Interview

Warum Filmstar Isabelle Huppert für Extreme zu haben ist

Isabelle Huppert als Edelprostituierte in "Eva"

Bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin stand am Samstagabend die Welturaufführung des französischen Streifens "Eva" auf dem Programm. Isabelle Huppert spielt in dem Film um eine Edelpr...

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Berlin.  Isabelle Huppert spricht über ihren neuen Film „Eine Frau mit berauschenden Talenten“, den Hit „Toni Erdmann“ und wertvolle Aussichten.

Sie ist die Frau fürs Extreme. Isabelle Huppert spielt immer wieder große, rätselhafte Figuren, die Schicksalsschläge scheinbar mühelos wegstecken oder irrational reagieren. Ein Star für große Dramen. Komödien dreht die 67-Jährige dagegen eher selten. In „Eine Frau mit berauschenden Talenten“, ist die Schauspielerin nun einmal ganz anders zu sehen: als unbedarfte Französin, die sich als Araberin verkleidet, um ins große Drogengeschäft einzusteigen.

Isabelle Anne Huppert wurde 1953 in Paris geboren. Bereits mit 14 Jahren nahm sie Schauspielunterricht, erste Filme in den 70er-Jahren begründeten ihren Ruf als Darstellerin tiefgründiger Charaktere. Ihren größten Erfolg feierte sie 2016 in Paul Verhoevens Erotikthriller „Elle“: Für die Rolle der Tochter eines Massenmörders, die vergewaltigt wird, wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

In „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ spielen Sie eine Frau, die vorgibt, Araberin zu sein. Sie mussten für die Rolle extra Arabisch lernen.

Isabelle Huppert: Naja, ein bisschen! Es ist nicht so, dass ich jetzt fließend Arabisch spreche. Für den Film „Luz“ musste ich auch etwas Chinesisch sprechen. Ich mag solche Herausforderungen. Denn ich will ja schon, dass das überzeugend klingt. Das muss auch bei Arabisch sprechenden Zuschauern funktionieren.

Sie haben für „Die Klavierspielerin“ auch Klavierspielen gelernt. Reizen Sie, brauchen Sie solche Herausforderungen?

Huppert: Ich habe schon ein bisschen Klavier gespielt, aber sicher nicht so gut, wie man glaubt, dass ich es in dem Film tue. Natürlich sind solche Dinge ein wunderbarer Weg, zu dem Charakter zu finden, den man spielt, sich ihm von außen zu nähern. Ich nenne das die „Outskirts“, die Randgebiete.

Sie gehen nicht von innen heran, über Psychologie und Figurenkonstruktion?

Huppert: Nein, an sowas glaube ich nicht. Und auch die „Outskirts“ sind nur ein Werkzeug, um sich dem Charakter zu nähern. Ich glaube, einer Rolle nähert man sich am besten, indem man sie einfach spielt. Klar mache ich mir schon vorher Gedanken. Aber das wabert eher, wie in einem Traum.

Richtig los geht es doch erst, wenn die Kamera läuft und jemand „Action“ ruft. Das ist ein sehr starker Moment. Manche Menschen wollen das nicht glauben. Und natürlich könnte man auch noch mehr und noch mehr proben. Aber es passiert, wenn‘s passiert. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich weiß nicht, es ist jedes Mal ein kleines Wunder.

Auch nach so vielen Jahren im Filmgeschäft?

Huppert: So viele Jahre? Jetzt sind Sie aber böse.

Ich meinte das durchaus voller Verehrung.

Huppert: Wollen wir mal nicht übertreiben! Sagen wir, seit einigen Jahren. Und ja, es ist immer noch ein Wunder.

Und wie war das für Sie als emanzipierte Frau aus dem Westen, ein Kopftuch, einen Hijab zu tragen?

Huppert: Das ist auch nichts anderes, als wenn man in einem Kostümfilm ein Gewand aus einem anderen Jahrhundert trägt. Ehrlich gesagt, war das ganz schön und schmeichelhaft, der Schal leuchtete, die Stoffe waren wunderbar. Auch das macht was mit dir, wenn du das trägst. Sowas ist für mich ein gutes Werkzeug. Und auch da musste ich lernen, wie man den richtig trägt und anlegt. Auch da wollte ich natürlich überzeugend wirken.

Haben Sie mal getestet, wie man damit im Alltag auf der Straße angeschaut wird?

Huppert: Nein, ich habe das Kopftuch nur bei den Dreharbeiten getragen. Am Set hat mich deshalb keiner anders behandelt.

Sie sind herrlich in dieser Rolle. Warum spielen Sie eigentlich nicht viel häufiger in Komödien?

Huppert: Ach, ich mach’ ja schon Komödien. Aber nicht so viele, da haben Sie schon recht. Ich glaube, das liegt daran, dass es mal ein Goldenes Zeitalter für Komödien gab. Aber das Kino hat sich über die Jahre verändert. Heute gibt es in der Regel mehr gute Dramen. Aber in solchen Kategorien denke ich gar nicht. Ich nehme mir nicht vor, ich mache jetzt ein Drama oder eine Komödie. Sondern nur, dass ich einen – hoffentlich – guten Film mache.

Sind Sie bei Filmemachern einfach als große Tragödin und Drama-Queen abgespeichert?

Huppert: Nein, das glaube ich nicht. Ich sehe mich da in keiner Schublade. Es gibt halt einfach nicht so viele gute Komödien, die nicht nur unterhalten wollen. Aus Ihrem Land kam dieser Film von Maren Ade, wie hieß er noch?

„Toni Erdmann“.

Genau. Der war erfrischend anders. Eine Komödie, und doch viel mehr. Aber das gelingt nicht oft.

Sie spielen immer wieder sehr extreme Figuren, die an Grenzen stoßen oder darüber hinaus gehen. Sind Sie eine Frau fürs Extreme?

Huppert: Ach, es sind nicht die Extremsituationen, die ich liebe. Aber ich liebe es, mit bestimmten Leuten wie Michael Haneke und Paul Verhoeven zu arbeiten. Und die loten eben immer gern Extreme aus. Das ist anders, das ist besonders. Da bin ich gern dabei. Wenn Regisseure eine Vision haben. Im Englischen sagt man: It comes with the territory. Es gehört einfach dazu.

Wenn Sie einen Extremfilm gedreht haben, ist es schwer, die Rolle wieder abzugeben? Oder können Sie die so leicht ablegen, wie Sie sie spielen?

Huppert: Auch daran glaube ich nicht. Ich weiß nicht mal, was das bedeuten soll, dass man süchtig nach einer Rolle ist. Man kann süchtig sein auf das Abenteuer, das ein Film darstellt, aber das ist etwas anderes. Manchmal kann so eine Erfahrung härter sein. Aber auch das hat man nach zwei Tagen vergessen und macht wieder was Neues. Wir Menschen sind doch groß im Vergessen. So kann man besser überleben.

Und welches Abenteuer lieben Sie mehr: den Film oder die Bühne?

Huppert: Filme sind wie ein netter Ausflug. Theater ist mehr wie das Besteigen eines hohen Berges. Das ist anstrengender, aber die Aussicht ist es wert.

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