Krankheit

Wie eine Alzheimer-Patientin mit Videos Mut machen will

Jannicke Granrud (l.) mit ihrer Frau Hildegunn Fredheim.

Jannicke Granrud (l.) mit ihrer Frau Hildegunn Fredheim.

Foto: Privat

Oslo  Die Norwegerin Jannicke Granrud hat Alzheimer und lässt die Welt daran teilhaben. Die 54-Jährige nimmt deshalb ein Videotagebuch auf.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Äußerlich sieht man Jannicke Granrud ihre schwere Krankheit nicht an. Gerade ist die 54-Jährige von einem Karibik-Urlaub mit ihrer Ehefrau Hildegunn Fredheim (58) heimgekehrt. Sie ist modisch gekleidet, die blonden Haare sind frisch geschnitten, sie hat einen sommerlichen Teint und eine warme, lebensfrohe Stimme. Doch im Kopf sieht es anders aus. Granrud leidet an Alzheimer.

Mit 51 Jahren war die Krankheit bei ihr diagnostiziert worden, die das Gehirn und alle Erinnerungen zerstört. Da stand die erfolgreiche Osloer Psychotherapeutin und Dozentin mitten im Leben, war frisch verheiratet. Doch statt wie viele andere still zu leiden, entschied sie sich, ihr Leben mit der Krankheit öffentlich zu machen – und ist inzwischen für andere zur Trostspenderin geworden.

In einem Videotagebuch erzählt Granrud von ihrem neuen Leben und verrät, wie man es schafft, auch mit Alzheimer glücklich leben zu können.

Ratlosigkeit am Kaffeeautomaten schon erstes Symptom?

Im Interview ist ihre Frau Hildegunn dabei, springt immer wieder mal ein, verdeutlicht Dinge, wenn Jannicke stecken bleibt oder den Faden verliert. „Wir beide lernten uns am Kaffeeautomaten der Psychotherapieschule in Oslo kennen“, erzählt Granrud. „Ich war 35. Hildegunn musste mir erklären, wie ich den bediene. Im Nachhinein frage ich mich, ob das schon ein erstes Symptom war.“

Wissen:

2017 heirateten die beiden. In erster Ehe war sie zuvor mit einem Mann verheiratet gewesen, mit dem sie zwei inzwischen erwachsene Kinder hat.

„Mein Hirn wurde plötzlich ganz leer“

Granruds Unsicherheit nahm schleichend zu. Mal vergaß sie Verabredungen mit ihren beiden Kindern, mal fand sie nicht mehr selbst den Weg zu ihrem Ferienhaus. „Mein Hirn wurde plötzlich ganz leer. So als ob man innerlich verschwindet“, berichtet Granrud. Schließlich kam die niederschmetternde Diagnose Alzheimer.

Sie galt damals als jüngste Alzheimer-Patientin Norwegens. Die meisten Betroffenen sind älter als 65 Jahre. Nach anfänglicher Angst habe Granrud die Krankheit aber inzwischen akzeptiert. „Wenn man es nicht akzeptiert, leidet man viel, viel mehr. Man kann es ja nicht ändern.“ Sie versuche, im Hier und Jetzt zu leben. „An die Zukunft zu denken und sich zu sorgen, bringt nichts.“

„Der Verlust der Freiheit ist am schwersten zu ertragen“

Schlimm aber seien Momente, in denen die Krankheit deutlich wird. „Wenn mein Gehirn mich im Stich lässt, fühle ich mich wie ein Kind, das auf Hilfe angewiesen ist. Der Verlust der Freiheit eines Erwachsenen ist wohl am schwersten zu ertragen“, sagt Granrud. Als sie die Diagnose bekam, schlug sie ihrer Partnerin die Trennung vor. „Aber sie wurde sauer und sagte mir, dass sie bleibt.“

Gemeinsam wollen sie der Welt zeigen, dass Alzheimer zwar vieles schwerer, aber ein würdevolles Leben nicht unmöglich macht. Ein Jahr ließ sich Granrud dafür von einer norwegischen Zeitung begleiten, regelmäßig tritt sie im Fernsehen auf. In Internetvideos teilt sie ihr Schicksal – und erreicht auf diese Weise Millionen Menschen weltweit.

Ihr Ziel ist es, ein Demenzdorf aufzubauen

Nebenbei engagiert sie sich in einer Interessenorganisation für Alzheimerkranke. Dort versucht sie, ein Demenzdorf in Oslo mitzugründen. Eine Anlage mit kleinen Straßen, Friseur- und Kleiderläden und Restaurants, aber abgesichert. „Wenn ich zu krank bin, um noch bei Hildegunn zu wohnen, hoffe ich, dass wir schon ein Demenzdorf in Oslo haben, in das ich ziehen kann“, sagt Granrud. In zwei Jahren soll es so weit sein.

Und wie geht ihre Ehefrau mit all dem um? „Ich lege den Fokus auf unser alltägliches Leben. Wir treffen Freunde, machen Sport, essen und trinken gut, all die kleinen Dinge eben.“ Wie wird es aber sein, wenn Granrud ihre Ehefrau nicht mehr erkennt, nicht mehr sprechen kann?

„Selbst wenn wir uns nicht mehr miteinander unterhalten können, wird Jannicke spüren, dass alles okay ist, wenn ich ihre Hand in meine lege. Das sage ich ihr immer wieder, und so wird es auch sein“, ist sich Fredheim sicher.

Ratgeber:

Wissen:

(André Anwar)

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben