Holocaust

Auschwitz-Überlebende: "Der Holocaust wird sich wiederholen"

Auschwitz: "Sie wussten, dass sie in den Tod gehen"

Mit 18 Jahren kam Eva Fahidi nach Auschwitz-Birkenau. Sechs Wochen war sie in dem Konzentrationslager gefangen und erlebte die Grausamkeiten des Regimes.

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Berlin.  Eva Fahidi wurde mit ihrer Familie nach Auschwitz verschleppt. Sie erzählt vom Grauen im Lager und wie sie es schaffte, zu überleben.

Eva Fahidi friert. „Fast immer“, sagt sie. Ihr Partner reicht ihr eine zweite Stola, die sie sich auf die Beine legt. Die jüdische Ungarin ist anlässlich der Gedenkfeiern zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in Berlin. Sie ist eine der wenigen noch lebenden Zeuginnen des Holocaust. Jeden Tag sterben im Schnitt 30 Menschen, die den Holocaust überlebt haben, so der Dachverband der Holocaust-Überlebenden. Eva Fahidi ist heute 95 – ihre Schwester und ihre Eltern überlebten den Holocaust nicht. Es dauerte 59 Jahre, bis Fahidi zum ersten Mal über Auschwitz sprechen konnte. Jetzt will sie nicht mehr damit aufhören.

Wie sind Sie als Kind aufgewachsen?

Eva Fahidi Ich bin sehr glücklich und behütet in einer großen und jüdischen Familie aufgewachsen.

Was haben Sie als Kind gern gemacht?

Ich habe gern Klavier gespielt und wollte Pianistin werden. Das hat aber nicht geklappt, weil man mich deportiert hat. Aber meine Tochter ist Pianistin geworden, ich sage immer: statt meiner. Als sie schon fast 60 war, ist ihr dann noch eingefallen, Psychologie zu studieren. Jetzt arbeitet sie mit Holocaust-Überlebenden und deren Kindern.

Wie haben Ihre Eltern Sie erzogen?

Meinem Vater war wichtig, dass ich viel lerne. Ich kann Stenografie, ich kann aber auch eine Mauer bauen, weil ich Hilfsarbeiterin auf dem Bau war.

Was ist das größte Glück?

Das größte Glück ist, wenn einem die Geschichte nicht ins Leben spuckt. Dagegen kann man nichts tun. Die Geschichte ist unbarmherzig.

Auschwitz: „Die ungarischen Juden waren wie hypnotisiert, sie wollten es nicht wissen“

Sie sprechen fließend Deutsch, sind aber in Ungarn aufgewachsen, war das üblich?

Wir hatten überall in Europa Verwandte, vor allem in der Slowakei und in Österreich. In meiner Familie hat man Ungarisch, Slowakisch und Deutsch gesprochen. Fast alle Sprachen auf demselben Niveau, sonst hätten wir uns nicht verstanden.

Hatten Sie ein Bild von Deutschland?

Als Kind wusste ich, dass die Deutschen keine gute Küche haben. Aber pedantisch und streng sind. Ich hatte immer ein österreichisches Kindermädchen mit Waldorf-Ausbildung. Und wir hatten ein Magazin zuhause: „Blatt der Hausfrau“, darin wurden auch die Erziehungsmethoden von Rudolf Steiner vorgestellt. Das war mein Bild von den Deutschen.

1939 ist der Krieg ausgebrochen, Polen wurde von den Deutschen überfallen. War Ihrer Familie klar, dass es für Juden in Ungarn gefährlich wird?

Wir wollten es nicht wissen. Die ungarischen Juden waren wie hypnotisiert, sie wollten es nicht zur Kenntnis nehmen. Ich komme aus einer reichen Familie, mein Vater hätte zur rechten Zeit noch alle Möglichkeiten gehabt, uns zu retten. Bereits in den 20er-Jahren wurden in Ungarn antijüdische Gesetze erlassen, auch 1938, 39 wieder und ab 1941 galt auch das Rassenschande-Gesetz in Ungarn. Es gab also genügend Hinweise.

Ihre Familie ist in den 30er-Jahren zum Katholizismus übergetreten, um sich zu retten?

Als ich elf war, ist mein Vater konvertiert. Er war so naiv, er dachte, uns so retten zu können. Dabei spielte das laut der Rassengesetze keine Rolle. Meine Schwester und ich mussten auf eine Klosterschule gehen. Und obwohl man uns zu guten Katholiken erzogen hat, habe ich eine viel tiefere jüdische Identität. Vor allem auch, weil ich aus Auschwitz-Birkenau zurückgekommen bin. Außerdem waren alle meine Vorfahren Juden.

Sie wurden im Juni 1944 zusammen mit Ihrer Familie vom ungarischen Debrecen nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Haben Sie gewusst, was Sie erwarten wird?

