Konflikte

Corona-Krise: Steigt während der Kontaktsperre die Gewalt?

Experten sind alarmiert: Während der Corona-Krise könnte es zu mehr häuslicher Gewalt kommen.

Experten sind alarmiert: Während der Corona-Krise könnte es zu mehr häuslicher Gewalt kommen.

Foto: imago stock&people

Berlin.  Experten schlagen Alarm: Viele Familien reagieren mit Stress und Gewalt auf die Kontaktsperre. Wer jetzt gefährdet ist - und warum.

Deutschland bleibt zu Hause. Die verschärfte Kontaktsperre zwingt die Menschen in die eigenen vier Wände.

Doch was passiert dort eigentlich? Nicht alle Familien sehen die Auszeit vom Alltag gelassen. Isolation kann Stress auslösen und Menschen gefährden. Experten rechnen mit einer Zunahme von häuslicher Gewalt und schlagen Alarm: Für viele Familien werden die nächsten Wochen mehr als hart.

Corona-Krise: Kommt es jetzt zu mehr Gewalt in den Familien?

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) ist alarmiert: „Einerseits gibt es Eltern, die jetzt mehr Zeit gemeinsam mit ihren Kindern verbringen können. Andererseits können die Betreuung der Kinder zu Hause, Ausgehbeschränkungen und Quarantänemaßnahmen auch Probleme bereiten.“

Sorgen um die Gesundheit, Existenzängste, wenig Ablenkungsmöglichkeiten und viel Zeit auf engem Raum könnten für Familien zur enormen Belastung werden. „Druck und Konflikte können gerade in ohnehin besonders belasteten Familien auch in Gewalt gegen Kinder und Jugendliche münden“, sagte Giffey unserer Redaktion.

Corona-Krise: Experten warnen vor wachsendem Alkoholkonsum

Alarmiert reagiert auch das Deutsche Kinderhilfswerk: „Viele Familien werden an ihre Grenzen geraten, vor allem wenn zusätzliche Stressfaktoren zusammenkommen: Es ist einfacher, sich auf 120 Quadratmetern und einem großen Garten aus dem Weg zu gehen, als in einer 60-Quadratmeter-Etagenwohnung“, warnt Geschäftsführer Holger Hofmann.

Aber: „Fälle von psychischer und körperlicher Gewalt gegen Kinder werden in den nächsten Wochen quer durch die Gesellschaft deutlich zunehmen – nicht nur dort, wo Familien bereits vorher schon auffällig waren.“

Experten warnen zudem vor wachsendem Alkoholkonsum in der Zeit der Kontaktsperre: Isolierte Menschen neigten dazu, mehr zu trinken, weil die soziale Kontrolle fehle. Bereits jetzt geschehe die Hälfte aller Gewalttaten in Deutschland unter Alkoholeinfluss. Deutschland zählt laut Drogenbericht der Bundesregierung zu den Ländern, in denen besonders viel Alkohol getrunken wird.

Wer hilft gefährdeten Kindern und Jugendlichen?

Das Problem: Die staatliche Kontaktsperre schneidet gefährdete Kinder von ihren Helfern ab. „Viele Kinder haben jetzt keine Ansprechpartner mehr außerhalb der Familie. Wenn sie Schwierigkeiten haben, sind sie sich selbst überlassen. Ohne den Kontakt zu Erziehern, Lehrern und Sozialarbeitern werden wir vieles, was in den Familien passiert nicht mitbekommen“, warnt Hofmann.

Beim Kinderhilfswerk beobachten sie zudem mit Sorge, dass viele Jugendämter gerade ihr Angebot herunterfahren: Viele seien schon gar nicht mehr erreichbar. „Das ist gefährlich. Die Jugendämter dürfen jetzt auf keinen Fall ihr Angebot reduzieren. Im Gegenteil: Der Staat hat eine Fürsorgepflicht. Genauso, wie die Kliniken die Zahl der Intensivbetten steigern, müssen auch die Jugendämter jetzt ihr Angebot ausweiten.“

Die Zahl der Notunterkünfte für gefährdete Kinder und Jugendliche müsse deutlich größer werden. „Die Jugendamtsmitarbeiter sollten während der Corona-Krise nicht nur bereits auffällige Familien begleiten, sondern auch bei denen regelmäßig nachfragen, wo die Belastung hoch ist und Überforderung droht, zum Beispiel bei Alleinerziehenden.“

Giffey: Beratungsangebote sollen verstärkt werden

Giffey geht davon aus, dass sich die Jugendämter auf die Lage einstellen: Der Bund unterstütze die Behörden der Länder und die sozialen Dienste, flexible Lösungen zu finden, um Familien vor Ort zu helfen.

