Besetzung

Warten auf Tag X – Angst und Unsicherheit im Hambacher Forst

Aktivistin "Kralle" nimmt mit Humor, dass ihrer Meinung nach bei NRW-Ministern kein Umdenken stattgefunden hat: „HA HA“.

Aktivistin "Kralle" nimmt mit Humor, dass ihrer Meinung nach bei NRW-Ministern kein Umdenken stattgefunden hat: „HA HA“.

Foto: Lars Heidrich

An Rhein und Ruhr.   Die Bewohner des Hambacher Forst rechnen mit der nächsten Räumung und befürchten eine Eskalation. Eine Bürgerinitiative sehnt sich nach Ordnung.

An die letzte Räumung erinnert sich „Ultra“ ganz genau. Sie saß in ihrem Baumhaus, hat dort nach ihren Angaben fünf Stunden mit einem freundlichen SEK-Beamten gequatscht. Dann wurde es abgerissen. „Das tat weh, weil es mein Zuhause war. Du verbringst Zeit dort, baust es auf und lebst dort“, beschreibt sie ihr Gefühl und steht weiter im Matsch von Oaktown, dem Eichendorf im Hambacher Forst, das es auch schon vor der ersten Räumung der Polizei im Herbst gegeben hatte.

Nun ist es kleiner. Die Plattformen hängen 25 Meter über dem Boden. An diesem stürmischen Tag wedeln sie im gleichen Rhythmus mit den Bäumen in der Luft.

Im Wald herrscht Angst und Unsicherheit vor der nächsten Räumung an „Tag X“, wie er bei den Aktivisten genannt wird. Ein Gefühl, was stets unterbewusst spürbar ist. Niemand weiß, wie es an „Tag X“ plus eins weitergeht. Derzeit rechnen die Aktivisten jeden Tag damit, dass ein Großaufgebot der Polizei in ihr Heiligtum vordringt. Auf einigen Wegen sind aus Ästen Barrikaden errichtet worden. In den sozialen Netzwerken wird daher mobilisiert, zum „Hambi“ zu kommen und dort zu bleiben.

Angst und Unsicherheit im Forst

Als ein Polizeihubschrauber über Oaktown fliegt, zieht „Kralle“ ihre Kapuze über den Kopf und schaut auf den Boden. Auf ihre Handflächen hat die junge Frau sich jeweils „Ha“ geschrieben. „Für die Cops“, sagt sie. „Kralle“ ist vorbereitet, studiert und weiß, dass sie in einer privilegierten Situation ist, finanziell abgesichert zu sein, um im Wald zu protestieren. Für Polizisten und Mitarbeiter von RWE äußert sie Verständnis. Aber es gebe ja auch andere Berufe, die sie ausüben könnten.

Der Wald ist anonym. Die Aktivisten sprechen nur für sich als Einzelpersonen. Viele laufen vermummt umher. Sie vereint die gemeinsamen Feindbilder: RWE, Polizei und die Politik. Der Klassenkampf gegen das Kapital, der Hambacher Forst als Stellvertreter-Konflikt.

„Die Menschen handeln individuell. Ich habe entschieden, welche Protestform ich wähle. Die Pressearbeit sehe ich als meine Protestform“, sagt Lena, 22 Jahre alt und koordiniert ihre Tätigkeit mit einem iPhone. „Ich verurteile keine Aktionsform.“ Von physischer Gewalt will sie sich daher auch explizit nicht distanzieren.

Bei den Waldbewohnern herrscht seit Tagen Unruhe

Die hatte es nach Polizeiangaben zuletzt etwa an den Weihnachtstagen gegeben, als Vermummte das Sicherheitscamp von RWE im Hambacher Forst mit Molotowcocktails und Steinen beworfen haben sollen.

Unter den Baumhäusern hocken auf dem Boden zwei junge Frauen im Schlamm. Sie essen Brot mit Aufstrich von einer Euro-Palette. Nach wenigen Minuten zieht die größere von beiden ein Tuch bis zur Nasenspitze, so dass nur noch blaue Augen und blonde Haare zu sehen sind.

„Wir müssen damit rechnen, dass Repressionsorgane ein Interesse daran haben, uns mundtot zu machen“, begründet sie das. Ob es sie stören würde, hier im Schlamm zu essen, durchgefroren und durchnässt. Nein, das nicht. Dass wenige Meter entfernt die Umwelt zerstört wird und Polizisten nachts durch den Wald laufen, aber schon. „Die Kleidung wird wieder trocken“, erklärt die Blonde mit den blauen Augen, als ihr Gesicht noch nicht maskiert war. Ihr Name? „Denk’ dir einfach einen aus. Sonst hätte ich das getan.“ Sie wirkt ausgelaugt.

Erhard Georg sitzt in seinem Haus in Kerpen-Buir mit Antje Grothus und Gerhard Kern von der Bürgerinitiative „Buirer für Buir“. Sie stört, dass gewaltbereite Waldbewohner – teils aus ganz Europa anreisend – die friedliche Arbeit der Anwohner vergessen machen. Zusammen mit anderen Aktivisten wollen sie eine Art Verhaltenskodex entwickeln, damit der Wald nicht weiter zerstört wird. Das Problem sei, die richtigen Worte zu finden. Denn an Ordnungen würden sich die Autonomen im Wald partout nicht halten. „Der Prozess an sich hat bereits Wirkung gezeigt“, betont Kern, obwohl ein Konsens nicht gefunden ist.

Räumung soll nicht das Ende sein

„Ich befürchte, dass der Widerstand nur größer wird, sollte das Gericht entscheiden, den Hambacher Forst weiter abzuholzen“, sagt derweil Aktivistin Lena. Sollte es zur nächsten Räumung kommen, weiß „Ultra“, die wie Lena und „Kralle“, die stets den Individualismus im Wald betonen, wie sie damit umgehen wird: „Ich weiß, dass das nicht das Ende ist. Die haben nicht gewonnen.“ „Die“ ist das System. Es klingt nach einer Drohung.

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