Studie

Ärmere Menschen im Ruhrgebiet rufen viel öfter den Notarzt

Fast 17000 Notarzt-Einsätze wurden ausgewertet.

Foto: Stephan Jansen

Fast 17000 Notarzt-Einsätze wurden ausgewertet. Foto: Stephan Jansen

Ruhrgebiet.   Notärzte werden im Ruhrgebiet deutlich öfter in ärmeren Vierteln alarmiert. Das zeigt eine neue Uni-Studie. Mediziner erklären, woran das liegt.

In Wohngebiete mit vielen Arbeitslosen wird der Notarzt bis zu 50 Prozent häufiger gerufen als in andere Viertel. Herz-Kreislauf-Probleme, Lungenerkrankungen oder Schlaganfälle treten dort weit häufiger auf. Das hat eine Studie des Klinikums der Ruhr-Universität Bochum und des Robert-Koch-Instituts Berlin ergeben.

Sie werteten alle 16 767 Notfalleinsätze in Bochum aus den Jahren 2014 und 2015 aus, insbesondere jene, bei denen der Notarzt in eine Wohnung gerufen wurde. Die Forscher verglichen Bezirke mit weniger als fünf Prozent und mehr als 9,5 Prozent Arbeitslosigkeit und rechneten Faktoren wie Alter und Geschlecht heraus.

Höheres Risiko im Hinblick auf schwere Krankheiten

„Inzwischen ist wissenschaftlich belegt, dass Personen mit niedrigem

sozioökonomischen Status ein höheres Risiko haben im Hinblick auf schwere Erkrankungen wie Herz, Diabetes und teilweise Krebs“, sagt Christoph Hanefeld, der Medizin-Geschäftsführer des Katholischen Klinikums Bochum. Er fordert, die Erkenntnisse über hohe Einsatzzahlen in armen Vierteln bei der Organisation der Rettungsdienste zu berücksichtigen.

„Die Lebenserwartung armer Menschen ist geringer als Wohlhabender. Bei Frauen acht Jahre, bei Männern elf Jahre“, sagt der Gesundheitssoziologe Thomas Lampert. Der Grund: An Arbeitsplätzen sind sie öfter Lärm oder giftigen Stoffen ausgesetzt, ihr Wohnumfeld ist lauter, befahrener und weniger grün.

Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf

„Auch das Verhalten spielt eine Rolle: Sie rauchen und trinken mehr, bewegen sich weniger und sind häufiger übergewichtig.“ Das sei aber „nicht immer eine eigene Entscheidung: Sie rauchen und trinken mehr, weil sie mehr Stress und Ängste empfinden.“

Lampert, Mitautor der Studie, arbeitet seit Jahren beim Robert-Koch-Institut auf diesem Gebiet. Obwohl es insgesamt gesundheitliche Fortschritte gebe, gehe die Schere weiter auf zwischen Arm und Reich. „Bildung ist der Schlüssel“, sagt Lampert. Insgesamt rauchten die Deutschen weniger, aber Gebildete noch weniger. Insgesamt bewegten sie sich mehr, aber Gebildete noch mehr.

Nach Studien des Robert-Koch-Instituts ist das Risiko, chronisch zu erkranken, für sozial benachteiligte Menschen zwei- bis dreifach erhöht. So bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Bronchitis oder Depressionen.

Die neue Studie aus Bochum zeige, wie extrem eng der Zusammenhang sei zwischen Notarzteinsätzen und wirtschaftlichen Bedingungen, so Professor Hans-Joachim Trampisch: „So deutlich wurde das noch nie gezeigt.“

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