Lehrermangel

Lehrer an Problemschulen sollen mehr Gehalt bekommen

Schulen, an denen viele Kinder von Sozialhilfe leben, können freie Stellen oft nur schwer besetzen.

Schulen, an denen viele Kinder von Sozialhilfe leben, können freie Stellen oft nur schwer besetzen.

NRW.  Lehrermangel droht gerade an sozial schwierigen Standorten. Politiker von SPD und Grünen signalisieren Sympathie für den Gewerkschafts-Vorstoß.

Die rot-rot-grüne Landesregierung in Berlin hat sich darauf verständigt, Lehrern und Erziehern an so genannten Brennpunktschulen ein Gehaltsplus von rund 300 Euro im Monat zu gewähren. Eine Regelung, die Zustimmung auch in Nordrhein-Westfalen findet.

Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kündigte an, dies als Anregung bei einem Treffen kurz nach Schuljahresbeginn im NRW-Schulministerium vorzubringen.

„Wir brauchen auch in Nordrhein-Westfalen eine deutlich bessere Förderung der Schulen in sozialen Brennpunkten. Beispielsweise hat die Stadt Duisburg schon vor den Sommerferien Alarm geschlagen, weil dort 100 Lehrerstellen nicht besetzt sind“, so Schäfer gegenüber der NRZ.

Weniger Unterrichtsverpflichtung oder mehr Geld

Deswegen sei ein finanzieller Anreiz ein gutes Instrument, um die Ungleichverteilung zu vermeiden. Alternativ zur Zulage sei es auch denkbar, Lehrerinnen und Lehrer an besonders schwierigen Standorten anzubieten, bei gleichem Gehalt ihre Unterrichtsverpflichtung zu senken und zum Ausgleich zusätzliche Lehrerstellen an der jeweiligen Schule zu schaffen.

Das Problem: Vor allem Schulen in problematischen Stadtteilen tun sich schwer, Personal zu gewinnen. Bereiche wie der Norden von Duisburg und Essen, die rechtsrheinischen Stadtteile von Köln, aber auch Randregionen des Niederrheins bekommen ihre Stellen kaum besetzt.

Sympathie für die GEW-Pläne äußern auch die schulpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen von SPD und Grünen. Jürgen Ott (SPD) will es jedoch nicht bei Anreizen belassen, in seinen Augen ist eine Doppelstrategie zielführend: Einerseits finanzielle Anreize für Lehrkräfte schaffen, die sich bereiterklären, an sozial schwierigen Schulstandorten zu arbeiten, andererseits auch die beamtenrechtlichen Möglichkeiten nutzen und den Schulen Lehrkräfte zuweisen, die diese besonders dringend brauchen. „Sonst können Standorte kippen“, so Ott.

Für Sigrid Beer (Grüne) ist das Anreizsystem ein Instrument, sie will jedoch vor allem die Lehrer an Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen stärken: Sowohl von den Gehältern als auch von der Zahl der zu leistenden Unterrichtsstunden sollten diese ihren Gymnasial-Kollegen gleichgestellt werden.

Das NRW-Schulministerium will sich zu dem Prämienmodell derzeit nicht äußern, verweist stattdessen auf das Modell, Gymnasiallehrer befristet an Grundschulen einzusetzen und Seiteneinsteiger für den Lehrerberuf zu gewinnen.

„Ungleiche Schulen ungleich behandeln“

Für Nordrhein-Westfalens GEW-Chefin Dorothea Schäfer ist der Fall klar: „Auch bei der Lehrerverteilung gilt, dass wir ungleiche Schulen ungleich behandeln.“ Es könne nicht angehen, dass aufgrund des Lehrermangels ausgerechnet an den problematischen Standorten die Klassen und Lerngruppen vielfach deutlich größer seien als an Schulen, die in sozial besseren Standorten beheimatet seien.

Zudem gilt bislang bei der Ressourcenverteilung: Der sogenannte Sozialindex, der ausweist, wie viele Kinder aus sozial schwächeren Haushalten kommen, gilt für eine ganze Kommune – so als gäbe es zwischen den Quartieren in den Revierstädten keine Unterschiede. „Wir müssen diesen Sozialindex präzisieren“, fordert sie.

Das entsprechende Instrumentarium hat eine Arbeitsgruppe der Ruhr-Uni Bochum beispielhaft für die Stadt Mülheim durchexerziert. Die Wohnorte der Kinder – und die Hartz-IV-Haushalte – sind bekannt. Damit kann man die Grundschulstandorte ermitteln, die eine besonders problematische Schülerschaft ausweisen.

Ohnehin, so der schulpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Klaus Ott, bräuchten gerade die Grundschulen „die größte Aufmerksamkeit“, um die Abhängigkeit zwischen Armut und Bildungserfolg abzuschwächen. Dass das Land Gymnasiallehrern angeboten hat, zwei Jahre an Grundschulen zu unterrichten, um ans Gymnasium wechseln zu können, sei keine Dauerlösung. „Lehrer, die nur für zwei Jahre kommen, können Sie eigentlich nur in den Klassen 3 und 4 einsetzen.“

78 000 neue Lehrer werden bis 2028 gebraucht

Ebenso wichtig wie genügend Lehrer, so GEW-Chefin Schäfer, sei Unterstützung durch Teams von Erziehern und Sozialarbeitern sowie die Entlastung der Lehrer durch Verwaltungskräfte.

Ob das reichen wird? Im Schulministerium, wo man im April eine Lehrerbedarfsprognose erstellt hat, sieht man eine dramatische Umwälzung: „Allein in den nächsten zehn Jahren werden (...) in NRW voraussichtlich über 78 000 neu zu besetzen sein.“ In den nächsten 20 Jahren müssen sogar 85 Prozent aller Lehrerstellen im Land neu besetzt werden.“ Dabei schneiden die Schulformen unterschiedlich ab.

Bis 2032 gibt es einen Mangel an Grundschullehrern – das Defizit wird bis 2024 auf 5000 Stellen anwachsen, um dann wieder abzunehmen. Noch dramatischer sieht es für die Sekundarstufe I aus: Fehlen derzeit ebenfalls etwa 1500 Lehrer, so sackt die Kurve der Prognose in den nächsten 20 Jahren auf ein Minus von 12 000 Lehrern. Wohingegen an Gymnasien und in Oberstufen die Zahl der Bewerber deutlich überwiegt – derzeit gibt es schon rund 4000 Lehrer mehr als Stellen, der Berg wächst bis 2038 auf 35000 Stellen. Lehrkräfte, die an anderen Schulformen händeringend gesucht werden.

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