Schule

Ein Jahr Inklusion in NRW - viele Probleme in der Praxis

Inklusion ist bereits an vielen Schulen Alltag. Doch hakt es oft noch bei der alltäglichen Organisation des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nicht-behinderten Kindern, ergab eine Umfrage der Bildunsgewerkscjaft GEW in NRW.

Inklusion ist bereits an vielen Schulen Alltag. Doch hakt es oft noch bei der alltäglichen Organisation des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nicht-behinderten Kindern, ergab eine Umfrage der Bildunsgewerkscjaft GEW in NRW.

Foto: imago/Michael Schick

Essen/Düsseldorf.   Ein Jahr Rechtsanspruch auf gemeinsames Lernen. Viele Probleme in der Praxis. Eltern und Lehrer kritisieren Tempo der Umsetzung und fehlende Stellen.

Lehrer und Eltern sind zwar vom grundsätzlichen Ziel der Inklusion mehrheitlich überzeugt, doch im Alltag des gemeinsamen Lernens von behinderten und nicht behinderten Kindern sehen sie noch große Schwierigkeiten. Das bestätigt auch die Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an den Schulen des Landes, die am Dienstag vorgestellt wurde.

Ein Jahr, nachdem die rot-grüne Landesregierung im Schulgesetz einen Rechtsanspruch auf Regelbeschulung auch für Kinder mit Behinderung verankert hat, fehlen offenbar mindestens 6500 Sonderpädagogen, entsprechende Klassenräume, Beratungsstrukturen und Personal, um gemeinsamen Unterricht in kleineren Lerngruppen zu organisieren.

Das sind die zentralen Ergebnisse der repräsentativen Online-Umfrage unter allen 6500 Schulen in NRW. Unter den derzeitigen Bedingungen sei der Erfolg der schulischen Inklusion in Gefahr, meint Dorothea Schäfer, GEW-Vorsitzende in NRW.

Kritik am Stellenbudget des Landes

An vielen Schulen fehlen noch Fachkräfte, die gemeinsam mit einem Lehrer den täglichen Unterricht gestalten. Auch fühlen sich viele Pädagogen unzureichend auf die Anforderungen der Inklusion vorbereitet. Das Stellenbudget reiche hinten und vorne nicht, meint auch Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Die vom Land eingeplanten 3200 zusätzliche Lehrerstellen reichten nicht aus.

Von dem Prinzip, dass die Starken die Schwachen stützen, wie es die Inklusion vorsieht, hält eine Lehrerin aus Essen, die anonym bleiben will, wenig. Ihrer Meinung nach würden die stärkeren Schüler dabei nicht mehr ausreichend gefördert. „Das Niveau geht von Jahr zu Jahr herunter“, klagt sie. Das habe nicht nur mit der Inklusion, sondern auch mit der Schließung von Hauptschulen zu tun. „Wir unterrichten quasi auf Hauptschulniveau und das alles auf dem Altar der Inklusion“, sagt die Realschullehrerin. Kollegen würden sich jedoch kaum trauen, Kritik zu äußern, aber die Zustände vor Ort seien oft chaotisch.

Lehrerin: Das Niveau des Unterrichts sinkt

Sie bemängelt auch, dass die Förder- und Regelschüler zwar gemeinsam unterrichtet werden, aber beispielsweise unterschiedliche Zeugnisse bekommen – die einen mit, die anderen ohne Noten, das sei „positive Diskriminierung“, sagt die Essener Lehrkraft. Unternehmen fänden keine guten Auszubildenden mehr, Universitäten klagten, die Erstsemester bedürften einer weiteren Förderung – für sie alles Indizien für eine schlechte Vorbereitung der Schüler.

Die Lehrer fordern kleinere Klassen, behindertengerechte Schulgebäude, eine Doppelbesetzung im Unterricht und den Erhalt der Förderschulen, ergab bereits im Mai eine Forsa-Umfrage im Auftrag des VBE unter 1000 Pädagogen. Die Bildungsgewerkschaft GEW teilt diese Einschätzung: „Es fehlen Sonderpädagogen“, sagte die stellvertretende Vorsitzende Maike Finnern. „Aber auch Sozialpädagogen und Schulpsychologen für die Flüchtlingskinder“. Die Belastung der Lehrer sei enorm. Der Wegfall der Hauptschulen, die hastig umgesetzte Inklusion und die zunehmende Belastung der Lehrer durch die Flüchtlingskinder gefährdeten die angestrebten Bildungsstandards.

Auch Eltern sind unzufrieden

Viele Eltern stimmen in die Kritik ein. Der ganze Prozess verlaufe zu hastig. Nach einer Umfrage der Berliner Humboldt-Universität an inklusiven Schulen in NRW sind fast 90 Prozent der Eltern unzufrieden, wie der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern in der Praxis läuft. 74 Prozent beklagten ein zu hohes Tempo beim Umsteuern.

Viele Eltern machen zudem die Umsetzbarkeit der Inklusion von der Art der Behinderung der Schüler abhängig. Die Mehrheit der Eltern ist dafür ist, dass Kinder mit körperlich-motorischer Beeinträchtigung, aber auch mit Sprach- und Lernschwierigkeiten gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf lernen sollten. Weniger Vertrauen in die Möglichkeiten der Inklusion haben sie, wenn es um Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten oder geistigen Behinderungen geht, ergab jüngst eine Studie der Bertelsmann Stiftung.

Die Untersuchung brachte aber auch ans Licht: Je mehr Berührungspunkte die Eltern mit inklusivem Unterricht haben, desto größer wird die Akzeptanz. Kurz: Wer die Inklusion kennt, etwa schon aus der Kitazeit, beurteilt sie insgesamt positiver.

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