Gesundheit

Merkels Zittern psychisch? Wenn Nerven erstmal blank liegen

Die Bundeskanzlerin nahm am Donnerstag zu ihrem Gesundheitszustand Stellung.

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Berlin.  Zitterattacken wie die von Merkel sind nichts Ungewöhnliches. Es muss nicht gleich eine Krankheit sein. Ein Psychologe erklärt, warum.

Die Bilder erschreckten viele Menschen in Deutschland: Dreimal hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in den vergangenen drei Wochen öffentlich gezittert. Ihr politischen Gegner gehen in die Vollen, fordern Aufklärung, in manchen Fällen den sofortigen Rücktritt. Und auch sonst sorgen sich viele um die Gesundheit der 64-Jährigen.

Und eine Mehrheit der Deutschen fordert auch eine umfassende Aufklärung: 59 Prozent sehen Merkel in der Pflicht, über ihren Gesundheitszustand Auskunft zu geben. Wohl in der Überzeugung, die Kanzlerin sei krank.

Im Gespräch erklärt ein Psychologe, warum das vielleicht doch nicht sein muss – denn auch, wenn die Bilder erschrecken: Solche Szenen müssen nicht der Ausdruck eines hochgefährlichen Gesundheitszustandes sein.

Angela Merkel zittert – Das Wichtigste in Kürze:

  • Zum dritten Mal hat Angela Merkel bei einem öffentlichen Auftritt zu zittern angefangen
  • Die Vorfälle sorgten für eine Debatte um die Gesundheitszustand der Kanzlerin
  • Die Kanzlerin beteuerte, dass es ihr gut geht und sie um die Bedeutung des Amtes wisse
  • Eine Mehrheit der Deutschen hält die Zitteranfälle für Merkels Privatsache
  • Ein Psychologe erklärt, was hinter den Anfällen stecken könnte

Bereits eine einmalige Stress-/Überlastungssituation kann dazu führen, dass das autonome Nervensystem zukünftig anders reagiert auf gewisse Erlebnisse, „obwohl die Ursache verschwunden ist“, sagt Professor Willi Butollo, Leiter des Münchner Instituts für Traumatherapie.

Was genau hinter Merkels Zittern steckt, weiß vielleicht nicht einmal sie selbst. Spekuliert wird viel – von Parkinson bis zu psychischen Problemen wurden viele mögliche Varianten durchgesprochen. Ohne, dass die Politikerin sich irgendwie weitergehend geäußert hätte. Sicher dürfte sein, dass sie die besten Mediziner an der Hand hat, um sich wieder auf Vordermann zu bringen.

Sie selbst sagte lediglich, dass es ihr gut geht – und sie um die Verantwortung in ihrem Amt wisse. Sie erklärte auf einer Pressekonferenz, dass sie auch selbst ein Interesse daran habe, zu wissen, wie es um ihre Gesundheit bestellt sei.

Merkels Zittern: Kanzlerin ist sich der Macht der Bilder bewusst

Die Kanzlerin weiß genau, was Bilder anrichten können – gerade in Verhandlungen mit mächtigen Männern wie US-Präsident Donald Trump oder dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Schwäche zeigen kann die eigene Verhandlungsposition schwächen. Sie selbst versucht, den Gerüchten um ihren Gesundheitszustand entgegenzutreten. „Man muss sich keine Sorgen machen“, sagte sie auf einer Pressekonferenz.

Eine Mehrheit der Deutschen findet übrigens, dass Kanzlerin Angela Merkel über ihre jüngsten Zitteranfälle keine öffentliche Auskunft geben muss. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der „Augsburger Allgemeinen“ hervor.

59 Prozent der Befragten sprachen sich demnach dagegen aus, dass die CDU-Politikerin eine detaillierte öffentliche Auskunft über ihren Gesundheitszustand geben sollte und erklärten, dies sei Privatsache der Kanzlerin. Nur 34 Prozent der Befragten plädierten für eine öffentliche Auskunft.

