US-Wahl

Eine linke Hoffnung für die amerikanischen Demokraten?

Alexandria Ocasio-Cortez wirbt für ein linkes und tolerantes Amerika.

Alexandria Ocasio-Cortez wirbt für ein linkes und tolerantes Amerika.

Foto: DAVID DELGADO / REUTERS

Washington  In den USA sorgt Aktivistin und Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez für Euphorie. Kann sie womöglich die Wiederwahl Trumps verhindern?

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Wenn man sich das politische Terrain der amerikanischen Demokraten als Wüste vorstellt, dann ist Alexandria Ocasio-Cortez die Oase, in der Milch, Honig und Hoffnung fließen. Der kometenhafte Aufstieg der beeindruckend entschlossenen Frau ist im hässlichen amerikanischen Politikbetrieb das Sommermärchen 2018.

Vor Kurzem noch hat die 28-Jährige in einer New Yorker Bar Tacos und Tequila serviert. Heute wird ihr Charisma bereits zaghaft mit dem des jungen Barack Obama verglichen und beflügelt die Fantasien einer orientierungslosen Partei. Kann sie dieser so viele Wählerstimmen einbringen, dass eine zweite Amtszeit Donald Trumps durch einen demokratischen Kandidaten verhindert werden könnte? Sie selbst ist für dieses Amt, für das ein Mindestalter von 35 Jahren gilt, noch zu jung.

„Ich bin eine dieser Frauen, von denen man meint, sie hätten in der Politik nichts verloren“, heißt es in einem Video, mit dem sich die bodenständige Latina vor wenigen Wochen parteiintern mit Understatement für einen Sitz im Kongress in Washington bewarb.

Demokraten radikal verjüngen und nach links verschieben

Damals war die dunkelhaarige Frau, die ihr Lächeln gern mit rotem Lippenstift einrahmt, fast nur in ihrem Wahlkreis in der New Yorker Bronx ein Begriff. Ihre aus Puerto Rico stammende Mutter hatte in das Armenhaus des Schmelztiegels eingeheiratet.

Seit Ocasio-Cortez dort mit großem Vorsprung das Vorwahlticket für den 6. November gewann und dabei ihren Konkurrenten Joe Crowley, einen seit 20 Jahren amtierenden politischen Goliath mit mehr Geld und besseren Verbindungen förmlich pulverisierte, ist die bekennende „demokratische Sozialistin“ zur Lichtgestalt mutiert.

Nur zu gern liest der progressive Teil der personell, finanziell und programmatisch ausgemergelten Partei, die 20 Monate nach dem Wahlsieg Donald Trumps noch immer nach einer neuen Erkennungsmelodie gegen die Depressionen des Hillary-Clinton-Blues sucht, das lokale Ereignis als Botschaft mit nationaler Ausstrahlung.

Sprich: als Wink mit dem Zaunpfahl, die betagten und vielen als verschlissen und konturlos geltenden Granden an der Spitze – Nancy Pelosi und Chuck Schumer – auszumustern und die Demokraten radikal zu verjüngen und nach links zu verschieben.

Das Gegenteil von Trump

Wie ihr großväterlicher Mentor Bernie Sanders, für den sie 2016 gegen Clinton Präsidentschafts-Vorwahlkampf machte, vertritt die studierte Politologin und Ökonomin einen Kurs, der in Europa unter „gemäßigt sozialdemokratisch“ laufen würde.

Der in den USA gleichwohl bis tief in die demokratische Partei hinein Ängste vor einem staatssozialistischen Gängelkurs auslöst: gebührenfreie öffentliche Universitäten, gesetzliche Krankenversicherung für alle, Mindest-Stundenlöhne von 15 Dollar aufwärts, eine Job-Garantie für Menschen, die auf dem herkömmlichen Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sind, und Sozialleistungen wie Erziehungsurlaub und Krankengeld.

Dazu tritt sie vehement für schärfere Waffengesetze, ein hautenges Korsett für Politikerspenden und eine Einwanderungspolitik mit humanem Antlitz ein. Weswegen sie die als rabiat geltende Grenz- und Zoll-Polizei ICE, Trumps Lieblingsspielzeug, sofort abschaffen würde.

Euphorie-Welle schrumpft

Alexandria Ocasio-Cortez ist trotz ihres Alters keine Novizin. Schon als Schülerin sorgte sie bei Wettbewerben mit Überzeugungskraft für Furore. Neben dem Studium an der Universität von Boston in Wirtschaftswissenschaften und Internationalen Beziehungen arbeitete sie für den verstorbenen demokratischen Senator Ted Kennedy.

Als der Vater, ein Architekt, an Krebs starb, engagierte sie sich in ihrem Heimat-Kiez Bronx als Sozialarbeiterin und Lehrerin und gründete einen Kinderbuchverlag. Noch heute stottert sie den Kredit für ihre Studiengebühren ab und teilt damit das Schicksal von Hunderttausenden, die ihren Start ins Berufsleben aus dem Schuldensumpf versuchen müssen.

Befürworter sehen in ihr eine glaubwürdige Stimme, die aus der gewaltigen Gruppe der enttäuschten Nichtwähler (Schwarze, Latinos, junge Erwachsene mit und ohne Bildung, Frauen) jene „drei, vier oder fünf Millionen an die Urnen locken kann, die am Ende den Ausschlag geben“. Die Gegenbewegung sieht in dem programmatischen Linksruck von Ocasio-Cortez einen Sargnagel.

Tenor: Eine linke Wende – schön und gut. Aber wie viele Wähler in der Mitte werden die Demokraten damit vergrätzen, was am Ende Trump helfen könnte? Tatsache ist: Die noch zu Jahresbeginn mächtig erscheinende Euphorie-Welle über einen bevorstehenden „blauen“ Siegeszug bei den Zwischenwahlen am 6. November (Blau ist die Farbe der Demokraten) ist je nach Umfrage zum Bächlein oder gar Rinnsal geschrumpft.

Zeit ist reif für eine Revolution

Was bedeutet: Es kann sein, dass die Demokraten eine der beiden Kongresskammern erobern werden, was Trump den Garaus machen könnte, weil dann vermutlich ein lähmendes Amtsenthebungsverfahren eingeleitet würde. Es kann aber genauso gut sein, dass fallende Arbeitslosigkeits- und steigende Konjunkturzahlen sowie der Kampf um die illegale Einwanderung so viel Mobilisierungskraft bei Trumps „vergessenen“ Wählern entfalten, dass die Republikaner die knappe Gestaltungsmehrheit in Senat und Repräsentantenhaus behalten.

Alexandria Ocasio-Cortez wird alles tun, um das zu verhindern. Überall da, wo fortschrittliche demokratische Kandidat/-innen gegen arrivierte Amtsinhaber antreten, stellt sie ihre gewaltige Popularität als Treibstoff zur Verfügung. Ihr eingängiges Motto: „Die ganze Welt hört unsere Botschaft, dass es nicht in Ordnung ist, mächtige Geldgeber über das Wohl der Menschen unserer Gemeinde zu stellen. Die Zeit ist reif für eine Revolution.“

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