Gewalt

USA: Geländewagen rast durch Weihnachtsparade – fünf Tote

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Kenosha-Schüsse: US-Teenager freigesprochen

Kenosha-Schüsse: US-Teenager freigesprochen

Der Prozess gegen den 18-jährigen Kyle Rittenhouse, der bei Anti-Rassismus-Protesten in der US-Stadt Kenosha zwei Demonstranten erschossen hatte, ist mit einem Freispruch zu Ende gegangen. Das Urteil stieß umgehend auf scharfe Kritik und Proteste.

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Washington.   Die USA werden von einem entsetzlichen Vorfall erschüttert: Ein Geländeauto rast durch eine Weihnachtsparade. Mehrere Menschen sterben.

Die Weihnachtsparade in Waukesha im US-Bundesstaat Wisconsin ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Tanz-Gruppen und Marching-Bands, junge wie alte, ziehen seit fast 60 Jahren jeden Sonntag vor dem Thanksgiving-Feiertag Zehntausende in die 72.000-Einwohner-Gemeinde im Speckgürtel von Milwaukee.

Zum 125-jährigen Stadtjubiläum (und weil Corona die Veranstaltung 2020 durchkreuzte) hatte Bürgermeister Shawn Reilly unter dem Motto „Gemütlichkeit und Freude” eine besondere Show versprochen. Stattdessen endete der Auftakt in die Weihnachts-Saison im schlimmsten Alptraum: „Unsere Stadt wurde mit Horror und Tragödie konfrontiert”, sagte Reilly am Sonntagabend.

Waukesha: Kinder und Alte unter den Opfern

Der Fahrer eines roten Sportgeländewagen vom Typ Ford Escape raste am Sonntagnachmittag teilweise mit Tempo 65 km/h auf der Paraden-Straße in die Menschenmenge. Wie Dutzende Videos belegen: offenbar zielgerichtet und erbarmungslos. Als die bekannte „Black Shirt Band” ins Bild rückt, sieht man, wie das Auto die ahnungslosen Musikanten von hinten gnadenlos ummäht, überrollt und die Amokfahrt fortsetzt.

Nach vorläufigen Angaben von Polizeichef Dan Thompson gab es fünf Tote und über 40 Verletzte. Die endgültige Opferzahl könne noch steigen, heißt es. Mehrere Patienten, die in sechs Krankenhäusern behandeln werden, seien in kritischem Zustand. Nach Angaben der Behörden waren 18 Verletzte im Alter zwischen drei und 16 Jahren.

Augenzeugen berichteten, dass viele Kinder, die in diversen Schul-Kapellen an der Parade teilnahmen, betroffen sind. Zehn liegen auf der Intensivstation, zum Teil mit schweren Kopfverletzungen. Auch die in der Region bekannte Großmutter-Tanzgruppe „Dancing Grannies" im Alter von 50 bis Mitte 70 wurde in Mitleidenschaft gezogen.

USA: 39-Jähriger wegen Tatverdachts festgenommen

Auf Polizeifunk fußende Berichte in sozialen Medien identifizierten den mehrfach vorbestraften Afro-Amerikaner Darrell Brooks früh als Täter. Am Montag bestätigte die Polizei der „Washington Post” und anderen US-Medien, dass der 39-Jährige wegen Tatverdachts festgenommen wurde.

Der als Rap-Musiker unter dem Pseudonym „Mathboy Fly” bekannte Rasta-Zöpfe-Träger war in der Vergangenheit mit rassistisch grundierten Texten gegen Weiße aufgefallen. Ein terroristisches Motiv für seine Aktion gebe es bisher aber nicht, hieß es bei der Polizei. Brooks, der in Waukesha wohnt, sei kurz zuvor in einen Messer-Kampf verwickelt gewesen und soll vor der Polizei geflohen sein.

Darrell Brooks wird des fünffachen Mordes angeklagt. Todesopfer - vier Frauen, ein Mann zwischen 52 und 81 Jahren, insgesamt 48 Verletzte, mehrere Kinder in sehr kritischem Zustand im Krankenhaus. Motivlage: ungeklärt.

Dutzende Augenzeugen berichteten lokalen TV-Sendern unter Tränen, dass der Täter zunächst eine Gruppe von Mädchen im Alter von neun bis 15 Jahren angefahren habe. Auf Videos, die in sozialen Medien kursieren, sind markerschütternde Schreie zu hören. In Panik rannten Besucher, die am Straßenrand wegen der Kälte warm angezogen in Camping-Stühlen auf die Attraktionen der 60 angekündigten Gruppen warteten, auf und davon. Andere eilten den Opfern auf der Straße zur Hilfe, führten Notbeatmung durch oder brachten die Menschen in die stabile Seitenlage.

Polizist schoss auf das Fahrzeug

Jordan Woynilko kam just aus einer Bar, als der Wagen wie ein Rammbock durch die Menschenmenge stieß. „Es war furchtbar. Ich sah, wie das Auto die Leute traf.” Kimberlee Coronado, eine andere Besucherin der Parade, sagte: „Wir haben uns sofort die Kinder gegriffen und dann nichts-wie-weg hier.”

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Viele Paradenbesucher standen noch am Montag unter Schock. Wie Thompson berichtete, hat ein Polizist mehrere Schüsse auf das Fahrzeug abgegeben, um es zu stoppen - vergeblich. Später sei das schwer beschädigte Tatfahrzeug samt einer verdächtigen Person (Darell Brooks) in Waukesha dingfest gemacht worden.

Zusammenhang mit dem Kenosha-Urteil ist ungewiss

Ob es einen Zusammenhang gibt zum kontroversen Freispruch von Kenosha gibt, ist ungewiss. In der nur eine Auto-Stunde entfernt liegenden Stadt, war am Freitag der 18-jährige Kyle Rittenhouse in einem landesweit beobachteten Mordprozess freigesprochen worden. Er hatte dort im Sommer 2020 im Laufe einer gewalttätigen Anti-Rassismus-Demo zwei Menschen erschossen und einen dritten schwer verletzt. Die Geschworenen sahen Notwehr. Was Jubel auf der politischen Rechten auslöste. Und Zorn bei Linken und Anhängern der „Black Lives Matter”-Bewegung.

In Waukesha fiel am Montag flächendeckend die Schule aus. Die Behörden boten den Schülern psychologische Hilfe an. Die in der Nähe des Tatorts liegend Carroll-Universität bleibt die ganze Woche geschlossen. Gouverneur Tony Evers hat angeordnet, dass im gesamten Bundesstaat die Flaggen an öffentlichen Gebäuden auf halbmast gesetzt werden.

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