Arbeitslosengeld

Bürgergeld: Gesunde Ernährung ist mit dem Satz kaum möglich

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So sieht das neue Bürgergeld aus

So sieht das neue Bürgergeld aus

Ab Januar heißt Hartz IV nicht mehr Hartz IV, sondern Bürgergeld. Neben dem neuen Namen gibt es noch weitere Änderungen. So soll der Regelsatz auf 502 Euro steigen und die Sanktionen fallen künftig milder aus.

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Berlin.  Mehr Geld, mehr Zeit, mehr Bildung: Das Bürgergeld soll vieles erleichtern. Warum es für eine gesunde Ernährung trotzdem nicht reicht.

„Armut ist ein Gesundheitsrisiko“, stellt die Heinrich Böll Stiftung fest. Wer 60 Prozent weniger als das nationale Mittel verfügt, gilt in Deutschland als arm. Dazu zählen Menschen, die Hartz IV beziehen. Nach einer Analyse von 2021 vermutet die Heinrich Böll Stiftung, dass viele Menschen, die in Armut leben, sich nährstoffarm ernähren. Obst und Gemüse sind zu teuer, um sie sich täglich leisten zu können. Damit das Geld reicht, kaufen Menschen in Armut häufig entweder weniger oder qualitativ schlechtere Lebensmittel ein – und das kann krank machen.

Hartz IV und niedriges Einkommen: Übergewicht und höheres Sterberisiko

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des Robert Koch-Instituts von 2018. Sie stellt fest, dass Kinder aus sozialschwachen Familien drei- bis viermal häufiger von Übergewicht betroffen sind.

Auch die Lebenserwartung steigt mit dem Verdienst: Das Sterberisiko bei Männern zwischen 30 und 59 Jahren aus dem am schlechtesten verdienenden Fünftel ist um 150 Prozent höher ist als bei Männern aus dem am besten verdienenden Fünftel, wie wiederum Forschende des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung herausfanden.

Aus dem Arbeitslosengeld II, umgangssprachlich Hartz IV, wird zum Jahreswechsel das Bürgergeld. Damit sollen die Menschen mehr Geld zur Verfügung haben. Aber reicht es auch aus, um sich gesund zu ernähren?

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Mehr Sozialleistungen mit dem Bürgergeld

Zum 1. Januar 2023 soll das Bürgergeld in Kraft treten und Menschen helfen, sich schneller in die Arbeitswelt zu integrieren. Damit sich die Betroffenen auf die Jobsuche konzentrieren können, sollen Miete und Heizkosten für die ersten zwei Jahre übernommen werden. Auch die Regelsätze werden erhöht: Alleinstehende sollen pro Monat 502 statt 449 Euro bekommen.

Eine gesunde Ernährung mit Bürgergeld nicht möglich

Trotzdem reicht der Regelsatz für eine gesunde Ernährung nicht aus. Laut der Landeszentrale für politische Bildung BW sind bei Hartz IV von den monatlichen 449 Euro 34,7 Prozent, also 155,82 Euro, für Nahrung vorgesehen. Auf den Tag gerechnet, ergibt das rund 5,15 Euro. Nimmt man die Prozentzahlen des Hartz-IV-Regelsatzes, würde das bei einem Bürgergeld in der Höhe von 502 Euro rund 5,75 Euro für Nahrung pro Tag ergeben. Das wären 12 Prozent mehr für Nahrungsmittel. Bei einer Inflation von 16 Prozent innerhalb eines Jahres weiterhin zu wenig.

Inflation beim Bürgergeld von der Bundesregierung nicht mitgedacht

„Von 502 Euro im Monat bei galoppierender Inflation leben zu müssen – das ist definitiv nicht ausreichend“, schreibt VdK-Präsidentin Verena Bentele in einem Statement zum Bürgergeld auf der Homepage des Sozialverbands. Sich von 5,75 Euro am Tag zu ernähren, ist eine Herausforderung. „Jetzt, da schon ein Stück Butter 3 Euro kostet, reicht es vielleicht noch für eineinhalb Mahlzeiten am Tag“, bemängelt Bentele.

Eine gesunde Ernährung ist damit so gut wie ausgeschlossen. Bereits 2020, also vor dem Krieg gegen die Ukraine und der höchsten Inflation seit 28 Jahren, stellte eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes fest, dass der Nahrungssatz bei Hartz IV bei Männern um 30 Prozent und bei Frauen um 9 Prozent angehoben werden müsste, um sich gesund zu ernähren.

In einer Pressemeldung von Juli 2022 fordert der Verband nun ein Bürgergeld in Höhe von 678 Euro pro Monat. Laut den Berechnungen der Paritätischen Forschungsstelle könne nur so eine armutsfeste Grundsicherung geleistet werden. „Was es braucht, ist eine sanktionsfreie Grundsicherung in einer Höhe, die nicht nur existentielle Grundbedürfnisse abdeckt, sondern auch Teilhabe ermöglicht”, verlangt Werner Hesse, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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