Interview

US-Star Richard Dreyfuss: „Ich würde Gott eine reinhauen“

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Im Corona-Jahr 2020 schafften es wenige Filme ins Kino. Weil viele Kinos wegen Social Distancing dicht machten, gab es nur wenige Hits. Das sind die besten.

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Essen.  Richard Dreyfuss ist in „Astronaut“ zu sehen. Der Oscargewinner über seine Karriere, die Situation in den USA und die Verfassung.

„Unheimliche Begegnung der dritten Art“, „Der weiße Hai“, „American Graffiti“, das Kino der 70er Jahre ist ohne Richard Dreyfuss fast nicht denkbar. Doch danach verlief die Karriere des heute 72-Jährigen nicht unbedingt gradlinig, selbst wenn er noch in populären Filmen spielte.

Wenn er jetzt in der Tragikomödie „Astronaut“ (seit 9. Oktober im Kino) zu sehen ist, dann ist das für ihn nicht mehr das entscheidende Ereignis in seinem Leben, denn er hat längst andere Leidenschaften entdeckt. Und der Oscargewinner hat auch ganz spezielle Ansichten entwickelt, die nicht immer politisch korrekt sein mögen.

In „Astronaut“ spielen Sie einen alten Mann, der sich noch einen letzten Traum erfüllen möchte – ins All zu fliegen. Denken Sie auch schon ans Lebensende?

Richard Dreyfuss: Ich fühle mich nicht alt, wobei ich dieses „70 ist die neue 50“ für großen Mist halte. Ich halte mich da lieber an meinen Onkel. Als er 72 war, hat er Zigarren geraucht, die er sich nicht leisten konnte, er fuhr ein Auto, das ihm nicht gehörte. Er hat einfach nicht über sein Alter nachgedacht und hatte seinen Spaß.

Wie alt wurde Ihr Onkel?

Dreyfuss: Er hatte einen Herzinfarkt, bevor er 73 wurde.

Und Sie sind 72...

Dreyfuss: Vielleicht geht’s mir ähnlich wie ihm. Vielleicht überlebe ich nicht mal dieses Interview.

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Sind Sie so pessimistisch?

Dreyfuss: Okay, ich glaube, unser Gespräch werde ich überstehen. Vermutlich werde ich einer dieser Menschen sein, der sich ständig beklagt, wie schlecht es ihm geht, und dann zu den Begräbnissen von allen anderen geht. Aber Gott weiß, was passiert, wenn alles vorbei ist.

Was glauben Sie, was danach passiert?

Dreyfuss: Ich weiß es nicht. Ich stelle mir das Leben wie einen Erlebnispark vor. Eines Tages ist die Fahrt vorbei, und der kleine Zug kommt wieder am Bahnsteig an. Die Leute steigen aus, die einen sagen „Nie wieder“ und die anderen meinen „Ich kann’s nicht erwarten, gleich wieder loszufahren“. Und irgendwo auf dem Bahnsteig steht Gott. Wenn ich da ankomme, dann werde ich nach ihm Ausschau halten.

Und dann?

Dreyfuss: Dann werde ich irgendeine Möglichkeit finden, ihm eine reinzuhauen. Denn das verdient er.

Weshalb?

Dreyfuss: Das weiß doch jeder. Er ist ein Soziopath ohne Sinn für Humor. Er hat eine riesige Freude daran, wenn es den Leuten schlecht geht. Jeder Generation hat er eine ordentliche Portion Elend aufgetischt. Und wir haben Tausende von Jahren damit verbracht, ihm dafür auch noch zu danken. Das ist echt krank.

Aber Sie können sich doch wirklich nicht beklagen. Als Sie 31 waren, tischte das Schicksal Ihnen einen Oscar auf. Hinzu kamen zahlreiche Filmklassiker...

Dreyfuss: Ich gebe zu. Es ist einfacher, sich an schlechte Sachen zu erinnern und all das Gute zu vergessen. Ja, ich habe viele schöne Sachen erlebt. Ich versuche an die zu denken, anstatt mich beispielsweise darüber aufzuregen, dass ich einen Strafzettel für zu schnelles Fahren bekomme.

An Ihren Erfolgen haben Sie also nichts auszusetzen?

Dreyfuss: Höchstens, dass vieles davon zu früh passiert ist. Wenn ich das Buch meines Lebens schreiben könnte, würde ich diese Erfolge gleichmäßiger verteilen. Aber ich bin auf meine Arbeit so was von stolz. Das will ich nicht abstreiten.

Haben Sie denn noch so einen großen Traum wie der Protagonist in „Astronaut“?

Dreyfuss: Ja, und dafür muss ich ein wenig ausholen. 2004 zog ich mich für vier Jahre aus meinem Beruf zurück, obwohl es angeblich in Kalifornien ein Gesetz gibt, das da lautet „Wenn du im Showbusiness arbeitest, darfst du nie in den Ruhestand gehen.“

In dieser Zeit recherchierte ich an der Oxford University, weil das Fach „Staatsbürgerkunde“ aus den Lehrplänen der amerikanischen Schulen verschwunden war. Und ich gründete dann eine Initiative, um das wiederzubeleben. Denn die amerikanische Verfassung und Freiheitsurkunde sind die größten Errungenschaften der Menschheit.

Bis dahin hatten Regierungen und Herrscher die Bürger unterdrückt, und zum ersten Mal bekamen die Menschen eine echte Chance auf Freiheit und Selbstentfaltung. Ich werde demnächst auch ein Buch zu dem Thema veröffentlichen. Denn wenn wir diese Werte nicht mehr hochhalten, dann werden die USA nur noch eine kleine Anekdote der Geschichte sein.

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Aber wie sehen Sie die Situation jetzt?

Dreyfuss: Ich habe große Angst. Denn wir haben die Zukunft Leuten anvertraut, die in Sachen Intellekt und Charakterfestigkeit ein Defizit haben. Es ist schon ein ganz besonderer Fall: Wir wählen die verrücktesten, idiotischsten und schädlichsten Individuen, damit sie einige Zeit lang die Zügel in der Hand halten.

Ihre politisch-gesellschaftlichen Aktivitäten sind also für Sie auch wichtiger als all die großen Filme, in denen Sie mitgewirkt haben?

Dreyfuss: Könnte schon sein. Aber ich wäre grundsätzlich froh, wenn ich mit dem, was ich in meinem Leben gemacht habe, etwas bewirken könnte.

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