Parteitag

Der Unmut in der FDP wächst – vor allem unter den Frauen

Lindner wirft Merkel mangelnde Führung vor

Auf dem FDP-Parteitag in Berlin hat der Parteivorsitzende Christian Lindner Kanzlerin Angela Merkel Führungsschwäche vorgeworfen. Mit Merkels "Zögerlichkeit" hätte es die deutsche Einheit nie g...

Auf dem FDP-Parteitag in Berlin hat der Parteivorsitzende Christian Lindner Kanzlerin Angela Merkel Führungsschwäche vorgeworfen. Mit Merkels "Zögerlichkeit" hätte es die deutsche Einheit nie g...

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Berlin  Ein halbes Jahr nach dem Jamaika-Aus brechen bei den Liberalen die Konflikte offen aus. Viele Frauen fühlen sich nicht ernst genommen.

Es ist neun Uhr morgens, der Bundesparteitag der FDP hat noch nicht begonnen, da versammeln sich rund 100 liberale Frauen in einem Seitentrakt des Tagungszentrums in der Berliner Station am Gleisdreieck.

Es ist kein konspiratives Treffen, es ist der Anfang eines Rettungsversuchs: Die jüngsten Mitgliederzahlen haben die FDP aufgeschreckt. Der Anteil der Frauen ist mit gut 20 Prozent auf ein historisches Tief gesunken. Eine Umfrage unter den weiblichen Mitgliedern zeigt: Nicht einmal die Hälfte findet, dass die FDP attraktiv für Frauen ist, jede fünfte Frau fühlt sich nicht ernstgenommen.

Die Liste der Klagen ist lang an diesem Samstagmorgen: Führungsämter würden nachts um drei Uhr im Hinterzimmer ausgekungelt, kritisiert eine Liberale. Beim Stammtisch des Ortsverbands säßen immer die gleichen zehn alten Männer, beklagt eine andere. Draußen im Land hielten sie die FDP immer noch für die Partei der Reichen, ärgert sich eine dritte.

Die Frauen, die sich hier zu Wort melden, kommen aus ganz Deutschland, aus Ortsverbänden, Kreisvorständen, bis hoch zur Parteispitze. Generalsekretärin Nicola Beer ist dabei, auch Parteivize Katja Suding. Die Hamburger Landeschefin ist überzeugt: „Die Art, wie wir Politik machen, wäre anders, wenn es mehr Frauen in der FDP gäbe.“ Aber, dämpft Suding die Erwartungen, mehr Frauen in der Partei bedeute nicht gleich mehr weibliche Wähler.

Kontroverse in der Russland-Politik

Der Unmut ist bei vielen groß – und es ist kein Zufall, dass er ausgerechnet jetzt aufbricht. Die Zeit der hermetischen Geschlossenheit bei den Freien Demokraten ist vorbei. Acht Monate nach dem Wiedereinzug der FDP in den Bundestag, ein halbes Jahr nach dem Jamaika-Aus ist Schluss mit dem kollektiven Stillhalten.

Der Streit um die Russlandpolitik hatte in den vergangenen Wochen bereits die politische Männerfreundschaft zwischen Parteichef Christian Lindner und seinem Vize Wolfgang Kubicki auf die Probe gestellt. Während Kubicki einen Vorstoß aus Thüringen unterstützt, der die Wirtschaftssanktionen beenden will, spricht sich Lindner zwar für einen Dialog mit Russland aus, will aber an den Sanktionen festhalten. Kubicki dagegen argumentiert, dass die Sanktionen „keine erkennbaren Fortschritte“ gebracht hätten.

Gut so, sagt ein Abgeordneter über den offen ausgetragenen Streit. Die „Konsens-Soße“ der letzten Jahre dürfe ruhig mal Würze bekommen. Klar, die neue FDP sei deshalb so erfolgreich ins Parlament zurückgekehrt, weil sie anders als früher geschlossen auftrat. Aber: „Ich bin froh, dass es den Kubicki gibt.“ Immerhin ist der Haudegen aus Kiel der einzige, der Lindner derzeit öffentlich widerspricht.

Hinzu kommt: Der Streit um die Russlandpolitik und das eklatante Frauenproblem holt die FDP zumindest für den Moment aus der Aufmerksamkeitsflaute, die herrscht, seit sich Lindners Truppe im November gegen das Regieren entschieden hatte.

Während die anderen Oppositionsparteien seit dem Start der neuen GroKo in den Umfragen wuchsen, sind die Werte der FDP zurückgegangen – die Liberalen liegen nur noch bei rund neun Prozent. Sicher, Lindner sitzt in Talkshows, Alexander Graf Lambsdorff ist ein gefragter Außenexperte, auch bei Finanzthemen sind die Liberalen auf Sendung. Doch zwischen der steilen Wahlkampfrhetorik der selbsternannten Deutschland-Erneuerer und dem politischen Alltag klafft eine eklatante Lücke. Die größte Schlagzeile der letzten Wochen? Kein politischer Vorstoß, sondern Lindners Ehe-Aus nach sieben Jahren.

Lindner fremdelt mit der Frauenfrage

Auch der Parteichef beeilt sich deswegen, dem Zwist mit Kubicki nur Positives abzugewinnen: Streit, sagt er, „ist notwendig, damit es spannend wird“. Und spannend muss es bleiben, damit seine Partei im Gespräch bleibt. Schließlich will der Parteichef die FDP „als zweistellige liberale Kraft etablieren“, wie er am Samstagmittag unter dem Jubel der Delegierten ankündigt.

Womit er schnell bei den Frauen ist – den fehlenden. „Wir haben hier ein ungehobenes Potential“, meint Lindner. Und skizziert die Strategie, mit der seine Partei Frauen ansprechen soll: Die FDP sei „die wirkliche Alternative für Frauen, die selbstbestimmt leben wollen“, die aber mit „Genderideologie“ nichts am Hut hätten.

Unter Hilfen für ein selbstbestimmtes Leben versteht Lindner jedoch nicht etwa besseren Lohn in typischen Frauenberufen, Konzepte gegen Altersarmut oder bessere Unterstützung für Alleinerziehende. Sein zentrales Versprechen zielt auf die Reproduktionsmedizin: Die Reform der Regelungen für Leihmutterschaften und die Abschaffung der Altersgrenze bei Kinderwunschbehandlungen. Hätte er den Frauen am Morgen zugehört, wüsste er jedoch: Sie wollen vieles, nur nicht immer auf ihre Rolle als Mütter reduziert werden.

Lindner fremdelt mit der Frauenfrage, das ist offensichtlich. Aber bei den Liberalen nimmt ihm das an diesem Tag niemand übel. Wenn aus der eigens eingesetzten Arbeitsgruppe für mehr Frauenbeteiligung der Vorschlag kommen sollte, „dass wir eine Doppelsitze machen, dann diskutieren wir das“, kündigt der Parteichef grinsend an. Aber umsetzen, nun ja, das solle dann mal sein Nachfolger machen, sagt er – und badet im wohlwollenden Gelächter seiner Parteifreunde.

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