Psychoterror

Was Eltern, Lehrer und Schüler gegen Mobbing tun können

Stofftiere, Blumen und Kerzen vor der Hausotter Grundschule in Berlin-Reinickendorf: Eine elfjährige Schülerin hat sich das Leben genommen.

Stofftiere, Blumen und Kerzen vor der Hausotter Grundschule in Berlin-Reinickendorf: Eine elfjährige Schülerin hat sich das Leben genommen.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin  Der ungeklärte Tod einer elfjährigen Grundschülerin in Berlin schockiert das Land. Ein Verdacht rückt das Thema Mobbing in den Fokus.

Ein elfjähriges Mädchen ist tot. Es steht der Verdacht im Raum, dass das Kind sich das Leben genommen hat – möglicherweise aufgrund von Mobbing durch Mitschüler. Dieser extreme Fall aus dem Berliner Bezirk Reinickendorf wirft erneut ein Schlaglicht auf das Klima an deutschen Schulen.

Bislang ist die genaue Todesursache nicht geklärt. Auch ist nicht sicher, ob tatsächlich Mobbing zu dem Suizid führte. Vorwürfe in diese Richtung gibt es aber – Elternvertreter berichten in Medien von einem Mobbing-Problem an der Schule. Die Senatsbildungsverwaltung geht dem nach, die Polizei ermittelt an der Grundschule.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Mobbing an Schulen:

Wie verbreitet ist Mobbing an Schulen?

2017 ergab eine Pisa-Untersuchung, dass in Deutschland fast jeder sechste 15-Jährige (15,7 Prozent) regelmäßig Opfer teils massiver körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler wird.

Nach Einschätzung des Potsdamer Mobbing-Forschers Sebastian Wachs kommt Mobbing an jeder Schule vor.

In einer anderen Studie – Cyberlife II – gaben 2017 ein Viertel der befragten Schüler an, schon einmal von Mobbingattacken betroffen gewesen zu sein. Gut die Hälfte davon (13 Prozent) fühlten sich als Opfer von Cybermobbing, einer digitalen Spielart: Über WhatsApp-Gruppen oder soziale Medien werden Opfer beschimpft und beleidigt, Lügen und Gerüchte werden in die Welt gesetzt.

Was können erste Anzeichen von Mobbing sein?

Zum einen gibt es körperliche Anzeichen: Blaue Flecken, häufige Bauch- und Kopfweh und fehlende Motivation können Warnsignale sein, dass ein Kind in der Schule gemobbt wird.

Zum anderen kann aber auch fehlendes Geld und zerrissene Kleidung ein Zeichen sein. Manchmal fehlt auch etwas aus dem Schulranzen oder Rucksack. Darauf weist die Sicher-Stark-Initiative hin, die sich für den Schutz von Kindern einsetzt.

Betroffene Kinder haben meist keine Lust mehr, in die Schule zu gehen. Ihnen ist ihre frühere Fröhlichkeit abhanden gekommen und sie lassen plötzlich Ehrgeiz vermissen.

„Kinder kommen nicht von der Schule nach Hause und sagen: ,Ich werde gemobbt’“, sagt Mobbing-Experte und Pädagoge Karl Gebauer. Vielmehr würden sie von einzelnen Erlebnissen berichten, zum Beispiel von zerstochenen Reifen oder wenn ihnen jemand Wasser in den Rucksack schüttet.

Was können Eltern tun?

Eltern, die das Gefühl haben, ihr Kind wird in der Schule gemobbt, sollten mit dem Kind sprechen. Sie sollten ganz konkrete Fragen stellen, rät der Experte. „Vor allem sollten Eltern ihr Kind darin bestärken, dass keiner das Recht hat, sie so zu verletzen“, sagt Gebauer unserer Redaktion.

Erst denn sollte Eltern die Schule informieren und mit Lehrern, der Schulleitung oder Sozialarbeitern sprechen.

Eltern sollten nichts ohne Zustimmung oder Absprache mit ihrem Kind tun. Das rät auch Pädagoge Gebauer. Während des Unterrichts und auf dem Schulgelände sind zudem die Lehrer verantwortlich. „In der Schule können sie ihr Kind nicht beschützen, das kann nur eine Lehrkraft oder ein Mitschüler“, sagt er.

Hilfe für Mobbing-Opfer gibt es auch beim Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“ unter 0800 111 0 333 oder im Netz unter www.nummergegenkummer.de.

Was macht Mobbing mit einem Menschen?

„Mobbing ist eine extrem aggressive Handlung, die das Selbstwertgefühl eines Menschen zerstört und das Gefühl völliger Ohnmacht auslösen kann“, sagt Gebauer. „Im Extremfall verliert das Opfer jegliches Vertrauen in die Mitmenschen, selbst zu Freunden und Familie.“

Warum erkennen Lehrkräfte Mobbing in der Schule nicht?

Nicht immer ist Lehrern bewusst, dass es zu Fällen von Mobbing an der Schule kommt. „Lehrern fehlen häufig die Kompetenzen, um Mobbing zu erkennen“, sagt Karl Gebauer.

Die Situation sei oft schwierig zu erkennen: Die Täter handeln meist verdeckt, Opfer und Mitläufer schweigen, aggressives Verhalten wird nicht richtig gedeutet.

Gebauer empfiehlt Schulen daher, ein Interventions-Team mit festen Ansprechpartnern aufzustellen, an das sich Betroffene wenden können.

Aus Sicht des Mobbing-Forschers Wachs sollten Anti-Mobbing-Programme an allen deutschen Schulen die Regel sein – nach dem Vorbild skandinavischer Länder. „Wir sind in Deutschland in so vielen Bereichen ambitioniert, aber Anti-Mobbing-Programme sind hier keine Pflicht.“

Die Bildungsgewerkschaft GEW sieht mehrere Ansätze. „Lehrer müssen besser in die Lage versetzt werden, diese Dinge überhaupt zu erkennen, etwa durch Schulungen“, fordert Ilka Hoffmann, im GEW- Bundesvorstand für die Schulen zuständig.

„Zudem muss die Frage, wie sie mit Mobbing, mit Tätern oder etwa deren Eltern umgehen sollen, in der Aus- und Fortbildung einen größeren Stellenwert bekommen.“ Und: Lehrer brauchten abseits des Unterrichts mehr Zeit für ihre pädagogischen Aufgaben, etwa für Einzelgespräche mit Schülern.

Wie lässt sich eine Mobbing-Situation auflösen?

Wenn die Täter identifiziert sind, muss das Mobbing zunächst durch eine Art Intervention gestoppt werden. Die Täter müssen wissen, dass sie von nun an beobachtet und gegebenenfalls bestraft werden.

Die Opfer brauchen einen Beschützer, zum Beispiel einen Lehrer oder eine Mitschülerin, die in Zukunft auf sie aufpasst.

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Wie umgehen mit den Tätern?

Betreuung brauchen auch die Täter, zum Beispiel in Form einer Psychotherapie. Aber auch eine Lehrerin oder ein Sozialarbeiter können helfen: „Es ist wichtig, dass eine Person Beziehungsarbeit mit dem Täter leistet, ihm zuhört und hilft, Selbstvertrauen aufzubauen“, so Karl Gebauer.

Denn: „Mobber sind Menschen, die ihr geringes Selbstwertgefühl aufwerten, indem sie sich in eine Machtposition gegenüber anderen bringen.“ (küp/mit dpa)

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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