Kriminalität

Drogenexperten sehen große neue Kokain-Welle in Europa

Die Menge an beschlagnahmtem Kokain hat sich laut dem Bericht der EU-Beobachtungsstelle innerhalb eines Jahres verdoppelt.

Die Menge an beschlagnahmtem Kokain hat sich laut dem Bericht der EU-Beobachtungsstelle innerhalb eines Jahres verdoppelt.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Brüssel  Laut EU-Drogen-Beobachtungstelle haben sich die Kokain-Spuren im Abwasser Berlins in drei Jahren verdoppelt. Furcht vor mehr Gewalt.

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Drogenexperten der Europäischen Union schlagen Alarm: Europa wird von einer neuen Kokain-Welle heimgesucht. Die Menge an beschlagnahmtem Kokain hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Und mindestens 18 Millionen Erwachsene in der EU haben das Rauschgift schon probiert.

Das geht aus dem Jahresbericht der EU-Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hervor, den EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos am Donnerstag in Brüssel vorstellte.

Kokain-Spuren im Berliner Abwasser in drei Jahren verdoppelt

Auch für Deutschland gibt es demnach beunruhigende Hinweise auf einen verstärkten Konsum des Rauschgifts: So hat sich die Menge der Kokainspuren, die im Berliner Abwasser gemessen wurden, innerhalb von drei Jahren verdoppelt. Und in Dortmund waren sie im selben Zeitraum um rund ein Drittel angestiegen – ein klares Indiz für massiv erhöhten Konsum in der Bevölkerung.

Noch sind die Ergebnisse für die Hauptstadt (340 Milligramm pro 1000 Einwohner) und die Ruhrgebiets-Kommune (409 Milligramm) weit entfernt von den Kokain-Hochburgen in Europa wie Amsterdam, in denen mehr als das Doppelte dieser Werte gemessen wird. Doch der Trend ist eindeutig: In Deutschland und ganz Europa wird immer mehr Kokain konsumiert.

Bei der Untersuchung war über einen Zeitraum von einer Woche die tägliche Menge an der Kokain-Substanz Benzoylecgonin erfasst worden. Von 38 untersuchten Städten in der EU zeigte sich in 22 eine deutliche Steigerung.

33 Kilo Kokain und vier Festnahmen

Kokain häufigste illegale Aufputsch-Droge in Europa

Generell heißt es in dem Bericht, Kokain sei die „am häufigsten konsumierte illegale Stimulans in Europa“. Sozial Bessergestellte schnupfen demnach vor allem Kokainpulver, andere Gruppen spritzen sich die gefährliche Droge oder rauchen sie als Crack.

Dabei sind die gesundheitlichen Risiken des früher als Schmerzmittel eingesetzten Kokain enorm, das Abhängigkeitspotenzial hoch. Schon der erste Rausch kann zur Sucht führen, später drohen unter anderem nicht heilbare Leber-, Nieren- und Lungenschäden. Der Konsum sei besonders in den süd- und westeuropäischen Staaten hoch, aber auch in Osteuropa entwickelten sich jetzt neue Märkte.

Wichtiges Indiz: Die Menge an beschlagnahmtem Kokain in Europa hat einen Rekordstand erreicht – 2017 stellten Fahnder in der Europäischen Union 140,4 Tonnen sicher, doppelt so viel wie im Vorjahres-Zeitraum. Eine besondere Herausforderung sei ein groß angelegter Schmuggel in Schiffscontainern.

Besorgt zeigen sich die Experten über die zunehmend bessere Verfügbarkeit an Kokain für den Endverbraucher, die einen neuen Rekordstand erreicht habe. Dazu trägt der immer höhere Reinheitsgrad des Kokains bei seit Jahren weitgehend stabilen Preisen bei; für ein Gramm Kokain müssen Endkonsumenten im europäischen Durchschnitt 56 bis 76 Euro bezahlen, heißt es in dem Bericht.

„Kokain-Callcenter“ bieten schnelle und flexible Lieferung

Und: Die Lieferketten haben sich dank Darknet, Verschlüsselungstechnik, sozialen Medien und Kryptowährung verändert – es gebe als „innovative Verkaufsstrategie“ inzwischen regelrechte „Kokain-Callcenter“. Der Bericht spricht in Anspielung auf den Fahrdienstvermittler-Uber von einer „Uberisierung des Kokainhandels“.

Befördert durch die Verbreitung von Smartphones habe sich ein wettbewerbsfähiger Markt entwickelt, in dem Verkäufer miteinander konkurrierten, indem sie zusätzliche Dienstleistungen wie eine „schnelle und flexible Lieferung“ anbieten.

Allerdings befürchten die Drogen-Experten deshalb auch, dass wachsende Konkurrenz zu einer Brutalisierung des Kokainmarktes führt; Hinweise darauf gibt es vor allem in den Niederlanden und Belgien mit den Häfen Rotterdam und Antwerpen, die als Hauptumschlagplatz für Kokaineinfuhren nach Europa gelten.

Deutsche Fahnder sprechen mit Blick auf das Kokain-Angebot schon vom „Tsunami aus Südamerika“. Große Produktionsmengen in Staaten wie Kolumbien, Peru und Bolivien sorgen demnach für die Schwemme in Europa.

Erst vor wenigen Wochen wurde in Bananenkisten von Aldi in Mecklenburg-Vorpommern eine halbe Tonne Kokain im Wert von 25 Millionen Euro gefunden – die Kartons, die in sechs Aldi-Filialen und einem Logistikzentrum sichergestellt wurden, waren per Schiff aus Lateinamerika nach Deutschland gekommen.

Forschung: Flusskrebse auf Kokain: Forscher finden Drogen in Flüssen

Mehr synthetische und stärkere Drogen entdeckt

Der Drogenbericht verweist aber auch auf die bedenkliche Entwicklung bei synthetischen Drogen. Von einer Opioid-Epidemie wie in Nordamerika sei Europa zwar noch entfernt, die Herstellung solcher Substanzen nehme aber zu: Im vergangenen Jahr sei in der EU etwa jede Woche eine neue psychoaktive Substanz gemeldet worden.

Als „besonders besorgniserregend“ nennt der Bericht die Entdeckung von Produktionslaboren und Abfallanlagen sowie den Wirkstoffgehalt und die Vielfalt der synthetischen Drogen. Es gebe immer mehr Anzeichen, dass Europa auf dem Weltmarkt für synthetische Drogen eine wichtige Rolle spiele.

Auch hier brachten Abwasseranalysen der EU-Drogenbeobachtungsstelle beunruhigende Befunde, gerade für Deutschland. So wurden die höchsten Rückstande an dem gefährlichen Crystal Meth in Erfurt, Chemnitz und Dresden gemessen – in räumlicher Nähe zu den Produktionslabors in Tschechien und Polen.

Am weitesten verbreitete Droge ist nach wie vor Cannabis

Während die Verbreitung auch der synthetischen Drogen zunimmt, ist die Bedeutung des unter den harten Rauschmitteln lange dominierenden Heroin stark gesunken. Die am weitesten verbreitete Droge in Europa ist nach wie vor Cannabis.

Mehr als jeder vierte Erwachsene hat es in seinem Leben bereits probiert, so der EU-Drogenbericht. Vor allem deshalb erklären 29 Prozent der EU-Bürger, sie hätten schon einmal illegale Drogen genommen. Jährlich müssen sich aber auch rund 1,2 Millionen Menschen in der EU wegen Drogenmissbrauchs medizinisch behandeln lassen.

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