Hochschule

Abfuhr für den Bachelor

Studenten im Hörsaal: Laut einer Umfrage planen nur die wenigsten, nur mit dem Bachelor in der Tasche den Schritt auf den Ar­beitsmarkt.

Foto: Thomas Frey/dpa

Studenten im Hörsaal: Laut einer Umfrage planen nur die wenigsten, nur mit dem Bachelor in der Tasche den Schritt auf den Ar­beitsmarkt. Foto: Thomas Frey/dpa

Essen.   Viele Studenten misstrauen dem ersten Uni-Abschluss und wollen lieber den Master draufsatteln. Auch die Wirtschaft ist unzufrieden.

Die Studenten sollten früher fertig werden, schneller auf den Arbeitsmarkt kommen und über praxisnahes Wissen verfügen – das war der Sinn der Umstellung alter Diplom- und Magisterstudiengänge auf das Bachelor- und Master-System. In der Regel soll ein Bachelor-Studiengang nach sechs Semestern einen „ersten berufsqualifizierenden Abschluss“ ermöglichen. Der spezialisierende Master lässt sich nach vier weiteren Semestern draufsatteln. Doch von „berufsqualifiziert“ könne kaum die Rede sein, klagen viele Personalchefs. Die Unzufriedenheit der Unternehmen mit den Absolventen des dreijährigen Bachelor-Studiums wächst.

Sahen 2011 noch rund 63 Prozent der Betriebe ihre Erwartungen an einen Bachelor-Absolventen erfüllt, sind es nach einer aktuellen Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) nur noch 47 Prozent. Umgekehrt formuliert: Mehr als die Hälfte aller Unternehmen sind unzufrieden mit den Fähigkeiten der „Turbo-Studenten“. Dabei wurden aus Sicht der Betriebe besonders die geringe Anwendungsorientierung (30 Prozent), fehlende methodische Fähigkeiten (24 Prozent) und geringe persönliche und soziale Kompetenzen (23 Prozent) kritisiert. Zugleich stieg die Zufriedenheit der Wirtschaft mit den Master-Absolventen auf nunmehr 78 Prozent. „Offenbar gelingt es den Hochschulen, mit ihren Masterstudiengängen, den Fachkräftebedarf in der Regel zu decken“, so die DIHK.

Mehrheit strebt den Master an

Aus Sicht der Studenten schneidet das System nicht besser ab: Derzeit planen nur die wenigsten (12 Prozent), schon mit dem Bachelor in der Tasche den Schritt auf den Ar­beitsmarkt zu wagen. Die überwiegende Mehrheit strebt einen Master-Abschluss als höchsten akademischen Grad an, ergab eine bundesweite Auswertung von Studitemps, einem führenden Vermittler von Zeitarbeit für Studenten. Demnach verzeichnet NRW mit 13,6 Prozent bundesweit den höchsten Anteil von Studenten, deren Karriereplanung den Start ins Berufsleben gleich nach dem Bachelor-Abschluss vorsieht. Das andere Ende der Skala bildet Sachsen, wo nur sieben Prozent nach dem Bachelor ihr Studium beenden wollen.

Ist also die „Bologna-Reform“ gescheitert? Seit im Jahr 1999 die zuständigen 30 Minister in Europa dieses Reformvorhaben starteten, reißt die Kritik nicht ab. Es sei zu verschult, bedeute einen Verlust von Bildung, sei mit Prüfungen überfrachtet, habe die internationale Mobilität nicht gefördert und zu einer Explosion von mittlerweile 19 000 Studiengängen geführt. Die Befürworter argumentieren, die Abschlüsse seien international vergleichbarer, das Studium flexibler und praxisorientierter geworden.

„Die Erwartungen an die Bachelor-Absolventen waren von Anfang an unrealistisch“, sagt Jörg Bogumil, Professor für Öffentliche Verwaltung und Experte für Studienreformen an der Ruhr-Uni Bochum. „Man kann die Inhalte eines Diplomstudiengangs nicht in sechs Semester pressen und glauben, dies habe die gleiche Qualität“, so Bogumil. Das hätten auch die Studierenden begriffen, schließlich strebe die überwiegende Mehrheit den Master-Abschluss an. Dadurch wurde auch das Ziel verfehlt, mit der Reform die Studiendauer zu verkürzen. Bis zum Master-Abschluss verbringen Studenten mindestens zehn bis zwölf Semester an der Uni. Damit sind sie nicht schneller fertig als der frühere Diplom- oder Magister-Absolvent.

Zu den wichtigsten Kompetenzen, die Unternehmen von Bachelor-Absolventen laut der DIHK-Umfrage erwarten, zählen Teamfähigkeit, selbstständiges Arbeiten sowie Einsatzbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit. Somit stehen vor allem soziale Fähigkeiten ganz oben auf der Wunschliste der Firmenvertreter. Nach Ansicht von Experten sind manche Bachelor-Absolventen aber dafür schlicht zu jung. Wer dank „Turbo-Abi“ mit 17 sein Studium beginnt, hat im Idealfall mit 20 oder 21 Jahren seinen Bachelor in der Tasche. „In dem Alter ist die Persönlichkeit noch nicht gereift“, gibt Jörg Bogumil zu bedenken. „Diese jungen Leute haben wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt.“ Die Bildungsphasen immer weiter zu beschleunigen – das habe am Ende nichts gebracht.

Doch eine Abschaffung des Studiensystems sei keine Lösung, nötig sei eine „Reform der Reform“, meint Bogumil. Ein Studium in zwei Phasen bringe auch Vorteile. Der Bachelor vermittele das Basiswissen sowie Grundkenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens, in der Masterphase folge die Spezialisierung der Studieninhalte. Doch müssten die Unis dafür Sorge tragen, dass die Studienzeiten nicht noch länger werden, und die Abbrecherquoten sinken. Jeder dritte Bachelor-Student gibt vor dem Abschluss auf. Bogumil: „Auch das war so nicht gedacht“.

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