Trotzdem sind viele Menschen besorgt. Ist es wirklich nur ein Zittern oder ist es doch etwas Ernsthaftes? Fest steht: Alleine ist die Kanzlerin mit einer solchen Zitter-Erfahrung nicht – im Gegenteil, sagt Professor Willi Butollo, Leiter des Münchner Instituts für Traumatherapie.

Angela Merkel sprach in der Pressekonferenz nach ihrer dritten Zitterattacke von einer Verarbeitungsphase, in der sie sich nach dem ersten Anfall befinde. Was steckt dahinter?

Willi Butollo: Was hinter dem Zittern der Kanzlerin steckt, weiß ich nicht und man sollte darüber auch nicht aus der Ferne spekulieren. Aber grundsätzlich ist es nichts Ungewöhnliches, was sie da beschreibt. Sehr viele Menschen haben solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht. Es gibt zunächst einen ersten Vorfall, für den es eine konkrete Ursache gibt – etwa Erschöpfung, Nervosität oder eine Grippe …

… oder Wassermangel an einem heißen Tag, wie es zur Erklärung des ersten Zitteranfalls bei Angela Merkel hieß.

Willi Butollo: Zum Beispiel. Und diesen Vorfall merkt sich das autonome Nervensystem. Der Körper zeigt dann in einer ähnlichen Situation die gleiche Reaktion wie zuvor, obwohl die Ursache verschwunden ist. Das ist völlig normal und kann von Zeit zu Zeit jedem widerfahren. Doch der Verstand ist dagegen erst einmal machtlos. Das alles gilt natürlich immer unter der Voraussetzung, dass keine organische Ursache dahinter steckt.

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Was will einem der Körper mit einem solchen Zittern sagen?

Willi Butollo: Eigentlich ist es eine sehr gesunde Reaktion des Körpers. Ein Alarmzeichen, das einen auffordert hinzuhören, wenn man zum Beispiel geschwächt ist. Aber es kann eben sein, dass der Körper einfach aufgrund der vergangenen Erfahrung Alarm schlägt, ohne dass es jetzt noch eine offensichtliche Ursache gibt.

Sie sagen, jeder kann in solche Situationen geraten. Können Sie ein konkretes Beispiel aus dem Alltag nennen?

Willi Butollo: Stellen Sie sich vor, Sie müssen einen Vortrag vor vielen Kollegen halten. Alle Augen sind auf Sie gerichtet, Sie stehen aber nicht so gerne im Mittelpunkt. Diesem Stress ist der Körper vielleicht nicht gewachsen und Sie fangen an zu zittern. Das kann Ihnen dann in ähnlichen Situationen wieder passieren – auch wenn Sie eigentlich gar nicht so nervös sind. Denn in Ihrem Kopf ist der Gedanke: Es darf nicht wieder passieren.

Wie kann man so ein Gedankenkarussell durchbrechen?

Willi Butollo: Hilfreich kann es sein, die zugegeben lästige Situation anzunehmen und sich nicht gegen sie zu wehren. Denn das Kämpfen darum, dass es auf keinen Fall wieder passiert, verhindert die Verarbeitung. Das ist eine schwierige Situation, denn man wird damit konfrontiert, dass nicht alles vom Verstand kontrollierbar ist. Um bei unserem Beispiel mit den Kollegen zu bleiben: Eine Möglichkeit der Verarbeitung ist es, einfach auf die Kollegen zuzugehen und die Situation bewusst anzusprechen.

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Ist die Verarbeitung für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, besonders schwierig?

Willi Butollo: Das kann sein. Denn diese Menschen möchten sich besonders kontrollieren. Der Gedanke, der bei ihnen vermutlich häufig mitschwingt und eine Verarbeitung der Situation erschwert, ist: Was denken die anderen? Und: Ich möchte und muss fehlerfrei sein.

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