Kommentar

Holocaust-Verharmlosung im Kanzleramt: Wie Scholz versagte

| Lesedauer: 3 Minuten
Jörg Quoos, Chefredakteur der Funke-Zentralredaktion.

Jörg Quoos, Chefredakteur der Funke-Zentralredaktion.

Foto: Dirk Bruniecki

Berlin  Bei einem Besuch des Palästinenserchefs Mahmud Abbas ließ sich der Bundeskanzler vorführen. Nun muss er die Scherben zusammenkehren.

Man muss es so sagen: Es ist ein Schlag für das Ansehen Deutschlands, dass Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in der deutschen Regierungszentrale unkommentiert gegen Israels hetzen durfte. Der Vorwurf, Israel habe „50 Holocausts an 50 Orten“ begangen, ist eine Propaganda, mit der der Gast des Kanzlers die Shoah, die sechs Millionen Menschenleben kostete, unerträglich verharmloste.

Dass der deutsche Bundeskanzler bei diesen Tiraden vor laufenden Kameras daneben stand und nicht sofort energisch widersprach, war ein schwerer Fehler. So ein kommunikativer Blackout darf dem sonst so schlagfertigen Politprofi Olaf Scholz nicht passieren. Völlig egal, welche Dramaturgie und Spielregeln der Regierungssprecher für diese Pressekonferenz vorgesehen hatte – einen öffentlichen Auftritt im Bundeskanzleramt kann man mit solch unglaublichen Aussagen nicht einfach unkommentiert beenden.

Hintergrund: Mahmud Abbas wirft Israel "Holocaust" an Palästinensern vor

Scholz ließ sich von Abbas vorführen

Immerhin: Scholz hat den Fehler schnell erkannt und die unsäglichen Äußerungen von Abbas anschließend scharf kritisiert. Damit konnte er das schlimmste Echo verhindern. Aber wir leben in Zeiten, in denen Bilder wichtiger genommen werden als tausend Worte. Deshalb wird der hochnotpeinliche Moment und der schwer erträgliche Handschlag des Kanzlers mit dem Israelhasser Abbas ewig im digitalen Gedächtnis bleiben. Darüber hinaus hätte Olaf Scholz nicht nur sofort widersprechen, sondern sich mit seinem Regierungssprecher auch besser auf diesen Termin vorbereiten sollen. Mahmud Abbas ist kein Routinegast in Berlin, den man durchwinkt wie den König von Tonga oder die Sternsinger.

2018 behauptete Abbas in einer Rede vor dem Palästinensischen Nationalrat, den Holocaust hätten die Juden durch ihr „soziales Verhalten“ selbst verschuldet. Es lag nahe, dass er den Berlin-Besuch, auf dem internationale Aufmerksamkeit lag, für solch einen Auftritt nutzen würde.

Mehr dazu: Abbas in Berlin: Die Forderungen des Palästinenser-Chefs

Jetzt bleibt dem Kanzler nur, die Scherben zusammenzukehren und auch gegenüber dem irritierten Ausland stoisch zu wiederholen: Der von Deutschen geplante Holocaust war in seiner Monstrosität einmalig. Und Deutschland – so hat es schon seine Vorgängerin Angela Merkel in der Knesset formuliert – trägt eine historische Verantwortung für die Sicherheit Israels, die ein Teil der deutschen Staatsräson ist. Dass auch Bundeskanzler Scholz so denkt, darf trotz des unglücklichen Auftritts im Kanzleramt niemand bezweifeln.

Künftiger Umgang mit Abbas: Kontakte auf das Nötigste beschränken

Bleibt die Frage des künftigen Umgangs mit Mahmud Abbas, dem Palästinenserpräsidenten, der ohne eine demokratische Legitimierung regiert. Er ist verantwortlich für diesen Skandalauftritt und hat sich als ernsthafter Gesprächspartner eigentlich disqualifiziert. Das ist nicht gut für die Palästinenser, die zweifelsohne eine politische Vertretung brauchen, die ihre desaströse Lage verbessert.

Abbas selbst hat realisiert, dass er überzogen hat. Ob sein nachträgliches Einlenken echt ist, darf bezweifelt werden. Es ist eine altbekannte Taktik von Provokateuren, erst Grenzen zu verletzen und anschließend ein bisschen zurückzurudern.

Es wäre besser, die Kontakte zu Abbas auf das Nötigste zu beschränken. Den roten Teppich muss ihm niemand mehr ausrollen. Es gibt in der internationalen Politik keine Verpflichtung, Gäste einzuladen, die sich derart daneben benehmen wie der Palästinenserpräsident. Ein solches Verhalten fällt immer auch auf den Gastgeber zurück. Und einen Verlust an Reputation kann Scholz angesichts multipler Krisen und wichtiger diplomatischer Missionen am allerwenigsten gebrauchen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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