Flüchtlinge

Essener helfen, wo Flüchtlinge auf einer Müllkippe leben

Das provisorische Ambulanzzelt im Lager.  

Das provisorische Ambulanzzelt im Lager.  

Foto: Foto: Privat

Essen/Bihac.  Mitten in Europa leben Menschen unter fürchterlichen Bedingungen. Vier Essener haben im Camp Vucjak in Bosnien für vier Tage ausgeholfen.

Jeden Abend brechen kleine Trupps auf und versuchen, sich nach Kroatien durchzuschlagen. Fast immer kommen sie zurück. Ohne Schuhe, ohne ihre Mobiltelefone, ohne ihr Geld. Verprügelt, mit Platzwunden, Blutergüssen, Schnittwunden. The Game, das Spiel, nennen die Flüchtlinge ihre verzweifelten Versuche, in die Europäische Union zu gelangen und das Lager Vucjak hinter sich zu lassen. Timo Sefz hat die Wunden der Menschen versorgt und ihr Elend erlebt. Der Essener Krankenpfleger war vier Tage in Vucjak, und diese vier Tage haben einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen.

Vucjak nahe der bosnischen Kleinstadt Bihac ist einer dieser Orte mitten in Europa, in denen die Flüchtlingskrise noch sehr real ist. In Bihac leben rund 3000 Flüchtlinge, viele von ihnen stammen aus Afghanistan und Pakistan. Die Stadt ist überfordert, deswegen hat die Stadtverwaltung im Juni das Lager Vucjak aus dem Boden gestampft. Auf einer ehemaligen Mülldeponie. Hunderte Flüchtlinge wurden gegen ihren Willen dorthin transportiert. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hilft hier nicht. Das Lager entspricht nicht den Standards.

Fürchterliche Zustände im Camp

„Wir haben über Verdi von dem Lager erfahren“, erzählt Timo Sefz. Zusammen Berna Kocak, Alexandra Willer und Gerd Küpper, drei Kollegen vom Essener Uni-Klinikum entschied er sich zu helfen. Mitte August brachen die vier auf, im Gepäck Kleidung und Decken. Sie hatten zwar in den sozialen Netzwerken einiges über das Camp gelesen, Dirk Planert, ein Journalist aus Dortmund, berichtet seit Monaten über die Zustände dort und hat Hilfsstrukturen wie ein Ambulanzzelt aufgebaut. Aber es war trotzdem eine Reise ins Ungewisse. „Ein bisschen Nervosität war schon dabei“, erinnert sich Sefz.

In Vucjak trafen sie fürchterliche Zustände. „Man kann sich nicht vorstellen, wie die Menschen da leben.“ Die Flüchtlinge liegen auf Decken im Dreck, manche in Zelten, die der türkische Rote Halbmond errichtet hat. Für 1000 Menschen gibt es vier Toiletten, duschen müssen sie im Freien. Das bosnische Rote Kreuz verteilt zwei mal am Tag Essen, es ist aber zu wenig. Auf offenen Feuerstellen backen einige Geflüchtete Fladenbrot und verdienen sich so ein bisschen Geld. „Das ist alles komplett absurd“, sagt Sefz.

In ihrem Hotel in Bihac, wo auch andere Helfer aus Österreich und der Schweiz lebten, lagerten sie Hilfsgüter, die aus Spenden erworben worden waren. „Jeden Morgen sind wir nach dem Frühstück los und haben dann wie am Fließband Patienten behandelt.“ Nach der Versorgung gaben sie eine Banane und etwas Wasser.

Das Zelt, in dem sie die Menschen versorgten, ist ein Provisorium. Blanker Erdboden, einfache Liegen, Matratzen, die mit Müllsäcken geschützt werden, Holztische voller Verbandsmaterial und Medikamente, Infusionsflaschen, die von der Decke baumeln.

Vor dem Ambulanzzelt standen die Menschen Schlange. Leute mit Hauterkrankungen, Geflüchtete, die das „Spiel“ versucht hatten und von der kroatischen Polizei ausgeraubt und zurück nach Bosnien geprügelt worden waren. Weil die Polizisten den Flüchtlingen auch die Schuhe abnehmen, müssen sie barfuß durch dorniges Gebüsch zurück nach Vucjak.

Menschenrechtler prangern das kroatische Vorgehen an

Auf vielen Bildern, die Sefz und seine Kollegen gemacht haben, ist zu sehen, wie sie die Füße von Menschen versorgen. Auf einem Foto ist ein junger Mann mit verbundenen Füßen zu sehen. Sefz ahnt: „Ohne Schuhe werden sich die Wunden entzünden“.

Menschenrechtsorganisationen haben die Brutalität der kroatischen Grenzpolizisten immer wieder angeprangert. Die kroatische Regierung dementiert die Berichte. Muss sie auch. Sogenannte „Push-Back-Operationen“ sind nach EU-Recht illegal. „Die kroatische Polizei setzt Drohnen und Hubschrauber ein, um die Flüchtlinge aufzuspüren“, sagt Sefz. Das „Spiel“ geht weiter. Weil eben einige durchkommen, versuchen es die Flüchtlinge immer wieder.

Nach vier Tagen traten Sefz und seine Kollegen wieder die Rückreise nach Deutschland an. 200, vielleicht 300 Patienten haben sie geholfen. „Man sieht die Dinge jetzt hier bei uns ein wenig anders“, sagt der 41-Jährige. „Diese Leute sind allein, die haben niemanden. Nirgendwo gewollt zu sein und nichts zu haben, das kann man sich nicht vorstellen.“ Der Essener Krankenpfleger warnt: „Im Winter sind in Vucjak Tote zu befürchten.“

Vielleicht fahren er und seine Kollegen wieder nach Bosnien, um zu helfen.

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