Nein, nein. Obwohl wir es hätten wissen sollen, es gab ja schon Ungarn, die an der Front waren, die etwas hätten erzählen können.

Auschwitz-Überlebende: "Ich will meine Seele nicht mit Hass beschmutzen"
Auschwitz-Überlebende- Ich will meine Seele nicht mit Hass beschmutzen

Wie hat man Sie verschleppt?

In einem Viehwaggon. Schauen Sie sich einen an, darin gibt es nichts. Nicht einmal eine Treppe, um hinauf zu kommen. 80 Menschen hat man hineingepfercht. Und weil die Sonne schien, war es entsetzlich warm, keine Fenster zum Lüften. Es gab einen Eimer zum Trinken und einen leeren Kübel als Toilette. Das war so schrecklich, drei Tage lang sind wir so gereist.

Was haben Sie gedacht, wo es hin geht?

Wir haben gedacht, wir kommen in ein Arbeitslager. Mein Vater war noch keine 50 Jahre alt und meine Mutter keine 40. Wir dachten, wir überleben das schon. Der Krieg war 1944 schon fast zu Ende, alle wussten, Deutschland wird nicht mehr gewinnen. Die Russen waren schon fast an der ungarischen Grenze.

Mit Ihrer Familie kamen Sie am 1. Juli 1944 in Auschwitz an. Was passierte dann?

Alles dort war sehr praktisch organisiert. Alle Menschen aus dem Zug mussten sich aufstellen. Und wurden selektiert, SS-Arzt Josef Mengele war auch dabei. Zuerst hat man Männer und Frauen getrennt. Die Männer waren dann einfach weg. Seither suche ich meinen Vater. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, ob ich überhaupt noch etwas zu ihm gesagt habe. Ich musste sehr aufpassen, damit ich überhaupt mit den Frauen aus meiner Familie zusammenbleibe. Es hieß die ganze Zeit: „Los, Los!“

Sind Sie Mengele begegnet?

Meine Cousine, mit ihrem sechs Monate alten Baby, meine Mutter, meine Schwester und ich, wir mussten uns in einer Fünfer-Reihe aufstellen. Schön langsam sollten wir gehen. Alles sollte ruhig bleiben, bloß kein Skandal. Bis wir den Posten erreichten, wo wir selektiert wurden. Meine Cousine hatte ihr Baby in einem Korb, ich stand neben meiner Cousine, die mir sehr ähnlich sah. Und meine Mutter stand mit meiner Schwester auf der anderen Seite des Korbes. Mengele schaute uns an und fragte mich und meine Cousine: „Seid ihr Schwestern?“ Wir haben Nein gesagt. Dann hat er uns getrennt, ich musste in die eine Richtung, alle Frauen meiner Familie in die andere Richtung.

Was passierte dann?

Dann war plötzlich alle Höflichkeit vorbei. Es wurde lauter. Von da an gab es immer nur noch Geschrei und Gerenne. Man hat uns immer angetrieben, mit der Peitsche. Eine Peitsche ist etwas sehr Überzeugendes. Auf einmal stand ich dann da mit kahl geschorenem Kopf und war splitternackt. Man wollte uns erniedrigen. Nackt und ohne Haare unter Tausenden Menschen war man nur noch ein Stück von etwas, kein Mensch mehr.

Die schlimmste Nacht: SS-Leute trieben Menschen mit Flammenwerfern

Wie hielten Sie das aus?

Ich hatte Glück. Ich entdeckte, dass zwei Mädchen aus meiner Schule auch in Auschwitz waren. Ich war von uns dreien mit 18 die Älteste, die beiden waren 17 und eine Klasse unter mir. Uns war schnell klar, wenn wir leben wollen, müssen wir Auschwitz verlassen und in ein Arbeitslager. Dafür musste man sich noch einmal selektieren lassen, beweisen, dass man arbeitsfähig ist.

Haben Sie zwischendrin den Mut verloren?

Es gab eine Nacht vom 2. auf den 3. August. Bekannt als die Nacht des Porajmos, dem Mord an 4000 Sinti und Roma in Auschwitz. Der Lagerabschnitt B wurde in der Nacht von der SS umstellt, ich war im Abschnitt E. Ich sah zum Glück nichts, aber ich hörte alles. Und ich sage immer, dass diejenigen, die das gemacht haben, ihr Leben lang und noch danach nichts anderes hören sollen als das, was wir in dieser Nacht gehört haben.

Die SS hat die Menschen mit Flammenwerfern in das offene Feuer und in die Gaskammern getrieben. Die Menschen wussten, dass ihnen der Tod bevorsteht. Sie haben versucht, sich zu wehren, haben geschrien. Hunde bellten und die SS hat die Hunde noch auf die Leute gehetzt. Kinder waren dabei, viele, viele Kinder.

Hat man Ihnen auch eine Nummer tätowiert?

