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Wie schäbig sind die deutschen Raststätten wirklich?

Ein Schild vor dem Restaurant auf dem Autobahn-Rastplatz Börde Süd.

Ein Schild vor dem Restaurant auf dem Autobahn-Rastplatz Börde Süd.

Foto: imago

Heidelberg.  Es gibt alarmierende Berichte über Zustände an einigen deutschen Raststätten, aber auch positive Ausnahmen. Wir haben vor Ort gerastet.

Die Abendsonne taucht gerade ab, als sich Frank Tesche in Rage redet. Der 44-Jährige kommt aus dem Toilettendrehkreuz der Raststätte Hardtwald Ost, ein paar Meter von ihm entfernt rauscht der Verkehr über die A5. In der Hand hält er einen Bon. „70 Cent musste ich einwerfen, um aufs Klo gehen zu dürfen. Dafür bekomme ich diesen 50-Cent-Einkaufsgutschein, für den ich mir rein gar nichts kaufen kann“, schimpft Tesche. „Hier gibt es einfach nichts für 50 Cent. Das ist doch Abzocke.“ Tesches Kopf ist jetzt beinahe so rot wie die hinter den Hügeln versinkende Sonne.

Die vielen Tausend Urlaubsfahrer, die in diesen Wochen heimkommen aus den Ferien, haben viele Gründe, sich über das Geschäftsgebaren deutscher Raststätten zu ärgern. Aber an diesem warmen Sommerabend in Nordbaden sind wenigstens die Toiletten sauber. Das ist durchaus eine Erwähnung wert.

Wer Testberichte über die Raststätte in der Nähe von Heidelberg liest, stellt sich Schlimmes vor. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch kam bei der Lebensmittelkontrolle zu folgendem Urteil: „Der Getränkeauslauf an der Getränkestation war durch schwarz-weiße sporenartige Beläge verunreinigt“, der Getränkekühlschrank sei „durch tote Insekten und leichte sporenartige weiße Beläge“ verschmutzt gewesen.

Raststätten: Ein halber Liter Mineralwasser für mehr als drei Euro

Ekelzustände direkt an der Autobahn. Auch die Autofahrer-Lobbyisten vom ADAC haben der Raststätte Hardtwald Ost schon ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt und sie zu einer der dreckigsten Anlagen überhaupt erklärt.

Inzwischen hat sich viel getan, versichert ein Sprecher der Betreibergesellschaft Tank & Rast auf Anfrage. „Als unser Franchisepartner von den Beanstandungen Kenntnis bekam, hat er umgehend und umfassend gehandelt.“ Doch es bleibt der Eindruck, dass auf den Raststätten zwischen Nord- und Bodensee viel im Argen liegt.

Allein die Preise: Ein halber Liter Mineralwasser kostet vielerorts mehr als drei Euro, eine Packung Chips sogar fünf Euro. Als „Raubritterburgen der Moderne“ brandmarkte der ehemalige ADAC-Präsident Peter Meyer die Anlagen einmal.

Raststätte Börde bei Magdeburg an der A2 gut bewertet

Mit seiner vernichtenden Kritik steht er nicht alleine da. Wer sich auf Raststätten umhört, findet kaum jemanden, der Gutes zu berichten wüsste über seine Pausenerfahrungen an der Fernstraße. Doch es gibt auch Raststätten, die schneiden gut ab, wie die Raststätte Börde bei Magdeburg an der A2. Lkw-Fahrer Michael Schilski sitzt mit verschränkten Armen an einem Klapptisch vor seinem Führerhäuschen, Sonnenbrille auf der Nase, und lächelt. „Ist doch toll hier. Alles da – Spielplatz für die Kinder, guter Kaffee und der Grünstreifen ist frisch gemäht.“

Die Spritkosten liegen hier aber laut einer Untersuchung der Goethe-Universität Frankfurt am Main im Mittel rund 20 Cent über dem Marktdurchschnitt. Für Schilski kein Problem. „Ich habe eine Tankkarte von meiner Spedition. Deshalb bekomme ich eh Rabatt.“

Privatleute müssen voll zahlen. Doch die Raststätten können es sich leisten, Kunden zu vergraulen, denn eine Alternative gibt es nicht. Fast alle sind in der Hand eines einzigen Konzerns – Tank & Rast. Das Bonner Unternehmen hat die Anlagen 1998 vom Bund übernommen und ist an den Autobahnen quasi ein Monopolist. „Seit der Privatisierung haben wir rund 1,5 Milliarden Euro in unser Servicenetz investiert“, berichtet der Konzernsprecher. Das Netz umfasst mittlerweile knapp 400 Raststätten.

Viele Raststätten gleichen kleinen Supermärkten

Längst sind aus den Parkflächen regelrechte Erlebniswelten geworden. Die Shops sind 365 Tage im Jahr rund um die Uhr geöffnet und gleichen kleinen Supermärkten. Die Rastanlage Geiselwind an der A3 zwischen Nürnberg und Frankfurt etwa gilt als größte der Welt, sie umfasst ein Fitnessstudio und ein Eventzentrum, in dem sogar schon Country-Legende Johnny Cash aufgetreten ist. Und an der A6 nahe Heilbronn wird im Herbst ein Bikini-Museum eröffnet, in dem sich Autofahrer zur Entspannung Bademoden aus drei Jahrhunderten anschauen können.

Doch dieser Luxus hat eben seinen Preis. Natürlich wird niemand gezwungen, ausgerechnet an einer Raststätte zu tanken, zu essen und aufs Klo zu gehen. Das weiß auch Frank Tesche auf der Anlage Hardtwald. Aber: „Wir kommen gerade vom Gardasee und müssen noch bis hinter Hannover. Ich fahre doch nicht auf der Suche nach einer billigen Tanke quer durch die Pampa.“

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