birgit Spieshöfer im Interview:

Frau Spieshöfer, warum haben Menschen Geheimnisse?

Birgit Spieshöfer: Ein Geheimnis ist immer ein Schutz. Ich behalte Dinge für mich, die mir jemand im Vertrauen gesagt hat. Damit schütze ich diese Person. Ein Geheimnis kann auch Kraft geben. Denken Sie an eine schöne Erinnerung oder ein tolles Erlebnis, das Sie für sich behalten wollen.

Jeder von uns hat Geheimnisse. Etwas, das er nicht teilen möchte. Das gehört grundsätzlich zu einer starken Persönlichkeit auch dazu. Häufig ist es aber so, dass wir etwas für uns behalten, um uns selbst zu schützen, weil es moralisch geächtet ist.

Wir fühlen uns selber schlecht mit der Wahrheit, schämen uns für das, was wir getan haben – und wollen nicht, dass unsere Mitmenschen uns deshalb ablehnen.

Können wir Geheimnisse auf Dauer für uns behalten?

Spieshöfer: Das kommt darauf an. Wenn mir das Geheimnis Kraft gibt oder ich jemanden dadurch schütze, kann ich es für mich behalten. Wenn es aber etwas ist, das mich belastet, sieht es wieder anders aus. Je schlechter ich mich damit fühle, desto stärker ist auch der Wunsch, mich davon frei zu machen.

Damit ich den inneren Frieden finden kann, ist es wichtig, dass ich irgendwann darüber rede. Wie, ist dabei nicht entscheidend. Es kann die Beichte sein, ein Gespräch mit nahen Menschen oder einem Therapeuten. Wichtig ist nur, dass ich es tue. Denn es geht darum, wieder mit sich selbst ins Reine zu kommen. Und sich zu vergeben.

„Nicht jede Wahrheit muss ans Licht“, sagt der Kommissar an einer Stelle im Film zu seiner Kollegin. Wie lebt es sich aber mit einem dunklen Geheimnis?

Spieshöfer: Ein dunkles Geheimnis begleitet uns die ganze Zeit. Es durchzieht die Wahrnehmung und beeinflusst das Verhalten. Da ist die ständige Angst, aufzufliegen, enttarnt zu werden. Ein Stück Lebendigkeit und Lebensfreude geht so verloren – vor allem dann, wenn es sich um ein sehr schwerwiegendes Geheimnis handelt.

Hilfe von außen kann dann nötig sein. Damit ich dazu aber bereit bin, muss ein starker innerer Druck da sein. Das empfindet jeder Mensch anders. Sich gegenüber anderen zu öffnen, heißt nämlich auch immer: Ich stelle mich mir selbst.

Macht ein dunkles Geheimnis auf Dauer krank?

Spieshöfer: Ja, absolut. Es kostet viel Energie, damit umzugehen. Die Belastung kann so weit gehen, dass man davon depressiv wird. Aus meiner therapeutischen Arbeit weiß ich: Wenn Menschen erstmals etwas sagen, dass sie bisher für sich behalten haben, fühlen sie sich gut – und gleichzeitig unglaublich müde.

Die Anspannung fällt dann ab. Die Erschöpfung wird sichtbar. Es erfordert nämlich permanent Kraft, etwas zu verschweigen. Wie jemand mit einem dunklen Geheimnis oder einer belastenden Information umgeht, ist unterschiedlich. Es hängt davon ab, wie viel Kraft ich als Mensch habe. Manche haben mehr, andere weniger. Diese Kraft benutze ich dann quasi gegen mich selbst.

TV-Kritik:

(Fabian Hartmann)

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