Nein, dazu hätte ich länger in Auschwitz bleiben müssen. Ich bin ja nach sechs Wochen, am 13. August 1944 rausgekommen, das Datum ist heute mein zweiter Geburtstag. Wir wurden nach Allendorf in Hessen gebracht und mussten dort in einem Sprengstoffwerk arbeiten.

Wie haben Sie das geschafft, nach sechs Wochen noch arbeitsfähig auszusehen?

Als ich nach Auschwitz kam, wog ich bei einer Größe von 1,76 Metern 70 Kilogramm. Am Ende waren es keine 40 Kilogramm mehr. Aber die Granaten, die ich in Allendorf schleppen musste, wogen 50 Kilogramm.

Wie viel mussten Sie arbeiten?

Am Anfang als es noch viel Material gab, musste ich drei Schichten durcharbeiten. Das war am schlimmsten. Als es weniger Material gab, nur noch zwei, später als der Krieg schon fast zu Ende war, nur noch eine Schicht.

Waren Sie noch mal dort?

Ja, nach 45 Jahren hat uns Allendorf, heute heißt es Stadtallendorf, noch einmal eingeladen. Und wir haben erst gezögert. Aber es war gut, dass wir gefahren sind. Wir haben ein neues Deutschland kennengelernt.

Wie ging es für Sie nach dem Krieg weiter?

Ich bin nach dem Krieg noch einmal zu unserem Elternhaus nach Debrecen gegangen. Dann habe ich erst entdeckt, dass niemand mehr aus meiner Familie lebt. Der Garten meiner Mutter war ganz durcheinander. Ich klingelte und ein Fremder kam an die Tür. Ich flehte ihn an, mich reinzulassen. Aber er hat mich zum Kuckuck geschickt und mir die Tür zugeschlagen.

Was waren das für Leute, die da gelebt haben?

Die haben in dem Haus alles von uns übernommen, nur den Besen haben sie nicht gefunden. Das Haus war in einem jämmerlichen Zustand.

Wie sehen Sie die Deutschen heute? Fühlen Sie Hass?

Nein, das nicht. Die Deutschen in meiner Generation sind immer noch taub und blind. Die zweite Generation war die erste, die nachgefragt und mich sogar um Entschuldigung gebeten hat. Die dritte Generation muss ich immer wieder davon überzeugen, dass ich nicht hasse. Hass führt nur wieder zu Hass. Damit will ich meine Seele nicht beschmutzen. Und den heutigen Kindern möchte ich sagen, ich hasse sie nicht, aber sie müssen wissen, was damals passiert ist.

Sollte jeder Deutsche einmal Auschwitz besuchen? Es gibt Diskussionen darüber, ob zumindest alle Schüler einmal hinfahren sollten.

Das halte ich für sehr sinnvoll. Ein Konzentrationslager ist für einen normalen Menschen nichts Vorstellbares, man muss hingehen und sehen. Und die Konzentrationslager müssen bis in alle Ewigkeit erhalten bleiben.

Es gibt immer noch Antisemitismus in Deutschland, eigentlich fast überall auf der Welt…Überrascht Sie das nach dem Holocaust?

Nein, überhaupt nicht. Solange es einen einzigen Juden auf der Welt gibt, gibt es Antisemitismus. So ist die menschliche Natur.

Sie haben erst 2004 angefangen, über die Erlebnisse in Auschwitz zu sprechen. Warum?

Ich brauchte 59 Jahre dazu. Das ist typisch für ein Trauma, dass man lange nicht darüber sprechen kann. Es ist sehr schmerzhaft und die Seele arbeitet dagegen. Aber heute kann ich nicht mehr verstehen, wie ich so lange schweigen konnte.

Hilft Ihnen das Gespräch?

Ja, ich muss jeden Tag über den Holocaust sprechen.

Sie sind jetzt 95 Jahre alt. Machen Sie sich Sorgen, wenn Sie daran denken, dass in den nächsten Jahren alle Zeugen und Holocaust-Überlebenden sterben werden?

Nicht ich muss mir darüber Sorgen machen. Aber ich habe viel Vertrauen in die Deutschen, dass sie den Holocaust nie vergessen. Ich glaube, kein guter deutscher Patriot möchte, dass Deutschland in der Geschichte nur als das Land in Erinnerung bleibt, das den Holocaust erfunden hat.

Sind Sie noch mal in Auschwitz gewesen?

Ja, bestimmt schon achtmal. Ich frage mich immer wieder, wie so etwas passieren konnte. Ich suche dann etwas, eine Antwort, eine Erklärung.

Können Sie sich vorstellen, dass sich so etwas wie der Holocaust wiederholt.

Ich kann es mir nicht nur vorstellen – ich weiß es. Es wird irgendwo in der Welt wiederkommen. Deshalb fahre ich immer wieder nach Auschwitz, damit ich die Anfänge verstehe. Damit ich verstehe, wie der Hass entsteht.

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