Die Ministerin kündigte an, dass Beratungsangebote wie die „Nummer gegen Kummer“ (116 111) für Kinder und Jugendliche oder das Elterntelefon (0800 111 0550) verstärkt würden. Zudem würden niedrigschwellige Hilfsangebote für Kinder, Jugendliche und Eltern im Netz ausgebaut. Solche Angebote werden verstärkt genutzt – in den vergangenen Jahren erlebten Hilfe-Telefone einen Boom.

Wo gibt es noch sichere Zufluchtsorte für Frauen?

Doch nicht nur Kinder und Jugendliche sind stärker als sonst gefährdet. Experten rechnen auch mit einer deutlichen Zunahme häuslicher Gewalt gegen Frauen.

Das Problem: Auch hier sind die Hilfsmöglichkeiten durch die Corona-Krise geschrumpft. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (08000 116 016) ist zwar weiterhin rund um die Uhr besetzt, allerdings zeichnet sich bereits ab, das die Berater betroffene Frauen nicht mehr wie sonst an Hilfseinrichtungen vor Ort vermitteln können.

„Immer mehr Einrichtungen vor Ort schließen und sind dann nur telefonisch erreichbar“, heißt es beim Hilfetelefon.

In Frauenhäusern ist die Lage heikel

Heikel ist auch die Lage in den Frauenhäusern. Schon vor der Corona-Krise gab es zu wenige Plätze, viele Einrichtungen haben einen Aufnahmestopp verhängt. Giffey will nun mit den Ländern nach kurzfristigen Lösungen suchen.

Vorbild könnte die Stadt Kassel sein – dort wurden nun drei zusätzliche Appartements angemietet, um Frauen in Not unterbringen zu können.

Auch Sozial-Träger sollen von Corona-Hilfen profitieren

Um das Netz der sozialen Dienste auch in der Krise zu erhalten, sollen freie Sozialträger von der staatlichen Corona-Hilfe profitieren: Sie erhalten mit dem Sozialschutzpaket weiterhin Geld vom Bund und sind zugleich angehalten, ihre Ressourcen dort einzusetzen, wo es jetzt nötig ist: „Zum Beispiel mit telefonischer Beratung, Familienhilfen oder Hilfen für ältere Menschen bei der Versorgung mit Lebensmitteln“, so Giffey.

Nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbands sind durch den Schutzschirm 75 Prozent der durchschnittlichen Ausgaben der betroffenen sozialen Dienste und Einrichtungen abgesichert. Blinde Flecken gebe es aber noch bei Mutter-Kind-Kurheimen sowie bei den Jugendherbergen, für die bisher kein Schutzschirm greife.

Wie hart trifft die Corona-Sperre arme Familien?

Beispiel Mittagessen: Kinder aus armutsgefährdeten Familien haben Anspruch auf ein kostenloses Essen in der Kita oder der Schule.

Fällt das in der Corona-Krise weg, stehen viele Eltern und Alleinerziehende vor massiven Problemen: Zusätzliche warme Mahlzeiten für zwei oder drei Kinder sind in vielen Budgets nicht eingeplant.

Der Kinderschutzbund fordert daher zusätzliches Essensgeld für armutsgefährdete Familien – konkret: 90 Euro pro Kind und Monat, so lange die Kitas und Schulen dicht sind. Es wäre eine Lösung für alle Kinder, deren Eltern Hartz-IV beziehen oder als Geringverdiener Anspruch auf Kinderzuschlag haben.

Kinderzuschlag kann leichter bezogen werden

Die Bundesregierung dagegen konzentriert sich bei ihren Maßnahmen bislang nur auf die Bezieher von Kinderzuschlag: Hier soll die Berechnungsgrundlage bis Ende September geändert werden.

Ab April müssen Familien, die einen Antrag auf den Kinderzuschlag stellen, nicht mehr das Einkommen der letzten sechs Monate nachweisen, sondern nur das Einkommen des letzten Monats vor der Antragstellung. Derzeit sind etwa zwei Millionen Kinder anspruchsberechtigt. Pro Kind kann das monatlich bis zu 185 Euro zusätzlich bedeuten.

Beim „Home-Schooling“ fehlt es an Computern

Beispiel Unterricht: Die meisten Schulen versorgen Kinder und Jugendliche über Mails, Messenger-Dienste und digitale Lernplattformen mit Unterrichtsstoff und Prüfungsaufgaben. Kein Problem für Familien, in denen jedes Kind seinen eigenen PC hat.

„Doch das ist Oberschichts-Denken“, kritisiert Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes. In vielen Familien gebe es gerade mal einen PC, der in Zeiten von Corona zudem viel von Eltern im Homeoffice genutzt werde.

„Helfen könnte die Bereitstellung von Leihgeräten durch den Staat, die sich über das Mobilfunknetz mit dem Internet verbinden können. Die Kosten hierfür müssten ebenfalls staatlich getragen werden“, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE).

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