Regisseurin

Warum Greta Gerwig für ihre Filme auf volles Risiko setzt

Greta Gerwig Ende Januar in Hollywood bei der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen.

Greta Gerwig Ende Januar in Hollywood bei der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen.

Foto: Valerie Macon / AFP

Berlin.  US-Regisseurin Greta Gerwig könnte bald einen Oscar bekommen. Mit uns spricht sie über ihren Film „Little Women“ und Mut zum Risiko.

Es gab Zeiten, da war Greta Gerwig als Jungstar des Independent-Kinos bekannt. Aber inzwischen ist die 36-Jährige eine der Vorzeige-Regisseurinnen Hollywoods, die jetzt mit der Literaturverfilmung „Little Women“ ihren nächsten großen Erfolg feiert. Was nichts daran ändert, dass sie im Gespräch – je nach Frage – erfrischend pragmatisch oder enthusiastisch wirkt.

Dieser Winter dürfte für Sie und Ihren Lebensgefährten, Regisseur Noah Baumbach, besonders denkwürdig sein. Jeder von Ihnen ist mit einem Film präsent, der für den Oscar nominiert ist. Sie beide können sich außerdem in der Drehbuchkategorie Hoffnung machen. Welche Strategie steckt hinter so einer Konstellation?

Greta Gerwig: Gar keine! Es ist einfach eine gesegnete Zeit, dass wir beide Filme herausbringen, die auch noch so viel Anerkennung bekommen. Ich liebe Noahs „Marriage Story“. Aber gleichzeitig ist das auch ganz schön verwirrend. Wir beide rasen in unterschiedliche Richtungen und in andere Zeitzonen. Wenn wir eine Strategie brauchen, dann für den Zeitpunkt, wo wir einander am besten anrufen.

Vor mehreren Jahren, als Sie noch nicht als Regisseurin etabliert waren, wurden Sie als seine „Muse“ bezeichnet, was Sie gar nicht so toll fanden.

Gerwig: Weil wir gleichberechtigte Partner waren, wenn ich mit ihm arbeitete. Bei zweien seiner Filme war ich auch Drehbuchautorin. Ich hatte auch schon Drehbücher und Stücke geschrieben und produziert, bevor ich Noah traf. Ich wusste also genau, wer ich war. Er hat mich beeinflusst und ich ihn.

Es dauerte dann noch ein bisschen länger, bis Sie selbst Regie führten. Warum sind Frauen trotz aller Veränderungen in diesem Job noch unterrepräsentiert?

Gerwig: Das hängt auch mit kultureller Konditionierung zusammen. Jungs fangen schon früher an, sich mit technischen Dingen zu beschäftigen. Und auch Noah hatte mir viele technische Kenntnisse voraus. Denn die Erwachsenen fördern das. Die sagen: Lass uns dem Jungen technisches Equipment besorgen. Bei Mädchen tendierte man zur Haltung „Die wollen das sowieso nicht.“

Das ist sicher ein Grund, weshalb die meisten Computerprogrammierer noch Männer sind. Als ich am College war, konnte man sich eine Kamera ausleihen, aber es waren ständig Jungs, die sie in Beschlag nahmen und dann zusammen was auf die Beine stellten. Und du brauchst eine Atmosphäre, wo jeder den anderen inspiriert.

Aber Sie haben das ja nicht auf die Dauer akzeptiert.

Gerwig: Weil ich eben unbedingt Regisseurin werden wollte, und zwar eine gute. Mein Glück war, dass ich einen Partner hatte, dem ich ein Loch in den Bauch fragen und von dem ich das ganze technische Know-how lernen konnte. Wir haben uns ständig darüber unterhalten. Und ich habe es auch durchgesetzt, dass ich zu seinen regelmäßigen Abendessen mit Regiekollegen mitkam. Ich sagte: „Ich will da auch dabei sein. Denn ich will zuhören, was ihr so beredet.“ Und so war ich dann die einzige Frau. Das war noch vor meinem Regiedebüt „Ladybird“.

Das war von Ihrer persönlichen Biografie inspiriert. Wie kommen Sie jetzt zu Kostümdramen wie „Little Women“?

Gerwig: Weil die Romanvorlage schon immer Teil meines Lebens war. Meine Eltern haben sie mir vorgelesen, als ich ein kleines Mädchen war. Und danach habe ich das Buch immer wieder verschlungen. Die Protagonistinnen waren wie meine Schwestern. Aus dem Grund verfasste ich ein Drehbuch, allerdings hätte mir niemand erlaubt, das zu inszenieren, weil ich noch nicht genügend Erfahrung hatte. Erst nachdem ich „Ladybird“ gemacht hatte und der auch noch erfolgreich war, bekam ich die Chance.

Und die nutzen Sie auch mit innovativen Einfällen, insbesondere für das Ende. Hatten Sie Angst, dass das auch schief gehen kann?

Gerwig: Bei der kreativen Arbeit kannst du nicht auf Nummer Sicher gehen. Wenn du das tust, dann kommt nur was Fades dabei heraus. Also kannst du genauso gut alles riskieren.

Welche Botschaft wollen Sie Ihren Zuschauerinnen damit vermitteln?

Gerwig: Erst mal möchte ich betonen, dass das auch ein Film für Männer ist. Wenn Männer und Frauen sich gegenseitig unterstützen, kommen beide weiter. Und meinem Publikum wollte ich am Schluss ein Gefühl von Inspiration und Stärke geben. Jeder sollte sich fragen: Was für ein Buch möchte ich schreiben? Welchen Song? Welchen Film möchte ich machen? Worauf kommt es in meinem Leben an? Jede Generation muss dieses Feuer in sich entdecken. Und dazu versuche ich, meinen kleinen Beitrag zu leisten.

Aber bekommt nun die junge Generation von Frauen die Chance wie Sie, ihre Filme in Hollywood zu machen?

Gerwig: Momentan stelle ich hier einen eindeutigen Aufwärtstrend fest. Immer mehr Frauen erhalten ihre Chance hinter der Kamera. Aber letztlich kommt es nur auf Eines an: Geld. Solange Filme von Frauen über Frauen erfolgreich sind, fließen dafür die Dollar. Alles andere spielt für die Branche keine Rolle.

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